Obdachlosigkeit in Berlin

Nachts unterwegs im Kältebus: Einfach mal die Welt retten

Geschätzt 6000 Menschen leben in Berlin auf der Straße – derzeit bei bitterer Kälte. Die Leute vom Kältebus sind stundenlang unterwegs – heute sind wir dabei. Doch oft wollen Obdachlose ihre Hilfe nicht.

12 Min
Jede Nacht ist der Kältebus auf Berlins Straßen unterwegs, um Obdachlose in den kalten Wintermonaten zu versorgen.

Jede Nacht ist der Kältebus auf Berlins Straßen unterwegs, um Obdachlose in den kalten Wintermonaten zu versorgen.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Schweigen, auf den Sitzbänken des großen Transporters herrscht Schweigen. Nur ab und an ist das leise Seufzen einer Frau auf dem Rücksitz zu hören, das Husten ihres Begleiters oder eine kurze Absprache zwischen dem Fahrer und seiner Kollegin. Im Radio singt die Girlgroup TLC ihren 90-Jahre-Hit „Unpretty“, und draußen auf den Straßen ziehen ständig die Gesichter von Christian Lindner und Robert Habeck vorbei. Wahlplakate über Wahlplakate. „Zuversicht“ steht da in Großbuchstaben unter dem Konterfei des Grünen-Kanzlerkandidaten. Ein ganz klein wenig Zuversicht bedeutet auch dieser Bus – wenigstens für diesen Abend. Er ist unterwegs zu einer Notunterkunft für Obdachlose.

In diesem Kältebus der Berliner Stadtmission sitzen drei von schätzungsweise 6000 Menschen, die in Berlin obdachlos sind. Die beiden ehrenamtlichen Helfer, Markus S. und Karla K., haben die drei am Kottbusser Tor abgeholt und bringen sie nun an einen sichereren Ort – zumindest für ein paar Stunden. Dauerhafte Unterbringungen für Obdachlose gibt es in Berlin nicht. Sie sind jeden Tag aufs Neue auf sich selbst gestellt.

Es ist nicht klar, wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben. Bei einer groß angelegten Zählaktion im Jahr 2020 wurden 1979 Menschen gezählt. Allerdings wurde die Zählung nur im öffentlichen Raum und in Notunterkünften durchgeführt. Organisationen wie die Stadtmission gehen davon aus, dass nicht alle Menschen gefunden wurden, da Privatgelände und teilweise Parks außen vor blieben. Schätzungsweise leben wohl zwischen 2500 und 6000 Menschen auf der Straße.

Die Kältebusse sind inzwischen seit 30 Jahren auf Berlins Straßen unterwegs. Allein im vergangenen Jahr haben die Busse mehr als 30.000 Kilometer zurückgelegt und 1580 Menschen in Notunterkünfte gebracht. Das Projekt wird im Wesentlichen von Ehrenamtlichen getragen. Das gesamte Team besteht aus 62 Personen, nur zwei von ihren sind Festangestellte, alle anderen sind freiwillig dabei.

Markus engagiert sich seit 2015 ehrenamtlich beim Kältebus. Einmal die Woche fährt er mit dem Transporter durch die Stadt. Fast jede Woche ist er in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag unterwegs. Hauptberuflich arbeitet er beim Zoll, am Donnerstagmorgen hat er frei.

An diesem Tag sitz Karla neben ihm auf dem Beifahrersitz. Sie fährt seit 2019 im Kältebus mit und arbeitet tagsüber im Marketing eines Start-up-Unternehmens. „Ein Freund hat mir damals einen Facebook-Aufruf für den Suppen-Bus geschickt“, erinnert sich Karla. Inzwischen ist sie ein bis zweimal pro Woche im Bus dabei, an einem Abend macht sie zusätzlich eine Schicht in der Hotline, die die Aufträge an die Kältebusse verteilt.


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Angewiesen auf Ehrenamtliche und Empathie

Abends geht es an der Stadtmission nahe dem Hauptbahnhof los. In der Küche läuft laut Techno. Die drei Kältebusse stehen bereit – KW eins, KW zwei und KW drei, wie die Teams sie nennen. Sie werden für die Nacht beladen. Jeder Bus nimmt ein paar Schlafsäcke und Isomatten mit. Außerdem werden Fünf-Minuten-Terrinen, Krümeltee, Krümelkaffee und andere Kleinigkeiten wie Kekse eingepackt.

KW eins fährt mit vier Aufträgen los. In Rot, Orange und Grün leuchten sie Karla auf dem Tablet entgegen. „Ein Mann fragt nach einem Schlafsack“, steht dort. Oder: „An der Ecke liegt jemand.“ Oder: „Hier möchte jemand abgeholt und in die Notunterkunft gebracht werden.“  Früher sind die Kältebusse vor allem auf gut Glück durch die Straßen Berlins gefahren. Wenn das Team jemanden gesehen hat, blieb man stehen und kümmerte sich. Inzwischen arbeitet die Stadtmission mit einer eigens eingerichteten Hotline.

Zwei Mitarbeiter sitzen zu Hause und nehmen die Anrufe entgegen. Sie kommen meist nicht direkt von den Menschen, die Hilfe benötigen, sondern von Passanten. Damit diese Art der Hilfe funktioniert und auch dort ankommt, wo sie gebraucht wird, sind die Kältebusse auf die Empathie der Berlinerinnen und Berliner angewiesen.

Bevor die Kollegen, die die Anrufe entgegennehmen, einen Auftrag in das System eingeben und an die Kältebusse weiterleiten, nehmen sie während des Anrufs eine Voreinschätzung vor. Rot bedeutet: Es ist dringend. Bei grünen Fällen eilt es nicht. Und Orange ist irgendwo dazwischen. Die Wahrheit ist aber, es gibt keine grünen Fälle.

Denn in jedem einzelnen Fall geht es um einen Menschen, der auf der Straße lebt. Es geht um Menschen, deren Existenz sich vor allem im Winter von Tag zu Tag aufs Neue entscheidet. Sie sind angewiesen auf Ehrenamtliche wie Markus und Karla, auf gutherzige Mitmenschen und auf Glück.

Denn auch wenn viele Obdachlose wissen, wo der Aufenthalt am sichersten ist, und welche Stellen sie lieber meiden sollten, sind sie auf der Straße vielen Dingen ausgesetzt, die sie nicht beeinflussen können. Dazu zählt neben gewalttätigen Angriffen auch das Wetter. Nach seiner ersten Tour im Kältebus vor zehn Jahren dachte Markus erleichtert: „Sei froh, dass du ein warmes Bett hast und was zu essen.“ Er dachte: „Mir geht’s doch gut.“

Obdachlose wollen oft nicht in die Notunterkünfte

Der erste Halt für KW eins ist in Mitte. Der wuchtige Transporter schiebt sich vorsichtig zwischen den Baustellen in einer Nebenstraße der Friedrichsstraße hindurch. Karla und Markus schauen aus dem Fenster, suchen, scannen die Gehwege und die wenigen Personen, die spätabends im Januar bei etwa ein Grad Celsius noch unterwegs sind.

„Gute Ausrüstung rettet Leben“, sagt Zsolt Lugosi. Er möchte nur einen Schlafsack der Stadtmission und nicht in eine Notunterkunft gebracht werden.

„Gute Ausrüstung rettet Leben“, sagt Zsolt Lugosi. Er möchte nur einen Schlafsack der Stadtmission und nicht in eine Notunterkunft gebracht werden.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Markus parkt den Bus vor den Fenstern einer Bar, in der gelegentlich B-Prominenz der deutschen Medienwelt anzutreffen ist. In einem Hauseingang direkt nebenan liegt Zsolt Lugosi. Der gebürtige Ungar ist 60 Jahre alt und lebt seit September 2014 auf der Straße. Er hockt unter dünnen Decken frierend in einem Hauseingang. Er freut sich über den Schlafsack, den ihm Karla und Markus geben. Er freut sich über die Suppe, die Kekse, den heißen Tee. Aber von den beiden mitgenommen werden möchte er nicht. „Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt er über die Notunterkünfte. Dass er heute hier in Berlin-Mitte ist, das sei sowieso eine Ausnahme. „Normalerweise bin ich in Nikolassee“, sagt er. „Da ist es ruhig.“

Bevor er obdachlos wurde, lebte Zsolt in Österreich und hat dort auch gearbeitet. Dann verlor er seinen Job, konnte sich aber noch etwa sechs Monate mit seinen Ersparnissen über Wasser halten. Als das letzte Geld weg war, verlor er seine Wohnung. Das weiß er noch ganz genau, aber wann und wie er nach Berlin kam, kann Zsolt heute nicht mehr wirklich beantworten.

Er lobt das Kältebus-Team. „Ihr habt mir das Leben gerettet“, sagt er und erzählt von einem Schlafsack, den sie ihm vor etwa drei Jahren gegeben haben. „Gute Ausrüstung rettet Leben“, sagt er immer wieder. Und auch, dass er dankbar ist, dass sich jemand einfach einen Moment Zeit nimmt, um mit ihm zu sprechen. Die Dinge, die sich Zsolt wünscht, klingen für die allermeisten sehr simpel, doch für ihn sind sie unerreichbar. „Ein eigenes Zimmer“, sagt er,  „und jeden Tag ein warmes Essen kochen.“

Zsolt hat keinen Sozialarbeiter, der ihm hilft. Er erzählt, es sei schwierig, Unterstützung zu bekommen, da er kein Deutscher ist. Er behauptet, er müsse erst fünf Jahre ununterbrochen in Deutschland leben, um Anspruch auf gewisse Hilfen zu haben. Aber warum sagt er dann nicht einfach, dass er schon fünf Jahre lang hier lebt? Niemand könnte doch herausfinden, ob das stimmt. „Ich will nicht lügen“, sagt Zsolt. Dann bedankt er sich noch einmal – für den Schlafsack und fürs Zuhören.

Christian fragt an einer U-Bahn-Station nach Kleingeld, von Karla möchte er nur einen heißen Kaffee haben.

Christian fragt an einer U-Bahn-Station nach Kleingeld, von Karla möchte er nur einen heißen Kaffee haben.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Keine Plätze für Frauen und Rollstuhlfahrer

Dann muss der Kältebus weiter, zum Platz der Luftbrücke. Es gibt keine festen Routen, die Busse fahren nach ihren Aufträgen, und die führen sie auch quer durch die ganze Stadt. Auf dem Weg in den Süden der Stadt halten Markus und Karla kurz an, weil sie jemanden allein auf der Straße sehen. Der Mann möchte nur einen Kaffee.

Am Platz der Luftbrücke dauert es eine Weile, bis Markus und Karla die Frau finden, der sie helfen sollen. Sie bekommen immer eine Beschreibung der Personen. „Sie trägt eine orangefarbene Mütze und hat zwei Plastiktüten dabei“, heißt es dieses Mal. Es kommt auch vor, dass die Personen längst nicht mehr vor Ort sind, wenn der Kältebus eintrifft. Markus und Karla finden die Frau auf der anderen Seite der Kreuzung am Columbiadamm. „Ich bin sehr müde“, sagt die Frau. Sie möchte nicht reden, aber sie steigt ein. Auf dem Weg hin zu einer möglichen Notunterkunft fallen ihr immer wieder die Augen zu.

Für Markus und Karla beginnt nun eine der schwierigsten Aufgaben der Nacht: Eine Unterkunft finden, die die Frau aufnehmen kann. In Berlin gibt es keine 2000 Schlafplätze für Obdachlose im Winter. Unterkünfte nur für Frauen gibt es nicht so viele – und besonders prekär ist die Situation für Obdachlose, die im Rollstuhl sitzen. Und es gibt nur vereinzelt Unterkünfte, in der Obdachlose länger als eine Nacht bleiben können.

Die Berliner Kältehilfe gibt jährlich einen Wegweiser heraus, der alle Notunterkünfte, Nachtcafés und andere Versorgungsstellen in Berlin auflistet. Von den insgesamt 26 aufgeführten Unterkünften sind nur sechs als barrierefrei ausgewiesen. Weitere sechs sind nur Frauen vorbehalten.

Und dabei, sagt Markus, sieht er immer mehr Frauen und Rollstuhlfahrer auf den Fahrten. Wegen des Mangels an barrierefreien Unterkünften kommt es schon mal vor, dass die Mitarbeiter der Kältebusse die Betroffenen nirgends unterbringen können.

Bei der Suche nach Unterkünften stoßen die Mitarbeiter immer wieder auch auf andere Schwierigkeiten: Manche Obdachlose habe in bestimmten Unterkünften ganz einfach Hausverbot, weil sie sich nicht an die dortigen Regeln gehalten haben. Oder die Leute lehnen es mal ab, in eine bestimmte Unterkunft gebracht zu werden, weil sie dort negative Dinge erlebt haben.

Für die Frau vom Platz der Luftbrücke geht es in eine Unterkunft in Kreuzberg. Unterwegs fährt der Kältebus am Kottbusser Tor vorbei, dort hat sich auf dem kleinen Platz direkt unter den Gleisen der U1 und U3 eine Menschentraube gebildet. „Ah, da ist die Obdachlosenhilfe“, sagt Karla.

Als sie für einen neuen Auftrag etwa 15 Minuten später zurück zum Kottbusser Tor kommen, ist der Platz wie leer gefegt. Unten in der Station wollen Markus und Karla ein Pärchen abholen. An einem Platz wie dem Kottbusser Tor ist die Situation anders als zuvor am Platz der Luftbrücke. Hier ist auch am Abend noch viel los – und vor allem sind hier viele Menschen, die Markus und Karla an ihren Westen erkennen. Ein Mann hält die beiden an, um nach einem Schlafsack zu fragen. Eine Frau, sie stellt sich als Jacky vor, will Markus und Karla erzählen, welche negativen Erfahrungen sie zuletzt mit anderen Helfern gemacht hat. Sie wird spontan mitfahren in die Notunterkunft.

Jede Nacht bringen die Kältebus-Teams zahlreiche Menschen in Notunterkünfte. Dort können sie für eine Nacht bleiben.

Jede Nacht bringen die Kältebus-Teams zahlreiche Menschen in Notunterkünfte. Dort können sie für eine Nacht bleiben.

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

„Wir können nicht jeden retten“

Jacky erzählt, dass sie seit zwei Jahren auf der Straße lebt. Sie erzählt, dass sie Drogen konsumiert. „Wie soll das gehen, nüchtern?“, sagt sie und deutet auf dem Bahnsteig der U8 in ihre Umgebung. Sie versucht, dort zu bleiben, wo viele Menschen sind – hauptsächlich am Kottbusser Tor. Dort scheint sie bekannt zu sein oder zumindest viele der anderen Obdachlosen zu kennen, die dort ausharren. Als Markus und Karla sie nach dem Paar fragen, für das sie hergekommen sind, weiß Jacky sofort Bescheid.

Es dauert eine Weile, bis Markus und Karla die U-Bahn-Station wieder verlassen können. Sie müssen lange telefonieren, um einen Platz für die drei Menschen zu finden. Eine der Notunterkünfte, die 125 Leute aufnehmen kann, ist zu diesem Zeitpunkt bereits mit zehn Leuten mehr überfüllt. Sie finden noch drei freie Plätze in einer Unterkunft in der Nähe der Frankfurter Allee. Dort können die drei bleiben für die Nacht. Am nächsten Morgen werden sie sich neu organisieren müssen.

Die Arbeit des Kältebusses ist nur Symptombekämpfung. Die eigentlichen Probleme, die in Berlin zu wachsender Obdachlosigkeit führen, können die Ehrenamtlichen der Stadtmission nicht in den etwa vier Monaten lösen, in denen sie im Winter auf den Straßen unterwegs sind. „Selbst wenn wir ununterbrochen 24 Stunden fahren würden, könnten wir nicht jeden retten“, sagt Markus. „Aber zu wissen, man konnte vielleicht ein oder zwei Personen vor dem Kältetod retten, das fühlt sich gut an.“

Karla falle es oft schwer, irgendwann nach 2 Uhr morgens die Schicht zu beenden, obwohl doch dort draußen überall noch Obdachlose sind. „Ich sage mir dann: Es ist okay, wenn wir jetzt Feierabend machen.“ Denn sie weiß, dass jemand, der um 4 Uhr morgens in eine Notunterkunft gebracht wird, meist um 6 Uhr wieder aufstehen muss. Denn am Morgen müssen die Unterkünfte wieder leer sein und die Menschen zurück auf die Straße.

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 die Obdachlosigkeit zu beenden. Das ist nach Ansicht von Karla eine Utopie. Sie sieht, wie die aktuellen Zustände sind – und vor allem sieht sie keine Besserung. „Da geht es an so vielen Stellen nicht vorwärts. Wie soll das funktionieren?“

Wie lernen die beiden, damit umzugehen? Dass sie jeden Tag sehen, wie Menschen auf der Straße leben und von Gesellschaft und Politik vergessen werden? „In erster Linie ist man wütend“, sagt Markus. „Man gewöhnt sich nie dran“, sagt Karla. „Aber ich will mich auch gar nicht daran gewöhnen. Man sollte die Augen davor nicht verschließen.“ Sie macht eine kurze Pause. „Das System lässt die Menschen mehr als genug im Stich. Wir tun unser Bestes, Abhilfe zu schaffen, aber es ist bei weitem nicht genug.“ Ihre Schicht wird in dieser Nacht noch vier Stunden dauern.

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