Die neue Vize-Präsidentin des deutschen Parlaments, die Grüne Claudia Roth, ist stolz: Man habe die Fenster im Bundestag ein gutes Stück weiter aufgestoßen. Auch ihr Fraktionskollege Sven Kindler begrüßt den Schritt als überfällig. Kein Wunder, gehörte er doch vor drei Jahren selbst zu den Opfern. Wie mit ihm ein Linken-Schriftführer und vor ihm der SPD-Politiker Gerhard Schröder, ehe er zum Kanzler aufstieg. Und wer weiß, wie hoch die Dunkelziffer der Abgeordneten ist, die seit Jahrzehnten leise unter ihm leiden: dem Krawattenzwang.
Das hat nun ein Ende. Auf Antrag von Roth beschloss das Bundestagspräsidium, dass ein Schriftführer der Würde des Hauses auch ohne Halsbinder gerecht wird. Damit wird ein fraktionsübergreifender Konflikt, ja ein Kulturkampf endlich befriedet.
Hatte Schröder bereits 1980 einen Ordnungsruf von Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger (SPD) kassiert, weil er als Erster eine Plenarrede ohne Schlips hielt, war der Kleidungskrieg selbst 2011 nicht vorbei. Damals drängte das unionsdominierte Präsidium die unbeschlipsten Schriftführer von Grünen und Linken aus ihrer Funktion, indem es sie nicht mehr einsetzte. Als Schriftführer, so die CDU, sei „zwingend eine Krawatte oder Entsprechendes umzulegen“, um die Würde des Hauses zu wahren.
„In der Geschäftsordnung gibt es keine Kleidervorschrift“, sagt Kindler, der wegen Schlipslosigkeit nicht mehr neben dem Bundestagspräsidenten sitzen durfte. „Die Bitte um Respekt so auszulegen, war anachronistisch“, sagt der Grüne, der durchaus öfter Krawatte trägt. Abgeordnete seien selbst in der Lage, sich angemessen zu kleiden, findet er – und ist zu höflich, nach der Vereinbarkeit von Blümchenkrawatte und Bundestagswürde zu fragen. „Mit der Abschaffung des Krawattenzwangs lassen wir viel Muff entweichen“, freut sich Claudia Roth.
Zugleich ist die Halsbefreiung ein Schritt zur Gleichberechtigung des Mannes. Frauen ohne Schlips kriegten nämlich nie Ärger. Ob SPD, Grüne und Linke darum ausschließlich Frauen zu Stellvertretern für CDU-Bundestagspräsident Norbert Lammert wählten? Fakt ist: Weil unter Grünen und Linken kaum einer so spießig sein wollte, sich dem Schlipsdiktat zu beugen, fand man nur schwer männliche Schriftführer. Vielleicht war das ja der wahre Grund für die Reform.
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