Krebskongress in Berlin

Training ist gut für Tumorpatienten

Auf der größten medizinischen Fachtagung Deutschlands geht es um neue Erkenntnisse über Sport mit Krebs und um die Qualität der Behandlung in zertifizierten Kliniken.

Anne Brüning
4 Min

Seit Mittwoch dreht sich auf dem Südgelände der Messe Berlin alles um Tumorerkrankungen. 10 000 Teilnehmer aus Forschung, Medizin und Politik hat der 31. Deutsche Krebskongress angelockt. Neben den vielen Neuigkeiten für Experten dürfte eine Botschaft für Patienten besonders interessant sein. Sie lautet: in Bewegung bleiben!

Bei Krebskranken war man sich bisher nicht so sicher, ob es besser ist, sich zu schonen oder zu bewegen. Pauschale Antworten sind ohnehin schwierig. Neue Erkenntnisse, die am heutigen Freitag auf in Berlin vorgestellt werden, sprechen jedoch sehr dafür, auch nach oder sogar während einer Krebserkrankung die Turnschuhe anzuziehen und aktiv zu werden – wenn Sporttauglichkeit attestiert wurde.

Selbst intensives Training schadet nicht, hat ein Team um Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln herausgefunden. Es ließ Krebspatienten und eine gesunde Kontrollgruppe Halbmarathon laufen und kontrollierte die Immunwerte. Das Resultat: Anstrengende Aktivität ist möglich und nicht gesundheitsschädlich. Das Immunsystem der Krebspatienten wurde sogar besser aktiviert als das der Vergleichsgruppe.

„Normalerweise scheuen Tumorpatienten vor intensivem Sport zurück“, sagt Blochs Mitarbeiter Freerk Baumann. „Sie haben Angst, dass ihr Immunsystem geschwächt wird durch die Anstrengung und dass der Krebs dann wieder leichtes Spiel hat“, sagt der Sportwissenschaftler. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Denn das Immunsystem stelle sich in der Phase der Regeneration, wenn sie ausreichend lang ist, auf die Belastung ein.

Die Kölner Sportforscher ließen außerdem Brustkrebspatientinnen den Jakobsweg in Nordspanien entlangwandern, 20 Kilometer täglich, sechs Wochen lang. Dabei wurde beobachtet, ob sich freie Radikale im Blut bilden. Diese aggressiven Sauerstoffverbindungen sind gefürchtet, weil sie das Erbmaterial angreifen und Krebs auslösen können. Es gibt jedoch im Körper auch Gegenspieler, Radikalenblocker. „Normalerweise sind beide Fraktionen im Gleichgewicht. Das Wandern erhöhte sogar den Anteil der Blocker und glich sich den freien Radikalen an“, sagt Baumann.

Physiologisch gesehen scheinen also selbst lange Wanderungen förderlich zu sein . Und für die Psyche sind sie ein Glücksfall. Baumann: „Gerade Krebspatienten trauen sich wenig zu, ziehen sich zurück, bewegen sich nur wenig, zeigen Angst- und Depressionssymptome. Die langen Wanderungen haben bei unseren Probanden diese Symptome erheblich verbessert.“

„Zertifizierung“ ist ein häufiges Stichwort auf dem Kongress. Dabei geht es darum, die Qualität der Krebsbehandlung zu messen und zu verbessern. Die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Krebshilfe haben in Deutschland ein Zertifizierungssystem für solche Zentren etabliert, in denen die Qualität der Zusammenarbeit, die Strukturen, Prozesse und Behandlungsergebnisse regelmäßig überprüft und verbessert werden. Inzwischen gibt es 850 davon.

Es scheint der richtige Weg zu sein, zeigt eine Analyse, die Monika Klinkhammer-Schalke, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren, vorstellte. Sie hat Daten der Deutschen Krebsgesellschaft und der klinischen Krebsregister aus dem Jahr 2011. Am Beispiel von Darmkrebs wollte sie wissen, ob zertifizierte Zentren bessere Ergebnisse erzielen als nicht-zertifizierte Kliniken oder Ambulanzen. Ein Qualitätsindikator bei der Behandlung von Darmkrebs ist zum Beispiel, ob auf die Operation eine Chemotherapie folgt. Die Analyse ergab: In zertifizierten Zentren wird diese von Fachgesellschaften empfohlene Prozedur bei knapp 71 Prozent der Patienten vorgenommen, in anderen Praxen und Kliniken nur bei 59 Prozent. Auch bei anderen Indikatoren schnitten zertifizierte Zentren signifikant besser ab, berichtet Klinkhammer-Schalke.

Nun geht es darum, die Art der Versorgung mit Qualitätssiegel breit umzusetzen und publik zu machen. „Bei Brustkrebs ist die Botschaft bereits angekommen. Mehr als 90 Prozent der Patientinnen werden mittlerweile in zertifizierten Zentren behandelt“, sagt Klinkhammer-Schalke. Bei Darmkrebs hingegen sind es nur 38 Prozent, bei Lungenkrebs ungefähr ein Drittel.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema