Wer von Westen nach Donezk reist, der überquert diese Grenze in Kurachowo. Auf den Feldern liegen abgeknickte Strommasten, in der Ferne sind Abraumhalden und Fördertürme zu sehen. Die ukrainische Armee hat Panzer eingegraben und Schützengräben aufgeworfen. Die Angst vor einer Offensive der Separatisten ist groß. Die Grenze ist ja nicht mehr als eine Waffenstillstandslinie, und niemand erwartet, dass dieser Waffenstillstand halten wird. Wer weiß, wo die Grenze morgen verläuft?
In einem Container sind Soldaten der Grenztruppen untergebracht. Sie kontrollieren Pässe und die „Passierscheine Sektor B“, die seit Januar den Grenzübertritt regeln. Wer von außen nach Donezk hinein will, für den sind die Passierscheine leicht zu bekommen; wer in Donezk gemeldet ist und hinaus will, hat es schwer.
Kiew will Sicherheit, aber es will zugleich Druck auf die Separatisten ausüben, indem es den Einwohnern ihrer Gebiete das Leben schwer macht. Am Straßenrand warten Lastwagen und Fernbusse auf die Kontrolle. Wer einreist, darf nur 50 Kilogramm Waren mitbringen, das Reisegepäck wird ausgeladen und einzeln kontrolliert. Dann kommt das Niemandsland und bald darauf die erste Straßensperre der Separatisten. Sie ist schnell überwunden.
Donezk, einst eine wohlhabende Millionenstadt, hat aus dem Krieg zurückgefunden in eine friedlichere Wirklichkeit, aber diese Wirklichkeit ist nicht mehr die alte. Die Stadt wirkt wie ein nach Siechtum Genesender; es geht ihr schlecht, und doch freut man sich über neue Lebenszeichen. Die meisten Läden sind geschlossen, die Werbetafeln über der Fahrbahn leer, die Bankautomaten abgeschaltet. Ein einziges Einkaufszentrum ist geöffnet.
Aber wenn die Sonne herauskommt, dann strömen die Menschen heraus auf den Puschkinboulevard, Kinder spielen auf den Spielplätzen, und die Jugend flaniert im Zentralpark, wo das Riesenrad steht und man mit Luftgewehren auf das Porträt des Kiewer Premierministers schießen kann. Die Zivilisten erobern die Stadt zurück von den Uniformierten.
Sogar die Hauptpost hat wieder einen offenen Schalter. „Post des Donbass“, steht auf dem neuen Stempel. Briefmarken gibt es noch nicht, zugestellt wird nur in den Gebieten, die von den Separatisten kontrolliert werden. Abends, bevor die Ausgangssperre einsetzt, trinken die Schicken in der Jusowka-Brauerei, wo man neuerdings Gewehrschränke in der Garderobe installiert hat.
Lesen Sie weiter, was geschieht, wenn über dem Donbass die Nacht hereinbricht.
Man hört den Krieg
Aber es ist ein ärmliches Leben, das hier wieder einsetzt. Das Schachtjor-Stadion, das modernste Fußballstadion der Ukraine, ist jetzt eine Lagerhalle für Hilfsgüter; der Milliardär und Clubeigentümer Rinat Achmetow versorgt Donezk und bewahrt so seinen Einfluss. In den Supermärkten stehen meterweise dieselbe Sorte Nudeln, dieselbe Sorte Sauermilch.
Die Wirtschaftsblockade hat das Sortiment ausgedünnt, die Preise hochgetrieben. Bargeld ist knapp. Wer an sein ukrainisches Konto will, der muss über die Grenze ins Regierungsgebiet fahren oder zum Bargeld-Händler gehen, der acht bis zehn Prozent der abgehobenen Summe einbehält. In den Läden kann man nicht mehr per Karte zahlen, nur in der Supermarktkette Preiselbeere haben sie einen Ausweg gefunden, per Online-Banking: Erst tippt die Kassiererin mühsam die Kartendaten ein, dann diktiert ihr der Kunde den Einmal-PIN-Code von seinem Handy.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der russische Rubel die Lücke im Geldverkehr füllt, dann wird die Grenze auch zwei Währungsräume trennen. Seit 1. April sind überall zusätzlich Rubelpreise ausgezeichnet. Auch die Renten werden seit Anfang April in Rubel ausgezahlt – in den Filialen der „Ersten Republikanischen Bank“, des einzigen Geldhauses. Schlangen stehen davor.
Kiew hatte schon im Sommer Rentenzahlungen eingestellt; nur wer offiziell in die restliche Ukraine übersiedelte, erhielt noch Geld. Die neuen Rubelrenten werden offiziell von der Volksrepublik gezahlt, aber in Wahrheit von Russland. Schließlich haben die Volksrepubliken fast keine Einnahmen, schon gar nicht in Rubel, und Rentner gibt es viele.
Abends, wenn die Straßen leer sind, und alle versuchen, vor der Sperrstunden zu Hause zu sein, hört man den Krieg. Es wummert und bummert aus der Richtung des Flughafens, und wenn die Ukrainer wieder mal eine Drohne über die Innenstadt schicken, dann wird auch in der Innenstadt aus allen Läufen in den Himmel gefeuert. Leuchtspurmunition zieht über die Dächer.
Man muss nicht weit fahren, um die Spuren heftiger Kämpfe zu sehen. Nur zehn Autominuten vom Zentrum liegt die gesprengte Putilow-Brücke. Ein ausgebranntes Motorrad mit Beiwagen steht darunter, zwei Alte laden Metallschrott auf ein Wägelchen. Nicht nur die Autohäuser sind ausgebrannt – sogar die Birken tragen helle Schusswunden.
Der Bahnhof von Donezk ist schon seit August nicht mehr in Betrieb. Er liegt am nordwestlichen Rand der Stadt. Von dort ist es bis zur Front so nah, dass auf dem Bahnhofsdach ein militärischer Beobachtungspunkt eingerichtet ist. Dafür gibt es den Bahnhof Jasinowataja im Nordosten. Das Gebäude ist groß und leer, auf der Tafel stehen Fernzüge, die längst nicht mehr verkehren.
Immerhin fährt seit Ende März wieder ein Vorortzug Richtung Lugansk, drei Mal die Woche, Abfahrtszeit acht Uhr morgens. Neun Monate lang war die Bahnverbindung nach Osten abgerissen, weil Regierungstruppen den Eisenbahnknotenpunkt Debalzewo hielten. Anfang des Jahres eroberten ihn Separatisten mit russischer Hilfe zurück, in einer blutigen Schlacht.
Im Waggon sitzen nur ein knappes Dutzend Menschen. „Das letzte Mal bin ich vergangenen Sommer gefahren, am 28. Juni“, erzählt die Schaffnerin. „Wir haben uns mit den Passagieren auf den Boden des Waggons gelegt, als wir durch Debalzewo fuhren, wegen der Schießerei.“ Vor den Fenstern wechseln sich Sonne, Regen und Graupel ab, auf den Nebengleisen stehen gut gefüllte Kohlewaggons. Der Reichtum des Donbass wartet auf eine Gelegenheit, in den Wirtschaftskreislauf zurückzukehren.
In Jenakijewo, der Heimat des gestürzten Präsidenten Janukowitsch, müssen wir warten. Zwei flache Güterwaggons werden vor die Diesellok gekoppelt, zum Schutz gegen Minen auf dem Gleisdamm. In der Ferne hört man Explosionen, aber die Mitreisenden reagieren nicht darauf. Entweder hier feuert die Artillerie, oder es werden Blindgänger entschärft. Hinter Uglegorsk häufen sich links und rechts vom Bahndamm die Krater von Einschüssen. Auch das zweite Gleis ist vielerorts zerschossen.
In Debalzewo verlassen wir den Zug. Das alte Bahnhofsgebäude, einst eines der prächtigsten des Zarenreiches, ist übersät mit Einschusslöchern. Drinnen hängt ein Ölgemälde: Befreiung der Stadt von den Faschisten 1943, Rotarmist küsst Mädchen vor brennendem Bahnhof. Das Stadtzentrum von Debalzewo ist auch 2015 in traurigem Zustand.
Die Dächer sind durchlöchert, die Fenster mit Plastikplanen ersetzt, vor der Buchhandlung steckt im Asphalt die Hülse einer „Grad“-Rakete. Es gibt kein einziges Café, bloß eine Sozialkantine, wo auf Lebensmittelkarten ein einfaches Mittagessen ausgegeben wird. Vor dem ehemaligen ATB-Supermarkt steht eine Schlange von rund 40 Einwohnern, meist ältere Frauen. Heute werden auf Abschnitt 6 der Lebensmittelkarten Zwiebeln und Kartoffeln ausgegeben, außerdem gibt es den üblichen halben Brotlaib pro Person. Etwas weiter empfängt ein Mediziner von Ärzte ohne Grenzen Patienten in einem Kleinbus.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie Verbände und militärische Gruppierungen die ausgerufenen Volksrepublik neu ordnen.
Gentrifizierung der Volksrepublik
In der ehemaligen Eisenbahnverwaltung ist das Rathaus einquartiert. Wenn der kalte Wind die Plastikplanen in den Fenstern umschlagen lässt, knallt es. In einem der wenigen beheizten Räume im ersten Stock sitzt Alexander Afendikow, auf seiner Militäruniform steht eingenäht „Verwaltungschef“. Hinter ihm hängt die alte russische Reichsflagge in Schwarz-Gelb-Weiß mit der Aufschrift „Rechtgläubige Armee“, rechts Stalin über ein paar Ikonen, links steht eine afrikanische Giraffenskulptur.
Afendikow ist Monarchist und Stalinist zugleich und hat überhaupt sehr unklare Vorstellungen von der Vergangenheit. Er ist Bauunternehmer aus Makejewka, jetzt Kriegsunternehmer. Im vergangenen Frühjahr hat er eine Kampfgruppe gegründet, „Griechen“ hießen die. Das ist auch der Spitzname von Afendikow. Er ist selbst ethnischer Grieche, davon gibt es viele im Donbass. Später hießen die Griechen „die durchgeknallten Griechen“ (wegen unserer tollkühnen Angriffe, sagt er), dann „Spezialkomitee des NKWD der Volksrepublik Donezk“. NKWD, so hieß schon Stalins berüchtigter Geheimdienst. Derzeit sind die durchgeknallten Griechen eine Sondereinheit des Militärs.
Debalzewo sei zu 92 Prozent zerstört, sagt Afendikow. Aber Mobilfunk und Stromversorgung seien wiederhergestellt, Wasser gebe es in den unteren Etagen, Heizung in einzelnen Gebäuden. Von einst 32.000 Einwohnern seien bei der „Befreiung“ 4500 im Ort gewesen, jetzt seien es schon wieder 20.000. Und wenn Russland helfend eingreife, dann könnten es leicht 100.000 werden, prophezeit er frohgemut.
Wer die Zerstörungen verursacht hat, das ist im Einzelnen schwer zu sagen, auch wenn viele Einwohner pauschal die ukrainischen Truppen beschuldigen. Die hatten den Eisenbahnknotenpunkt im vergangenen Sommer beschossen und erobert; im Winter darauf aber hatten sich die Fronten vertauscht, da wurden die Regierungstruppen von den Separatisten beschossen und wieder aus der Stadt geworfen.
Das geschah in einer regelrechten Kesselschlacht kurz nach Abschluss eines Waffenstillstandes in Minsk. Beteiligt waren auch reguläre russische Panzertruppen aus Burjatien. Am schlimmsten traf es damals den Nordosten der Stadt. Die Häuschen im Viertel „8. März“ sind sämtlich zerstört. Riesige Krater klaffen im morastigen Boden. In den Mehrfamilienhäusern sind die Türen mit Kreide beschriftet: „Hier wohnen Menschen“. Das soll heißen: Immer noch wohnt hier wer, trotz aller Zerstörungen. Helft!
Als intellektueller Kopf der Donezker Separatisten gilt Andrej Purgin, der Parlamentschef. Schon vor zehn Jahren, als in Kiew ein prowestlicher Präsident ins Amt gekommen war, ging Purgin mit der schwarz-rot-blauen Fahne und der Aufschrift „Donezker Republik“ auf den Leninplatz. Es hat damals nur kaum jemand mitbekommen, die paar Separatisten galten als Spinner.
Und als die Republik dann doch Wirklichkeit wurde, hatten plötzlich Zugereiste das Sagen: Der erste Premier war ein Politikberater aus Moskau, Purgin bloß Vize. Jetzt ist Purgin Parlamentschef und sitzt in einem schicken neuen Bürohaus mit edler Lobby. Die Gentrifizierung der Volksrepublik schreitet offenbar voran. Das Haus hatte sich der Chef des örtlichen Eishockeyclubs bauen lassen, ein Mächtiger der Janukowitsch-Jahre. So wird die alte Elite von der neuen verdrängt. An der Wand hängen Haifisch-Fotos und neuerdings ein Putin-Porträt.
Die Wahlen zu Purgins Parlament waren eine Farce: Zugelassen waren nur zwei Parteien, die sich in nichts unterscheiden. Die Wähler durften nicht einmal erfahren, wer kandidierte. Das war eine „taktische Entscheidung“, sagt Purgin kühl. Für ihn ist das Parlament nichts anderes als der Ort, eine neue politische Klasse heranzuziehen, „egal ob die jetzt gut oder schlecht ist, Hauptsache sie ist neu. Sie ist das Skelett, auf dem das Fleisch der Staatlichkeit wachsen kann.“
Kein einziges Mitglied des alten Donezker Gebietssowjets sitzt im neuen Parlament. Auch die Richter werden fast alle ausgetauscht, wie der Vorsitzende des „Obersten Gerichtshofs“ der DNR, der Volksrepublik Donezk, erklärt, ein ehemaliger Moskauer Ermittler im Tarnanzug. Allerdings müsse man mit manchen Ernennungen abwarten, bis die „vorübergehend besetzten Gebiete der Volksrepublik“ befreit seien, sagt er. Will sagen, die Eroberung der restlichen Bezirke des Donezker Gebiets – und damit ein neuer Krieg – ist fest eingeplant.
Von neuen Kämpfen und einem Vorstoß der Separatisten reden ohnehin viele. „Wir leben hier alle im Wartezustand“, hat uns eine Bäckerin in Kramatorsk gesagt, dem Hauptquartier der Kiewer Truppen. Es klang weder ängstlich noch hoffnungsvoll, nur resigniert. Das Leben ist so schon schwer.
Lesen Sie weiter, wie unterschiedlich die ukrainische Armee und die kämpfenden Separatisten über den Konflikt denken.
Ausgebrannte Panzer, leere Straßen
Am Freitag lädt die Volksrepublik Journalisten zum Besuch der Gegend um den Flughafen, wo trotz Waffenstillstands heftig gekämpft wird. Ein zitternder Taxifahrer fährt uns hin, er beruhigt sich erst allmählich, als er die Wagen der OSZE-Beobachter sieht. In der Siedlung „Spartak“ sehen wir eine Stellung der Separatisten: ein erbeuteter T-64-Panzer der Ukrainer, eine zerschossene Villa, im Rasen die Krater von Granateneinschlägen. Zwei Kämpfer des Bataillons Kalmius, Spitznamen „Linde“ und „Förster“, berichten von Beschuss durch die ukrainische Seite. Selbst habe man nichts unternommen, sogar zurückschießen sei ihnen untersagt. „Linde“ hält zum Beweis seine Kalaschnikow hoch: Der Lauf sei ja längst rostig!
Tatsächlich behaupten die ukrainischen Kämpfer auf der anderen Seite genau das Gleiche. Der Krieg geht weiter, aber niemand will schuld daran sein. Es ist allerdings nicht einfach, zu ihnen zu kommen. Seit die Regierungstruppen vergangenen Herbst vom Flughafen vertrieben wurden, liegt ihre vorderste Stellung in Peski. Vom Donezker Hauptbahnhof ist das nur acht Kilometer entfernt, oder zwölf Autominuten „ohne Verkehr“, wie der Google-Navigator angibt – aber der weiß nichts vom Krieg. Tatsächlich sind es fast 120 Kilometer Autofahrt, mit einem kriegsbedingten Dauerstau am Kontrollpunkt in der Mitte.
Wir fahren heraus nach Westen, vorbei an den Straßensperren der DNR-Truppen und wieder über den ukrainischen Checkpoint in Kurachowo, wo am frühen Morgen nur ein Dutzend Busse und drei Dutzend Autos warten. Zwei Frauen werden unwirsch abgewiesen, weil sie keinen Durchlassschein haben. Die Grenzer geben per Telefon meine Daten durch und drücken mir einen Einreisestempel in den Reisepass. Der Donezker Fahrer kann es nicht fassen. „Dann erkennen sie ja selbst an, dass ich nicht mehr in der Ukraine wohne!“, lacht er.
In weitem Bogen fahren wir zurück nach Osten, über fast leere Straßen. Der ukrainische Offizier an der Straßensperre in Selidowo ist ein Scherzbold: Er hat sich „Nato-Legion“ und „Sklavenhalter“ auf die Uniform genäht, es ist eine ironische Antwort auf Gerüchte, die das russische Fernsehen verbreitet hat. Unter anderem hieß es, jeder Regierungssoldat erhalte nach dem Krieg ein Stück Land im Donbass und zwei Knechte aus der Bevölkerung.
In Karlowka, bekannt für seinen Fischreichtum, führt die Straße über einen schmalen Damm. Er ist vermint und muss umfahren werden. Fast genau ein Jahr ist es her, dass hier der Krieg zum ersten Mal auf die Millionenstadt Donezk vorrückte. Ein pro-ukrainisches Freiwilligenbataillon versuchte vergeblich, den von den Separatisten gehaltenen Damm zu erobern, einen ihrer Toten sah ich damals hier im Gras liegen. Jetzt ist Karlowka noch zerstörter als damals, dafür wieder in der Hand der Regierungstruppen.
Auf den letzten Kilometern nach Peski fühlt man die Nähe der Front. Die Straße, einst eine der Ausfallstraßen von Donezk, ist ausgestorben. Ein ausgebrannter Panzer steht auf der Fahrbahn, der Geschützturm ist zur Seite geflogen. Am Dorfeingang steht eine imposante Bauruine: Die Brücke der Donezker Ringautobahn, die nie fertig gebaut wurde.
Jetzt ist sie der einzige halbwegs sichere Unterstand; von hier aus sind es nur noch zwei Kilometer zu den feindlichen Positionen, auf dem nächsten Hügel kann man schon eine Fahne der Rebellen sehen. Unter der Brücke sitzen um ein Lagerfeuer „Fakir“, „Pferd“, „Artist“ und andere Uniformierte, es gibt Tee und einen Karton voller Osterkuchen.
Man trägt Kampfnamen wie auf der Gegenseite, wer hier zu welcher Einheit gehört, das ist an den Uniformen und Abzeichen auch nicht immer zu erkennen. Manche gehören zur 93. Brigade der Armee, manche zum Polizei-Freiwilligenbataillon Dnepr-1. Eine gemeinsame Führung am Ort gibt es nicht. „Das ist ein Problem für die Führung, schafft aber eine gewisse Leichtigkeit für den Einzelnen“, räsoniert „Fakir“, ein junger Kunsttherapeut und Rotkreuz-Helfer aus Dnepropetrowsk, der jetzt bei Dnepr-1 als Aufklärer kämpft. „Fakir“ hält nicht viel von staatlicher Organisation. Er hält auch nicht viel vom Minsker Waffenstillstand, denn der sei ja ein „Vertrag mit dem Feind“.
Der Vertrag hält ohnehin nicht – und hier am Lagerfeuer ist man der Meinung, das sei einzig die Schuld der Separatisten. „Womit kann ich die Minsker Verträge denn verletzen?“, fragt „Fakir“ und hält sein Gewehr hoch. Das soll heißen: Das schwere Gerät haben wir ja gar nicht. Nach den Minsker Abmachungen sind schwere Waffen mit einem Kaliber von mehr als 100 Millimetern aus der Kampfzone zurückzuziehen.
Es ist klar, dass das nicht der Fall ist. Die Kämpfe sind über das orthodoxe Osterwochenende aufgeflammt. Sogar einen Panzerangriff der Gegenseite habe es gegeben, zwei Panzer seien zurückgeschlagen worden, sagen sie hier. „Fakir“ hat so schwere Kämpfe zuletzt im Januar erlebt, damals war es noch schlimmer, in kurzer Zeit fielen sechs ukrainische Kämpfer.
Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie verfahren die Situation mit Kiew tatsächlich ist.
Vollkommene Kriegswirren
Die Verpflegung hier stammt von freiwilligen Helfern, nicht von der Armee. Neulich waren welche vom Verteidigungsministerium da, die haben außer einem schwachbrüstigen UAS-Jeep nichts dagelassen, und man hat gemeinsam über die Armeeführung geschimpft. Neben den Soldaten kämpfen Freiwillige aus vielen Verbänden: „Rechter Sektor“ , „Karpaten-Sitsch“, sogar ein Grüppchen muslimischer Kämpfer ist dabei, eine „Hundertschaft Krim“ im Polizeibataillon Dnepr-1. Der Anführer trägt einen Rauschebart mit rasierter Oberlippe nach Salafistenart und spricht fließend Deutsch, weil er in Deutschland gelebt hat. Dort verbringt er auch seinen Fronturlaub. Er ist ein Ukrainer aus Simferopol, der mit 18 zum Islam konvertiert ist.
Die Armeeführung versucht derweil, die letzten irregulären Freiwilligentruppen in ihre offiziellen Strukturen zu integrieren. So ist es auch im Minsker Waffenstillstandsabkommen vorgesehen. In Peski gab es damit Schwierigkeiten: Ein Teil des Freiwilligen-Bataillons „OUN“ weigerte sich und wurde entwaffnet. Schon der Name des Bataillons ist Programm: „OUN“ hieß die Organisation der radikalen ukrainischen Nationalisten.
Gerade kommen einige der Männer zurück in den Unterstand, sie sind wütend und überdreht. „Die Armeeführung hat Peski längst aufgeben“, sagt der mit dem Spitznamen „Bek“. Und Präsident Petro Poroschenko – er nennt ihn „das Miststück, den Verräter, den Juden“ – behaupte im Fernsehen, es sei ruhig in der Konfliktzone, während Peski in Wahrheit aus Selbstfahrlafetten beschossen und mit Panzern angegriffen werde.
Zwei „OUN“-Freiwillige seien heute erst getötet worden, sagt er, auf einem Erkundungsgang zur Gegenseite. Wir haben ja gar nichts dagegen, uns legalisieren zu lassen, sagt „Bek“, aber wir wollen unter eigenem Kommando kämpfen. „Sonst werden wir eben Partisanen.“ Kommandeur der Einheit ist der Ultra-Nationalist Mykola Kochanowski, bekannt dafür, dass er der Leninstatue in der Kiewer Innenstadt die Nase abgeschlagen hat.
Dann stellt sich das Freikorps zum Gruppenbild auf: Links vorn Bataillonshund „Bender“, links hinten ein Punk in Lederjacke mit scherzhaftem Hitlergruss, und vorn mit Sonnenbrille der Psychologe „Dok“, der eigentlich nur deshalb dabei ist, weil die Armee ihn nicht wollte, mit 45 Jahren sei er zu alt.
Aus Peski sind derweil weiterhin Schüsse zu hören. Das Dorf ist ein Schlachtfeld, und trotzdem leben dort immer noch ein paar Einwohner. Vergeblich versuchten die ukrainischen Truppen, sie heraus zu holen. „Neulich sind mir zwei Zivilisten vor die Waffe gelaufen, als ich gerade einen Separatisten im Visier hatte. Da habe ich lieber nicht geschossen“, sagt „Fakir“. „Obwohl ich ja jedes Recht gehabt hätte“, fügt er hinzu. „Ist ja Krieg.“
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