Krieg in Syrien

Assad, das kleinere Übel

Syrien steht mittlerweile Synonym für Krieg, Flüchtlinge und eine unübersichtliche Gemengelage, die die militärische Intervention Russlands an der Seite des Assad-Regimes noch verkompliziert hat. International gibt es dafür viel Kritik. Doch der Erzbischof von Aleppo schöpft aus Russlands Eingreifen Hoffnung für die Christen im Land.

Martin Gehlen
4 Min
Suche in Trümmern nach einem russischen Angriff nahe Aleppo.

Suche in Trümmern nach einem russischen Angriff nahe Aleppo.

© REUTERS/Ammar Abdullah y Lizenz

Immer seltener melden sich die christlichen Oberhäupter Syriens zu der Tragödie ihres Landes zu Wort. Umso markanter kürzlich der Auftritt des melkitisch-katholischen Erzbischofes von Aleppo, Jean-Clément Jeanbart, im Schweizer Fernsehen. „Die russische Militärintervention gibt den Christen Syriens neue Hoffnung“, erklärte der Geistliche bei einem Besuch in Genf. „Wladimir Putin hilft der Sache der Christen, er hilft ihnen heraus aus einer unentwirrbaren Situation.“ Denn durch Moskaus Eingreifen bekomme der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) endlich absolute Priorität.

Der streitbare Oberhirte, der dem Assad-Regime stets positiv gegenüberstand, gilt auf internationalem Parkett als einer der führenden Vertreter der zwei Millionen syrischen Christen, von denen bisher 450.000 aus ihrer Heimat geflohen sind. Seine melkitisch-katholische Kirche ist mit dem Vatikan uniert.

Die Residenz des Erzbischofs im Christenviertel von Aleppo wurde im Jahr 2012 geplündert und zerstört. Trotzdem lebt der 72-jährige Geistliche weiterhin in seiner Geburtsstadt, die gegenwärtig zwischen Rebellengruppen und den Regierungstruppen aufgeteilt ist. „Hier ist mein Platz“, sagt der Kleriker, der mit seinen Ansichten zu Assad unter den Kirchenführern Syriens und Libanons keineswegs alleine steht.

Diktatur, aber religiös tolerant

In westlichen Kirchenkreisen dagegen lösen solche Äußerungen regelmäßig Irritationen aus. Auf einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Hamburg kam es vor drei Jahren sogar zu Tumulten, als der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo, Mor Gregorios Yohanna Ibrahim, erklärte, die Christen und andere Minderheiten würden von der Regierung Assad toleriert und nicht verfolgt. „Ich bezweifle, dass mir irgendjemand ein Beispiel für ein Land nennen kann, in dem eine größere religiöse Toleranz herrscht als in Syrien“, erklärte der Oberhirte, der kurz danach in seiner Heimat entführt wurde und seitdem verschwunden ist.

Sein melkitisch-katholischer Amtsbruder Jeanbart fordert bis heute, Assad müsse die Chance bekommen, seinen Willen zu Reformen zu beweisen. Ähnlich äußerten sich der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, der Jesuit Antoine Audo, der melkitisch-katholische Patriarch in Damaskus, Gregorios III. Laham, sowie der maronitische Patriarch Bechara el-Rai im Libanon. Das Baath-System sei ohne Zweifel ein extremes und diktatorisches Regime, aber das seien viele andere in der arabischen Welt auch, argumentierte Rai. Syriens Christen unterstützten nicht das Assad-Regime, „aber wir haben Angst, was danach kommt“.

Traum von säkularer Regierung

Als warnendes Beispiel galt den syrischen Christen der Massenexodus ihrer irakischen Mitgläubigen zuerst nach dem Sturz des Despoten Saddam Hussein und zehn Jahre später nach der Eroberung von Mossul durch den Islamischen Staat. In Ägypten eskalierten nach dem Ende von Husni Mubarak ebenfalls die Gewalttaten zwischen koptischen Christen und radikalen Islamisten derart, dass der koptische Papst Tawadros II. mittlerweile offen mit dem Militärregime von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi paktiert.

In Syrien macht der Islamische Staat ebenfalls Jagd auf religiöse Minderheiten. Die mächtige, von Saudi-Arabien, Türkei und Katar unterstützte „Islamische Eroberungsarmee“, die zu Al-Kaida gehört, denunziert ihrerseits Christen als Ungläubige und Gotteslästerer.

Und so betrachtet das von Extremisten hart bedrängte syrische Kirchenvolk Diktator Assad trotz seiner schweren Verbrechen und der 250.000 Bürgerkriegstoten nach wie vor als das kleinere Übel. „Wir wollen eine Regierung, die alle Religionen anerkennt. Wir wollen eine säkulare Regierung – egal ob mit Assad oder jemand anderem“, erklärte Aleppos Erzbischof Jean-Clément Jeanbart im Gespräch mit dem Webmagazin Crux in Boston. „Wenn wir aber zwischen IS und Assad wählen müssen, dann wählen wir Assad.“

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