Kriegt Kassel keinen Kommissar?

ARD und ZDF haben fast 100 Krimiserien geschaffen

Torsten Wahl
4 Min
„WaPo Bodensee“ ist ein neuer Vorabendkrimi der ARD.

„WaPo Bodensee“ ist ein neuer Vorabendkrimi der ARD.

© ard

Ein brennendes Schiff treibt auf dem nächtlichen Bodensee – ein Fall für Kommissarin Nele Fehrenbach (Floriane Daniel), die neue Chefin in der Vorabendserie „Wapo Bodensee“. Dabei hatte im ARD-Programm erst vor ein paar Wochen ein Boot auf dem Bodensee gebrannt, im „Tatort“. Nach dem Abschied von Kommissarin Blum (Eva Mattes) musste die ARD hier unbedingt weiter Flagge zeigen, zumal die Konkurrenz vom ZDF auf der anderen Seeseite schon die Krimireihe „Die Toten vom Bodensee“ mit Nora von Waldstätten und Matthias Koeberlin unterhält. „Wasser, Sonne, Berge – einen attraktiveren Schauplatz für eine Fernsehserie kann es kaum geben“, erklärt Martina Zöllner vom SWR.

Doch nicht nur der Bodensee dient als Krimirevier. Allein dienstags agieren im ZDF mit der „SOKO Kitzbühel“, der „SOKO Köln“ und den „Rosenheim-Cops“ drei weitere regionale Kripo-Teams, bevor ab 20.15 Uhr das SAT.1-Superhirn „Einstein“ in Bochum knifflige Kriminalfälle löst. Doch insgesamt haben sich die Privatsender auf diesem Sektor der Übermacht von ARD und ZDF ergeben, SAT.1 setzt bei Krimis ansonsten auf billige „Reality-Soaps“ und Importe aus den USA.

Fluch der Gegenwartsliteratur

Die öffentlich-rechtlichen Sender aber haben ihre Krimisparte Jahr für Jahr ausgebaut. Liefen 1995 noch 136, 2010 schon 167 90-Minuten-Krimis in deren Hauptabendprogramm, so wurde 2016 die Zahl 200 klar überschritten. Die meisten davon in Reihen, die im Schnitt ein, zwei Mal im Jahr laufen. Klassiker und Vorbild: die 22 verschiedenen „Tatorte“. Wer sich mal die Mühe macht, alle aktiven inländischen Krimi-Teams aufzulisten, findet allein bei ARD und ZDF fast 100 verschiedene einheimische TV-Kommissariate, davon rund zwei Drittel in den 90-Minuten langen Krimireihen, ein Drittel in kürzeren Serien, die meist im Vorabendprogramm laufen. Hinzu kommt mehr als ein Dutzend Auslandskrimi-Reihen.

Dabei ergaben die Nachfragen bei der ARD, dass einige Reviere sogar aufgegeben wurden: Der Rückzug betrifft sowohl Serien wie „Akte Ex“ aus Weimar“, das „Hauptstadtrevier“ und „Mord mit Aussicht“, als auch Reihen wie „Der Bulle und das Landei“, die beide in der Eifel spielten, und „Kommissarin Louise Boni“ aus Aachen.

„Der Fluch der deutschen Gegenwartsliteratur heißt Regionalkrimi“, ätzte ARD-Literaturkritiker Dennis Scheck jüngst über die Bestseller von Nele Neuhaus. Im ZDF sorgten die „Taunus“-Krimis nach den Büchern von Neuhaus jüngst wieder für starke Quoten – und auch die ARD hat wohl mittlerweile jeden halbwegs erfolgreichen Regionalkrimi eingekauft, um bei Bedarf weitere Krimiserien zu drehen. Mittlerweile verlangen Kommunalpolitiker von ihren ARD-Sendern, dass ihre Region angemessen auf der Krimilandkarte vertreten ist, schließlich bringen die Dreharbeiten nicht nur Beschäftigung, sondern kurbeln den Tourismus an.

Hundertschaften von Schauspielern gibt der Krimiboom dauerhaft Arbeit – einige sind sowohl bei der ARD als auch im ZDF in Hauptrollen zu sehen. So ist Jan Josef Liefers Pathologe im „Tatort“ Münster und zugleich Berliner Anwalt Viernau in den Elisabeth-Hermann-Krimis im ZDF. Hans-Jochen Wagner spielt den Wiesbadener Kollegen von „Kommissarin Heller“ im ZDF und demnächst einen Kommissar im Schwarzwald-„Tatort“. Jan-Gregor Kremp ist Dorfpolizist in der ARD-Reihe „Reiff für die Insel“ und in München „Der Alte“ im ZDF.

Gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten. So ist „Nord Nord Mord“ eine ZDF-Krimireihe mit Robert Atzorn auf Sylt, während „Nord bei Nordwest“ eine ARD-Reihe mit Hinnerk Schönemann aus Travemünde ist, nicht zu verwechseln mit „Morden im Norden“ – eine ARD-Vorabendserie aus Lübeck mit Sven Martinek. Nicht nur im Titel reimt sich Mord gern auf Nord – die Küstenregion ist die populärste deutsche Krimilandschaft! Rund zwei Dutzend, also jeder vierte Inlandskrimi, spielt in den Küstengegenden, Bremen und Hamburg großzügig mit eingerechnet. Das Netz spannt sich vom „Usedom“-Krimi der ARD bis zur „Friesland“-Reihe im ZDF. Derart stark besetzt sind sonst nur noch der bayrische Alpenrand und die Krimihochburgen Berlin und München. Wobei Berlin vor allem das ZDF hier ein halbes Dutzend Krimireihen unterhält, während die ARD nach der Einstellung des „Hauptstadtreviers“ nur noch mit dem „Tatort“ vor Ort ist.

Die ARD geht dafür demnächst nach Mannheim (am 2.2. startet die Krimireihe „Dimitrios Schulze“) und München („Kommissar Pascha“ nimmt am 16.3. seine Arbeit auf). Das ZDF kontert mit neuen Folgen des Hamburg-Krimis „Neben der Spur“ (6.2.), den Berliner „Spezialisten (ab 8.2.), dreht dazu die neue Reihe „Mordkommission Königswinkel“ im Allgäu.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte zeigt auch, dass trotz des Booms manche Regionen immer noch weiße Flecken sind. So ist Kassel die Großstadt, die am weitesten von jedem TV-Krimi entfernt liegt. Die meisten Hessenkrimis spielen rings um Frankfurt am Main, im benachbarten Thüringen gibt es nur noch den „Tatort“ aus Weimar. Das gilt auch für Rheinland-Pfalz mit dem „Tatort“ Ludwigshafen – angesichts dieser Unterbesetzung ist die Landespolitik dringend gefordert! Bielefeld wiederum ist die bevölkerungsreichste Stadt ohne Kommissar – das wird wohl so bleiben.

Wapo Bodensee, Di, 18.50 Uhr, ARD

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