Kriminalität in Berlin

Jüngere Menschen müssen mehr Angst vor Gewalt haben

Laut Innenverwaltung sind Senioren dagegen die am geringsten gefährdete Gruppe.

Andreas Kopietz
5 Min
Junge Menschen werden häufiger Opfer von Straftaten.

Junge Menschen werden häufiger Opfer von Straftaten.

© imago/Seeliger

Man kann sich ja gar nicht vor die Tür trauen.“ Diesen Satz hört man bei älteren Menschen des Öfteren. Doch tatsächlich sind Menschen ab 60 Jahren von weit weniger von Überfällen oder anderen Gewalttaten auf der Straße betroffen. Dem größten Risiko, Betroffener eines sogenannten Opferdeliktes zu werden, sind jüngere Menschen ausgesetzt.

Berliner Polizei zählt im vergangenen Jahr 81.263 Opfer von Gewalt

Den Begriff „Opferdelikte“ verwendet die Polizei für Taten gegen die Freiheit und körperliche Unversehrtheit wie etwa Körperverletzung, Raub oder Sexualstraftaten. Die Zahl solcher Taten ist im vergangenen Jahr erneut leicht gestiegen. Das zeigt eine Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe, über die die Berliner Morgenpost zuerst berichtete.


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Der Auflistung zufolge zählte die Berliner Polizei im vergangenen Jahr 81.263 Opfer von Gewalt. Etwa 37.800 wurden leicht und etwa 1100 schwer verletzt. 282 Menschen wurden Opfer von „Straftaten gegen das Leben“ wie Mord und Totschlag.

Gerechnet auf hunderttausend Einwohner waren das 2182 Taten. Diese Formel ergibt die sogenannte Bevölkerungsgefährdungszahl. Um eine Aussage über die tatsächliche Gefährdung unterschiedlicher Altersgruppen zu treffen, ist die Zahl der Opfer bezogen auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteils aus Sicht der Polizeistatistiker geeigneter als die absolute Opferzahl.

Im Jahr 2017 lag die Bevölkerungsgefährdungszahl für alle Opferdelikte und alle Altersgruppen noch bei 2123. Bis dahin war sie kontinuierlich gesunken, obwohl die absoluten Opferzahlen leicht gestiegen sind, was mit der steigenden Einwohnerzahl zusammenhängen dürfte. Im Jahr 2009 waren noch 2372 von hunderttausend Menschen Opfer einer Gewalttat geworden.

Den deutlichsten Anstieg der Opfergefährdungszahl gab es in der weit gefassten Altersgruppe der 21- bis unter 60-Jährigen: von 2739 auf 2839. Am geringsten betroffen war die Altersgruppe 60 Jahre und älter: Auf 100.000 Einwohner dieser Altersgruppe entfallen 513 Opferdelikte (Vorjahr 511).

Sexualstraftaten stiegen im Vergleich zu 2017 an

In der Gruppe der unter 21-Jährigen gab es die meisten „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ wie Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung genannt werden. Von 100.000 Einwohnern dieser Gruppe waren 285 betroffen, in absoluten Zahlen 1967. Kinder, Jugendliche und Heranwachsende wurden damit drei Mal so häufig Opfer dieser Taten wie Erwachsene zwischen 21 und unter 60 Jahren.

In der Altersgruppe der 21- bis unter 60-Jährigen waren 94 von 100.000 von Sexualdelikten betroffen (1992 Opfer).

Insgesamt zählte die Polizei in Berlin im vergangenen Jahr in allen Altersgruppen 4040 Betroffene von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Das ist ein Anstieg um 386 im Vergleich zu 2017.

Wie zudem aus der am Dienstag veröffentlichten Langfassung der Kriminalitätsstatistik hervorgeht, zählte die Polizei bei den Sexualdelikten in allen Altersgruppen 768 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall. Dazu wurden 508 Tatverdächtige ermittelt, darunter sieben weibliche. 46,5 Prozent der Tatverdächtigen waren Nichtdeutsche. 17,4 Prozent der aufgeklärten Fälle wurden unter Alkoholeinfluss begangen. Insgesamt wurden 772 Opfer gezählt, 701 davon waren weiblich und 71 männlich. 451Opfer standen zum Tatverdächtigen in einer engeren oder weiteren Beziehung, wobei 153 von ihnen in einem familiären oder partnerschaftlichen Verhältnis standen.

Die jüngste Altersgruppe ist auch bei anderen Delikten stärker gefährdet: etwa bei räuberischer Erpressung und Raubüberfällen in der Öffentlichkeit. Bei räuberischen Erpressungen, wie etwa dem „Abziehen“ von elektronischen Geräten, gab es 1260 Opfer, 41 mehr als im Vorjahr. Auf Straßen, Wegen oder Plätzen wurden 907 junge Menschen überfallen, 56 mehr als im Vorjahr.

Jüngere Menschen werden häufiger Opfer von Gewalt

Einschränkend ist anzumerken, dass das Risiko, Opfer solcher Taten zu werden, für diese Altersgruppe vor zehn Jahren noch höher lag (2547 räuberische Erpressungen beziehungsweise 1202 Raubüberfälle).

In der Opfergruppe zwischen 21 und unter 60 gab es – auch bedingt durch die weite Fassung der Altersspanne – in absoluten Zahlen die meisten Körperverletzungen. 35.235 Opfer wurden erfasst. Das ist ein kontinuierlicher Anstieg seit zehn Jahren. Die Bevölkerungsgefährdungszahl lag hier bei 1 663 Opfern pro 100.000 Einwohner.

Während also jüngere Menschen häufiger Opfer von Gewalt werden, liegen die Gefährdungszahlen pro hunderttausend Einwohner bei Menschen ab 60 Jahren niedriger. Bei Raub und räuberischer Erpressung liegen sie bei 60, bei „sonstigen Raubüberfällen auf Straßen, Wegen oder Plätzen “ bei 21 und bei Körperverletzung bei 298 pro Hunderttausend.

Jeder dritte Berliner hat Angst, Opfer einer Straftat zu werden 

Auffallend ist hier allerdings, dass ältere Menschen mehr als andere Altersgruppen Opfer von Handtaschenraub wurden, nämlich in 98 Fällen. 11 von 100.000 Einwohnern dieser Altersgruppe waren betroffen. Allerdings: Die Zahlen gehen auch hier zurück. Vor zehn Jahren gab es noch 320 Taten beziehungsweise eine Gefährdungszahl von 39.

Generell arbeitet die Polizeistatistik mit angezeigten Straftaten. Wie groß das Dunkelfeld der nicht angezeigten Taten ist, ist unklar.

Reale und gefühlte Sicherheit sind zwei unterschiedliche Dinge. Am Kottbusser Tor fühlt man sich gefährdeter als etwa in Köpenick. Deshalb arbeitet die Polizei derzeit an einer Studie zum subjektiven Sicherheitsgefühl. Sie soll im nächsten Jahr vorgestellt werden.

Eine solche Studie hatte schon das Bundeskriminalamt im April vorgestellt. Im deutschen „Viktimisierungssurvey 2017 wurden 31.000 Personen zu Opfererlebnissen, zu Sicherheitsgefühl, Anzeigeverhalten Kriminalitätsfurcht, und ihrer Wahrnehmung von Polizei und Justiz befragt. Die Befragungen ergaben, dass fast jeder dritte Berliner davor Angst hatte, Opfer einer Straftat zu werden.

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