Kritik zum „Tatort: Schwerelos"

Vier Kommissare und ein Tandemsprung

Reihenweise purzeln Männer vom Himmel. Im Dortmunder „Tatort: Schwerelos“ stürzen sich Verdächtige und Polizisten mutig wie Ikarus in die Tiefe und geben atemberaubende Blicke auf den Ruhrpott frei. Das liefert dankbare Szenen, bleibt aber wenig überraschend.

Torsten Wahl
3 Min

Ein Mann ist vom Himmel gefallen. Jemand hat den Schwerverletzten zu einer Notaufnahme gebracht. Bald darauf wird das Auto des Koma-Patienten neben einem Dortmunder Hochofen gefunden. Unter der Schlacke zerrt Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) einen Fallschirm heraus.

Im nächsten Sonntagskrimi der ARD am 10. Mai fällt dann gleich wieder ein Mann erst vom Himmel und dann ins Koma. Im Brandenburger „Polizeiruf: Ikarus“ stürzt ein junger Pilot beim Looping aus einem Doppeldecker. Diese Dopplung dürfte nicht nur „Polizeiruf“-Regisseur Peter Kahane ärgern – Koordination scheint ein Fremdwort in der ARD zu sein.

Beim Fertigstellen seines Films hatte Kahane aber andere Befürchtungen: Der Absturz der Germanwings-Maschine beherrschte die Diskussionen. RTL verschob deshalb Ende März die Ausstrahlung seines Flieger-Dramas „Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“. Doch der „Polizeiruf: Ikarus“ ist trotz seiner Flugzeug-Abstürze thematisch und motivisch genügend weit weg vom Airbus-Drama in den Alpen.

Der illegale Kick

Der „Tatort“ spielt in der Fallschirmspringer-Szene, genauer unter den jungen Leuten, die beim „Basejumpen“ von hohen Gebäuden, Masten, Brücken oder Felsen einen illegalen Kick suchen. Vom Drehort, dem Flugplatz Loemühle bei Marl, stieg auch schon Fallschirmspringer Jürgen Möllemann 2003 zu seinem letzen Sprung auf.

Autor Ben Braeunlich und Regisseur Züli Aladag erklären in Interviews den „freien Fall“ zum zentralen Motiv ihres Krimis. Für Braeunlich ist der Sprung in die Tiefe „ein kontrollierter Kontrollverlust und ein gelebter Eskapismus, der perfekte Ausdruck für einen übersteigerten Freiheitsdrang einer überforderten Generation auf der Suche nach Identität.“

Doch über die persönlichen Hintergründe der meisten Basejumper erfährt der Zuschauer nicht viel. Erzählt wird der „Eskapismus“ nur über die Geschichte des Opfers, das weder in seinem Job als Investmentbanker noch in seiner Rolle als Familienvater seine Erfüllung fand.

Private Probleme im Vordergrund

Der „Tatort“ bleibt dramaturgisch eine Art Tandemsprung: An jedem Verdächtigen hängt ein Kommissar mit ähnlichem privaten Problem. Am deutlichsten wird das bei Ermittlerin Nora Dalay (Aylin Tezel), die mit wildem Aktionismus die Nachwehen ihres Schwangerschaftsabbruchs verarbeiten muss. Sie springt nicht nur mit einem Basejumper (Albrecht Schuch) aus einem Flugzeug mit dem Fallschirm und hüpft von einer Brücke in einen Talsperrensee, sondern beginnt wider alle Vorschriften eine Affäre mit ihm.

Die Eifersuchtsszenen innerhalb der Springergruppe spiegeln sich wider bei Noras Exfreund Daniel (Stefan Konarske), während beider Chef Peter Faber sich in den Angehörigen des Opfers wiederfindet. Auch er hat seine Familie verloren. Selbst die abgeklärte Kollegin Martina (Anna Schudt), die die unlauteren Recherchen ihrer jungen Mitstreiter als „Kindergarten“ kritisiert, hat ein privates Problem: Ihr halbwüchsiger Sohn ist vermisst.

Doch vier freie Fälle nebeneinander liefern den Schauspielern zwar dankbare Szenen, sind in der Häufung einfach zu viel. Zwar bleibt der „Tatort“ dramaturgisch schematisch und in der Auflösung wenig überraschend, hat aber dafür immer wieder schöne starke Flugbilder zu bieten. Solch spektakuläre Perspektiven auf das einstige Ruhrpottrevier gab es zuletzt beim Ausstieg von Schimanski aus dem Polizeidienst: Der war mit einem Flugdrachen davon geflogen.

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