Als vor gut einem Jahr Caroline Fourests Streitschrift „Generation Beleidigt“ auf Deutsch erschien (Edition Tiamat), war dem Buch der französischen Feministin, die zuletzt immer öfter auch gegen vermeintlich linke Selbstgerechtigkeit zu Felde gezogen war, auch hierzulande die Aufmerksamkeit gewiss. Man konnte ihren Essay, der sich vornehmlich auf die Verhältnisse in Frankreich bezieht, mit Blick auf eine auch in Deutschland grassierende Cancel Culture lesen, die kuriose Blüten treibt und nicht selten bitterernste Folgen hat. In einer Besprechung der Berliner Zeitung habe ich folgendes Resümee gezogen: „Fourest beschreibt es als besondere Plage der Sensibilität, wenn Minderheitenrechte in immer neuen Varianten zum Schutzgegenstand politischer Aktivisten auserkoren werden. (…) Ihre Beispiele sind zu wahr, um lustig zu sein, weshalb sie ihre Fallsammlung mit soziologischer Genauigkeit unterfüttert: ,Gestern kämpften Minderheiten gemeinsam gegen Ungleichheiten und patriarchale Herrschaft‘, schreibt Fourest. ,Heute kämpfen sie, um herauszufinden, ob der Feminismus ,weiß‘ oder ,schwarz‘ ist. Der Kampf der ,Rassen‘ hat den der Klassen verdrängt.“
Die beleidigte Generation
Sollte es sich nicht lohnen, darüber noch einmal in aller Ausführlichkeit zu debattieren? So oder ähnlich hat es sich auch Klaus Bittermann, der Verleger der Edition Tiamat gedacht, der sofort den passenden Ort dafür im Sinn hatte. Mit Sabine Zielke, die das Programm des Grünen und Roten Salons in der Volksbühne seit vielen Jahren betreut, hat Bittermann schon zahlreiche Lesungen und Diskussionen durchgeführt. Ein Abend mit Caroline Fourest war für den 12. Mai unter dem Buchtitel „Generation Beleidigt“ bald gefunden.
Die Frage nach dem Fragezeichen
Wegen des zu erwartenden Publikumsandrangs schien ein Umzug auf die große Bühne der Volksbühne geboten. Das rief die Dramaturgie des Hauses auf den Plan, darüber hinaus formierten sich Einwände gegen „die Populistin Fourest“. Plötzlich stand auch das bereits verabredete Veranstaltungsdesign aus Vortrag und Diskussion infrage. Sollte man die Autorin nicht besser mit einer Gegenposition konfrontieren? Unter anderen wurden Margarete Stokowski und Svenja Flaßpöhler als mögliche Antipoden ins Spiel gebracht. Und wäre nicht ein Fragezeichen zum Titel geboten? „Generation Beleidigt?“
Zu viele Fragen. Verleger Klaus Bittermann spricht von Maßregelungen und vielerlei Auflagen. Die in Frankreich als scharfe Polemikerin bekannte Caroline Fourest zog sich daraufhin irritiert zurück, die Vorstellung ihres neuen Buches „Lob des Laizismus“, ein flammendes Plädoyer für die Trennung von Staat und Religion, findet nicht statt. Sabine Zielke bedauert den Rückzug. „Die Volksbühne sieht sich ganz ausdrücklich als Ort der offenen Debatte.“ Die Absage der Veranstaltung indes bringt das Theater, das in dem Ruf steht, keiner Kontroverse gegenüber abgeneigt zu sein, in den Verdacht, sich nun selbst ein Stück Cancel Culture aufgehalst zu haben.
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