Fatmire Terdevci sitzt auf ihrer Terrasse am Rande von Pristina. Hier ist es ruhig, nur ab und zu erklingt von der Ferne der Gebetsgesang in einer Moschee. Die 35-Jährige trägt einen bequemen Pullover, ihre langen schwarzen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Während die dreifache Mutter über ihre Zeit als investigative Journalistin erzählt, wiegt sie ihre zweijährige Tochter in den Armen. Die Kleine heißt Jeta, auf Albanisch heißt das Leben.Terdevcis Leben änderte sich vor sechs Jahren jäh: Sie war gerade im siebten Monat mit ihrem ersten Sohn schwanger und fuhr nach einer Recherche zurück nach Hause. Zwei Kugeln durchbohrten die Autoscheibe, eine traf ihren linken Arm, zertrümmerte Teile des Schulterknochens. Terdevci überlebte knapp. Sie hatte für die Zeitung Koha Ditore über Drogenschmuggel berichtet, über Menschenhandel und Korruption. Sie erhielt auch nach dem Angriff noch Drohungen, Unbekannte beschimpften sie am Telefon.Terdevcis Fall wurde jedoch schnell zu den Akten gelegt. Polizei und Justiz sagten, dass die energische Reporterin zu viele Feinde habe, um den Angreifer ausfindig zu machen. Das schwache Rechtssystem im Kosovo verhindert, dass Journalisten sich sicher fühlen können. Straftaten werden zu spät oder gar nicht verfolgt; drei Viertel der Gerichtsverfahren werden in den Büros der Richter abgehandelt.Der Druck kommt nicht nur von Banden und Kriminellen, weiß Fatmire Terdevci, sondern auch von Regierungsseite. Einmal deckte sie eine Korruptionsaffäre auf: Der frühere Finanzminister hatte seinem Neffen 300000 Euro überlassen - für ein Projekt, das scheiterte. Terdevci erhielt nach dem Bericht Hausverbot im Ministerium."Medien werden erstens von der Regierung unter Druck gesetzt und üben zweitens Selbstzensur aus", sagt Medienwissenschaftler Krenar Gashi vom Institut für Politikforschung und Entwicklung (Kipred).Die Regierung, von der er redet, ist am Wochenende zerbrochen - die Koalitionspartei kündigte ihren Rücktritt an. Aber auch nach einer möglichen Neuwahl wird der Einfluss der Politik auf die Medien groß sein: Staatliche Stellen und Parteien schalten rund ein Drittel aller Anzeigen in Tageszeitungen - und sichern somit das finanzielle Überleben der Blätter. "Die Regierung ist der größte Arbeitgeber, der größte Geschäftspartner und der größte Werbekunde des Landes", sagt Wissenschaftler Krenar Gashi.Der Organisation Reporter ohne Grenzen zufolge hat sich die Situation der Medien im Kosovo drastisch verschlechtert. Auf dem "Index der Pressefreiheit", der gestern vorgestellt wurde, fällt das Land auf Platz 92 zurück - noch hinter Sierra Leone oder Kuwait. Damit rangiert Kosovo in Europa unter den Schlusslichtern.Dabei hatten die Medien in der jungen Balkanrepublik nach dem Ende des Krieges noch hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut. Sender und Zeitungen schossen seit 1999 wie Pilze aus dem Boden. Die internationale Staatengemeinschaft, Journalistenorganisationen und Stiftungen - darunter auch einige aus Deutschland - hatten viel Geld in das Mediensystem des kleinen Landes gegossen. Rund 60 Millionen in dem Jahrzehnt bis 2006, schätzt ein Bericht des Stabilitätspakts für Südosteuropa, der vom Institut für Auslandsbeziehungen gefördert wurde."Mit diesem Geld hätten wir Wunder vollbringen können", sagt Medienwissenschaftler Gashi. "Aber das haben wir nicht." Und das, obwohl unzählige internationale Organisationen noch im Kosovo tätig sind, darunter die Vereinten Nationen und die Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo (Eulex).Der Fernsehmacher Migjen Kelmendi wartet seit fast anderthalb Jahren auf ein Gerichtsverfahren. Der Rockmusiker mit der Sonnenbrille hatte vor drei Jahren den Musikkanal Rrokum TV gegründet. Rrokum öffnete sich bald lebhaften demokratischen Debatten. Seine Zuschauer riefen in den Shows an und kritisierten Politiker, Wirtschaftsbosse und Medientycoons.Das war zu viel der neuen Offenheit, wie sich im April 2009 herausstellte: Der Kabelbetreiber Ipko drehte Rrokum TV ab - und beging damit Vertragsbruch. Seitdem kann Kelmendis Sender in vielen Haushalten nicht mehr empfangen werden. Und er blutet finanziell aus: Migjen Kelmendi schätzt seine Verluste seit Beginn der Sperre auf rund eine halbe Million Euro.Der Sendermanager vermutet politische Gründe für den Vertragsbruch: Ipko beherrscht im Kosovo den Markt für Fernsehen, Mobilfunk und Internet - und gibt eine regierungsfreundliche Zeitung heraus. Dem Unternehmen werden enge Verbindungen zur Demokratischen Partei des Kosovo (PDK) nachgesagt, die bis zum Wochenende den Premierminister stellte. "Ich war sehr hart, sehr direkt in meiner Kritik", sagt Kelmendi, "und dann wurde ich abgedreht." Der Kabelbetreiber Ipko wollte sich zu der Kritik nicht äußern.Während Kelmendi weiter kämpfen will, kann Fatmire Terdevci ihr Attentat nicht vergessen. In Alpträumen, beim Blick auf die Kinder. Die Narbe in der Seele bleibt, sagt sie. "Man muss für sich selbst entscheiden, ob man in diesem Land über heiße Themen berichten möchte." Terdecvi hat sich entschieden. Sie ist aus dem Journalismus ausgestiegen.------------------------------Auf dem "Index der Pressefreiheit" steht das Land auf Platz 92 - noch hinter Sierra Leone oder Kuwait.Foto: Kugelsicher: Soldaten der Kfor-Truppe bei einer Übung zur Aufstandsbekämpfung in der Nähe von Pristina.
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