Die Phantasie schlägt Kapriolen, die Irritation ist gewaltig. Was ist das da auf den großen Bildflächen in der Galerie Johnen? Abstrakte Landschaftsmalerei? Kühnes Kamera-Farbexperiment? Gar eine Reise zu fernen Planeten?Der Düsseldorfer Fotograf Thomas Ruff, Jahrgang 1958, entführt das Publikum zu einer Reise auf den "ma.r.s." Also tauchen wir in den hohen weißen Räumen der Galerie Johnen ein in eine malerische kosmische Welt. Ruff , stets auf der Suche nach neuen visuellen Herausforderungen, war bei seinen Recherchen auf extrem hochaufgelöste Kameraaufnahmen einer Marssonde gestoßen; die NASA hatte sie ins Internet gestellt.Der Satellit hatte die Bilder senkrecht nach unten gemacht. Der Künstler transformierte das Material zuerst raffiniert in die Perspektive eines Flugzeugpassagiers. Und er kolorierte die ursprünglichen Schwarzweiß-Aufnahmen.Man steht also vor den Bildern und schaut quasi auf die Planetenoberfläche wie aus dem Flugzeugfenster - oder wie im Imax-Kino. Die Marslandschaften sind atemberaubend schön, diese Wüsten und Kraterformationen sind einem indes zugleich so exotisch fremd, dass man sie für Malerei halten möchte, für Flächen, reliefhafte Erhebungen und Tiefbecken. Alles wirkt, wie mit dem Pinsel gezogen oder mit dem Spachtel gesetzt. Ruff lässt uns teilhaben an einer faszinierenden Fiktion, die aber doch der Realität entsprang und, wie so oft in seinen Arbeiten, eine Mischung darstellt aus Hochtechnologie und sachlicher Dokumentation der Ergebnisse einer Exkursion. Vor diesen Bildern erleben wir, staunend wie Kinder, den Traum vom bemannten Reisen zu fernen Planeten.Die bildgenerierenden Mittel der Fotografie sind schon lange Ruffs Thema. Für dieses Ziel ließ er schließlich sogar die strenge, aber erfolgversprechende Düsseldorfer Becher-Schule weit hinter sich und suchte sich den eigenen Weg. Längst reicht ihm sein Metier nicht mehr zum Dokumentieren von Zeitereignissen, von realen bis poetisierten Lebenssituationen oder für die hyperreal porträtistische Darstellung von Altersphasen oder Seins-Zuständen. Letzteres ist 15 Jahre her. Damals sah man von ihm auf Biennalen die spektakulären, gnadenlos hypernah fotografierten Freunde, überdeutlich jeder Pickel, jede Pore, jedes Härchen.Danach überraschte der ruhelos Suchende in Museen und seit Jahren in den wechselnden Galerieräumen von Johnen mit gleichsam surrealen Motiven gründerzeitlicher Fabrikanlagen, Maschinen und Werkzeuge. Auch Bauhaus-Architekturen wurden Gegenstand extremer Vergrößerungen und Verfremdungen. Schließlich tauchte Ruff ab ins Internet. Den Serien der verzerrten "Nudes" oder der "Substrate" schlossen sich die "jpegs" an, diffuse Aufnahmen von bedrohten exotischen Landschaften.Thomas Ruff, das erweist auch diese neue Mars-Folge, treibt es dazu, eine Art Bildlexikon zeitgenössischer Geschichte darzustellen, dabei die Möglichkeiten zur Herstellung von Serien immer weiter zu entgrenzen. Das ist riskant, aber dabei entlockt er nüchternem wissenschaftlichen Material erstaunliche ästhetische Qualitäten.-----------------------Galerie Johnen, Marienstr. 10 (Mitte). Bis 13. 11. Di-Sa 11-18 Uhr.------------------------------Foto: Kraterbild aus Ruffs Serie "ma.r.s."
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de