Der erste Eindruck der 8. Berlin Biennale unter Kurator Juan A. Gaitán ist der: Bis auf die Finanzierung durch die Bundeskulturstiftung (2,5 Millionen Euro) ist diesmal fast alles anders. Die Schau von 53 Künstlern aus aller Welt an drei Orten folgt nicht dem gängigen Berlin-Mythos. Sie wirkt subtil, präzise, politisch – ohne Spektakel, dafür mit starkem Bezug auf Alexander von Humboldt.
Kunst-Werke Auguststraße: In seinen stärksten Momenten ist der zentral gelegene Teil der Biennale eine Auseinandersetzung mit der Dauer, mit sehr lang anhaltenden Zeitspannen. So zeichnet der Inder Vivan Sundaram mit Kohle und mit Motorenöl, mit Materialien also, zu deren Produktion der Druck der Erde auf fossile Schichten Jahrmillionen brauchte. Die Zeichnungen sind ihrerseits wie Erdschichten, in denen fossiliengleich Szenen von Ausbeutung und Auflehnung eingeschlossen sind. Vom Betrachter fordern sie den Willen zum archäologischen Aufstöbern von Erkennbarem.
Sehr lange Dauer erwartet einen auch in der Videoinstallation des Peruaners David Zink Yi, so lange, dass die Betrachter zwischendrin ihre E-Mails checken oder einfach vorbeilaufen, weil sie glauben, außer dem anhaltenden Blick auf die bizarre Steinlandschaft täte sich nichts. Darunter aber arbeitet ein Trupp Minenarbeiter mit simplen Stangen am Abbau silberhaltigen Gesteins, in ruhigen Einstellungen über eine Stunde betrachtet, immer im Wechsel von ober und unter Tage.
Diese Biennale ist wieder ziemlich politisch geraten, aber nicht im agitatorischen Sinn wie die vorangegangene, sondern in einer eminent melancholischen Weise. In der Schwermut liegt ihre Schärfe. Viele Werke beruhen auf einer Interpretation von Arbeit, in denen die kurze Frist einer Menschengeneration mit den langen Prozessen ihrer Umwelt hysterisch und verheerend kollidiert.
Wunderbar die Installation von Judy Radul, die schon mal vorab Abschied nimmt von den Dahlemer ethnografischen Sammlungen, die ja dermaleinst ins entstehende Humboldt-Forum wandern sollen. In einer poetischen Multimedia-Installation untersucht sie den Zusammenhang von Museumsstück und Museumsumgebung – ein künstlerisch starker, aber umso schlechter rationalisierbarer Einspruch gegen die Hybris der Schlossrekonstruktion. (Harald Jähner)
Museen Dahlem: Eigentlich ist der Museumsbau kaum geeignet für junge Kunst. Es ist ein Schatzhaus der Völkerkunde, voller Zeugen vergangener Kulturen, voller Artefakte, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Diese Biennale wagt es, sich so subtil wie präzise, so unspektakulär wie sensationell tieflotend dazu zu verhalten, den drei außereuropäischen Sammlungen unaufdringlich eine zeitgenössisch-globale vierte hinzuzufügen. Hier führt an allen 28 Stellen, an denen 28 Künstler ihre Arbeiten dicht zu den ethnologischen Objekten brachten, die Behutsamkeit Regie.
Allerdings muss man sich viel Zeit und eine Wegekarte nehmen, um die eigentümlichen, meist stummen oder aber von sanftem Sound alter Instrumente oder von den Videokojen herrührenden Geräuschen begleiteten Bezugssysteme aufzuspüren, sich einzulassen, zu begreifen. Etwa, wie Wolfgang Tilmans in einem monumentalen Makro-Foto das Innere einer Blüte als Lebenskosmos zeigt, in dem sich ein Insekt labt. Oder wie die minimalistischen Skulpturen von Ima Issa aus Kairo und das Sound-Konzert-Video „Unravel“ des Albaners Anri Sala sich beziehen auf Objekte der Cozumalhuapa-Indianer-Kultur. Carsten Höller stört im dunklen Raum voller präkolumbianischer Goldschätze die geheimnisvolle Aura durch ein hart flackerndes, schmerzendes Licht. Und Alberto Baraya aus Bogota verwandelte die Wandvitrinen dahinter zu einem kuriosen Herbarium. Als konterkariere er Alexander von Humboldts legendäre Botanisiertrommel mit einem Aufgebot an kitschigen Kunstblumen von heute.
Auf jeden Fall ist hier draußen in Dahlem alle großstädtische Hektik erstorben. Der ganze Parcours ist eine Entschleunigung. Kaum gibt es Eingriffe in die Räume, keine Störungen der stoischen Artefakte, ob nun aztekische Steinskulpturen oder Totems in der bildgewaltigen Südseeabteilung. (Ingeborg Ruthe)
Haus am Waldsee: Hier wird man beobachtet – im Verborgenen, aus dem Obskuren heraus. Denn warum sticht der klare Blick eines Rehauges so scharf und trifft einen unvermutet aus einem Jägermantel heraus? Das Figurenobjekt hat Kurator Juan A. Gaitan wohl ganz bewusst und trotzdem wie beiläufig in den ersten Raum an die Wand gehängt. Es ist aus „A Private Collection“ und markiert sogleich das, was bei dieser Biennale die private Seite der Kunst zeigen will will. Im Wintergarten der Villa am See, die sich ein jüdischer Textilfabrikant um 1920 erbauen ließ, plätschert ein Brunnen. Das Wasser sprudelt, sammelt sich klar und rein auf einer Kupferplatte, die über dem Fliesenboden zu schweben scheint. Das rohe Gefäß hat Christodoulos Panayiotou aus der Mine Skouriotissa auf Zypern geholt. Das Metall wird Grünspan ansetzen im Lauf der Biennale.
Hier geht es um die Landschaft sowohl in ihrer romantischen wie auch ethnografischen Vorstellung, um „lyrische“ Zugänge“ und nicht nur um wissenschaftliche. So berührt die Argentinierin Carla Zaccagnini mit der Komposition „Le Quintour de Nègres, encore“ beim Eintritt in den großen Saal. Die Notationen einer Partitur verschmelzen mit dem Klang, den sie aufzeichnen. Die Musik stammt aus dem Ballett und der Liebesgeschichte „Paul et Virginie“. Der Klang zieht hinaus auf den Balkon und in den Garten, man lauscht den Tanzschritten in der Musik, die sich mit dem knirschenden Kies der Besucherschritte vermischen. Moskitolarven lässt der Franzose Mathieu Kleyebe Abonnenc in Wasserflaschen heranwachsen, man wird ihr Schlüpfen in den nächsten Wochen beobachten können.
Einen Dialog mit der Kunstgeschichte stößt der Schwede Matts Leiderstam im Obergeschoss an. „The Connoisseur's Eye“ überrascht mit aus der Wand ragenden Rückseiten von Gemälden aus dem Bilderarchiv des Nationalmuseums Stockholm und der Berliner Gemäldegalerie. Inventarnummern, ein Hakenkreuzaufkleber, die Rückseiten erzählen düstere Geschichte. An diesem Ort erfährt das Private eine Intimität, die die Vergangenheit näher an die Gegenwart holt, sie über die Objekte, Bücher und über Klang mit dem Ort verbindet.
Slavs and Tatars, das Künstlerkollektiv aus Eurasien – was für eine schöne Bezeichnung für die migrierenden Kunstnomaden – haben nahe am Seeufer einen Hügel errichtet, fast in der Form eines aufgeklappten Buches, draußen ertönt der Gottesruf der Muslime in türkischer Sprache, vom Computer verfremdet. Der Ruf in den Wald bleibt in der Erde stecken. So poetisch kann Berlin Biennale sein. (Irmgard Berner)
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