Diese seltsam disparate Kollektion, bei der die Fachleute mittlerweile überzeugt sind, dass es sich sowohl um sogenannte „Entartete Kunst“ als auch um Kunstwerke handelt, die von den Nazis aus europäischen Museen und Sammlungen geraubt wurden, war bereits im Frühjahr 2012 in einer Wohnung in München-Schwabing beschlagnahmt worden. Deren Bewohner, Cornelius Gurlitt, 79, ist der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Von ihm hat er den sensationellen Bilderberg geerbt, der nunmehr Medien und Kunstwissenschaft im In- und Ausland bewegt, erregt und zu immer neuen Spekulationen anregt.
Und nach deutschem Recht ist Cornelius Gurlitt auch der Eigentümer der Bilder, selbst wenn im Freistaat Bayern gegen ihn wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird. Auf welche Weise sein Vater, der von den Nazis privilegierte Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, die Werke zusammengeholt haben mag, spielt dabei keine Rolle. Das Unterschlagen von Kunst ist nach dreißig Jahren verjährt. Zudem gilt für Privatpersonen nicht die Washingtoner Erklärung von 1998, nach der öffentliche Museen und Einrichtungen zu einer „gerechten und fairen Lösung“ in Auseinandersetzungen mit Erben verpflichtet sind.
Von Cornelius Gurlitt, der wahrscheinlich am besten Auskunft über das Geschäftsgebaren seines Vaters geben könnte, war bislang gar nichts in dieser Angelegenheit zu erfahren, zumindest nicht öffentlich. Vor ein paar Tagen hat er seine Münchener Wohnung verlassen, die ihm auflauernden Journalisten gingen wieder einmal leer aus. So speisen sich alle Erkenntnisse über die Hauptperson dieses Falls aus zweiter Hand. Der aus Dresden stammende Hildebrand Gurlitt war wohl eine der schillerndsten Personen im Kunsthandel der Nationalsozialisten. Moralische Kategorien von Gut und Böse verschwimmen bei diesem Mann, der selbst jüdische Wurzeln hatte und sich leidenschaftlich für die Avantgarde-Kunst einsetzte – vor allem für die expressionistische Bildsprache. Eine Passion, die – vor Hitlers Bannstrahl des „Unvölkischen“ – auch NS-Größen wie Goebbels und Göring durchaus teilten.
Ernst Ludwig Kirchner: „Melancholisches Mädchen“, undatiert
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Hans Christoph: „Paar“, 1924
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Henri Matisse: „Sitzende Frau/In einem Sessel sitzende Frau“, 1924
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Otto Dix: „Ältere Dame mit Hut“, undatiert
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Christoph Voll: „Sprengmeister Hantsch“, 1922
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Otto Dix: „Dompteuse“, 1922
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Otto Griebel: „Die Verschleierte“, 1926
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Wilhelm Lachnit: „Mädchen am Tisch“, 1923
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Ludwig Godenschweg: „Männliches Bildnis“, undatiert
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Conrad Felixmüller: „Paar in Landschaft“, 1924
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Fritz Masko: „Sinnende Frau“, 1922
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Christoph Voll: „Mönch“, 1921
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Otto Dix: „Dame in der Loge“, 1922
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Otto Griebel: „Kind am Tisch“, undatiert
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Als Chef des Zwickauer Kunstmuseums stellte Hildebrand Gurlitt, selbst Spross einer Künstler- und Musikerfamilie, in den Zwanzigerjahren Werke der Expressionisten aus, zudem ließ er das Museum von Bauhaus-Künstlern gestalten. Er pflegte Kontakte mit Malern der vormals Dresdener, dann nach Berlin übersiedelten Künstlergemeinschaft „Brücke“, wie auch mit der Münchener Vereinigung „Der Blaue Reiter“. Vor allem mit den Brücke-Malern Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner hatte Gurlitt regen Kontakt. Doch schon 1930 wurde er aus dem Amt als Museumsdirektor in Zwickau entlassen, man warf ihm finanzielle Misswirtschaft vor und rügte seinen allzu modernen Kunstgeschmack.
Auch als Leiter des Hamburger Kunstvereins wurde er 1933 abgesetzt. Umso verwunderlicher ist es, dass Hildebrand Gurlitt, ob aus Angst oder Eitelkeit oder weil er glaubte, für die nunmehr offensichtlich bedrohten Künstler noch etwas tun zu können, sich bald darauf von Hitlers Sonderbeauftragtem in Kunstfragen, Hermann Voss, engagieren ließ – als in Paris akkreditierter Kunstankäufer für das geplante „Führermuseum“ in Linz. Und so wurde er – wie seine Kollegen Ferdinand Möller, Karl Buchholz und Bernhard A. Böhmer – zu einer der zentralen Figuren des NS-Kunsthandels.
Aber es war wohl eine im Nachhinein ziemlich verwirrende Doppelrolle, die er in diesem Geschäft spielte. Einerseits verkaufte er für den NS-Staat seit 1937 devisenbringende „Entartete Kunst“ ins Ausland. Andererseits machte er an seinen Auftraggebern vorbei heimlich Geschäfte mit „entarteter“ Avantgardekunst. 1943 etwa suchte Hildebrand Gurlitt den verfemten, ins Amsterdamer Exil getriebenen Maler Max Beckmann auf und kaufte einige seiner Bilder.
Was also war dieser Hildebrand Gurlitt: Künstlerfreund oder Willfähriger der Nazis? Ein Mann mit Zivilcourage oder ein feiger Opportunist? Opfer oder Täter – oder beides? Die Alliierten und deren Raubkunstfahnder jedenfalls, die 1945 bei ihm Werke von Beckmann, Schlemmer, Kollwitz, Pechstein, Macke konfisziert hatten, händigten ihm 1950 alles wieder aus. Sie schenkten ihm Glauben, als er versicherte, seine Sammlung – jene bis 2012 in der Münchner Wohnung versteckten Bilder – sei in der Dresdener Bombennacht des 13. Februar 1945 verbrannt.
Ein Kunstwerk des deutschen Malers Franz Marc mit dem Titel "Pferde in Landschaft".
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"Allegorische Szene" des franzöischen Malers Marc Chagall.
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Ein Kunstwerk des deutschen Malers Carl Spitzweg mit dem Titel "Musizierendes Paar".
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Ein Selbstportrait des deutschen Malers Otto Dix mit einer Zigarette im Mund.
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Ein Werk des italienischen Malers Antonio Canaletto (Giovanni Antonio Canal).
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"Dorfmädchen mit Ziege" des französischen Malers Gustav Courbet.
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"Melancholisches Mädchen" von Ernst Ludwig Kirchner.
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"Sitzende Frau" von Henri Matisse.
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Ein Kunstwerk des deutschen Malers Otto Dix.
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Er wurde rehabilitiert, wirkte bis zu seinem Unfalltod 1956 als geschätzter Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen. Als Deutschland damals in New York und San Francisco Ausstellungen mit im Dritten Reich verfemter moderner Kunst finanzierte, waren auch dreiundzwanzig Bilder zu sehen, die Hildebrand Gurlitt beigesteuert hatte: Werke von Künstlern aus den Vereinigungen „Brücke“ und „Blauer Reiter“ – unter anderem von Ernst Ludwig Kirchner und Franz Marc.
Alle Recherchen, Einschätzungen und auch die moralischen Bewertungen im Falle Gurlitt stehen erst am Anfang. Es kann Jahre dauern, bis das Woher, das Wie und Warum geklärt sind und die Erben der einstigen jüdischen Besitzer dieser Bilder vielleicht eine späte Wiedergutmachung erfahren Cornelius Gurlitt hat noch die Chance, zu erklären, warum er jahrzehntelang den Münchener Bilderschatz wie ein Warenlager versteckte. Sein Vater aber, dieser Liebhaber – generöser Beschützer wie zweifelhafter Erwerber – der heute über alle Maßen beliebten expressionistischen Kunst, bleibt der Nachwelt wohl für immer ein Rätsel.
Die Familie
Ein gemaltes Porträt, fast hundert Jahre alt, gibt eine Ahnung davon, wie illuster, selbstbewusst und in der Kunstwelt einflussreich die Familie Gurlitt über Generationen war. Der junge Mann auf dem Bild von Lovis Corinth trägt einen schwarzen Dreiteiler, die Haare sind korrekt geschnitten, die Augen wach, der Blick ehrgeizig. Neben dem Gesicht stehen die Signatur des Künstlers, die Jahreszahl 1917 und ein Name: Wolfgang Gurlitt. Der Porträtierte war da 29 Jahre alt und auf dem besten Wege, eine wichtige Figur in der Berliner Kunstszene zu werden. In seiner Galerie zeigte er Matisse, Munch, Corinth, Gauguin, Kubin und Kokoschka, er hatte sie von seinem verstorbenen Vater Fritz übernommen, dessen Vater Louis wiederum selbst ein künstlerisches Talent hatte, er war Landschaftsmaler.
Das Porträt Wolfgang Gurlitts, Cousin von Hildebrand und Onkel von Cornelius Gurlitt, ist im Besitz des Linzer Kunstmuseums Lentos – wo man jetzt aufmerksam die Entwicklungen im Münchener Kunstfund-Fall verfolgt. Die Stadt Linz hat zwar verlauten lassen, man sehe keinen Zusammenhang zwischen der eigenen Kunstsammlung und den vor zwei Wochen aufgetauchten Werken. Tatsache ist aber, dass der Grundstock des nach Kriegsende gegründeten Linzer Museums eine nicht unproblematische Vergangenheit hat – und das hat auch mit dem Namen Gurlitt zu tun. Etwa hundert Gemälde und Grafiken stellte nämlich Wolfgang Gurlitt dem neuen Museum zur Verfügung, zunächst als Leihgabe, später kaufte die Stadt sie. Auch das Porträt von Lovis Corinth, es hat die Inventarnummer 1.
Wolfgang Gurlitt war nicht, wie sein Cousin Hildebrand, einer der vier Chefeinkäufer für das „Führermuseum“, das Adolf Hitler in Linz geplant hatte, und für das die Nationalsozialisten mit gewaltigem Fleiß Kunstwerke raubten und beschlagnahmten. Doch auch er vermittelte „entartete Kunst“ ins Ausland, um den Erlös dem Regime zur Verfügung zu stellen. Da beide in der NS-Zeit als „Vierteljuden“ kategorisiert waren – ihre Großmutter Else Lewald, Frau des Landschaftsmalers Louis, war Jüdin –, blieben ihnen nach 1945 genauere Befragungen erspart.
Die Frage, die nun im Zusammenhang mit dem Münchener Fund auftauchte, ist die nach möglichen Geschäftsbeziehungen zwischen den Cousins. Nach heutigem Wissensstand habe es die nicht gegeben, teilte der Linzer Kulturdirektor mit. Bücher und Dokumente aus dem Münchener Kunstfund werden nun möglicherweise darüber Aufschluss geben, ob dem wirklich so ist. Wolfgang Gurlitt, der 1965 starb, hatte immer angegeben, dass seine Geschäftsbücher verbrannt seien, in Berlin und in Würzburg.
Sicher ist, dass auch Wolfgang Gurlitt nach dem Krieg eine Kunstsammlung in seinem Besitz hatte, deren Geschichte besser dokumentiert ist als die ungleich größere des Cousins, aber auch Lücken aufweist. Der Historiker Walter Schuster vom Linzer Stadtarchiv hat herausgefunden, dass Wolfgang Gurlitt ab 1940 in Bad Aussee in Österreich einen Wohnsitz hatte; mit Ehefrau Käthe und seiner Exfrau Julia erwarb er eine Liegenschaft samt Villa und Mobiliar. In dem Haus lagerte er Gemälde und Grafiken. Seine Reisen machte Wolfgang Gurlitt zwar weiter offiziell in Sachen „Führermuseum“, benutzte sie aber dazu, bedeutende Werke für sich selbst zu bevorzugten Preisen zu erwerben.
Die Übersiedlung seines wertvollen Kunstbesitzes in das sichere Domizil im steirischen Salzkammergut hatte er geschickt geplant. Erneut kamen ihm seine Kontakte zum NS-Apparat zugute, weist Schuster nach: Zur sicheren Aufbewahrung seiner Kunstbestände wurde er von der Auflage befreit, in seiner Villa ausgebombte Mitbürger einquartieren zu müssen.
Pikant an der Ortswahl war auch, dass sich im benachbarten Altaussee die Stollen jenes Salzbergwerks befanden, die als bombensicheres Zentraldepot für die inzwischen mächtig angeschwollene Kunstbeute der Nazis für das „Führermuseum“ dienten. Alliierte Truppen stellten diese in den letzten Kriegstagen sicher.
Wolfgang Gurlitts Rolle während der NS-Zeit sei schwer zu beurteilen, sagt Walter Schuster. In der Tat scheint sie ähnlich komplex zu sein wie die von Hildebrand Gurlitt. Im Linzer Stadtarchiv liege das schriftliche Zeugnis eines ehemaligen Mitarbeiters, wonach in den Sechzigerjahren jüdische Emigranten die Münchner Galerie Wolfgang Gurlitts aufsuchten, um sich bei ihm wegen dessen Hilfe während der NS-Zeit zu bedanken. Ein weiterer Zeitzeuge habe berichtet, dass viele Juden während der NS-Herrschaft ihn geradezu angefleht hätten, ihnen Kunstgegenstände abzukaufen. Er habe dabei sogar Dinge erworben, an denen er gar kein Interesse gehabt habe.
In der Nachkriegszeit bewohnte Wolfgang Gurlitt mit seiner Familie, zu der nun auch zwei Töchter und die jüdische Lebensgefährtin Lilly Agostin gehörten, weiter die Villa in Bad Aussee. Dass er nach dem Ende des Dritten Reiches in Österreich geblieben ist und auch Österreicher wurde, lag wohl an seiner Angst vor Rückforderungen in Deutschland. Das Museum Lentos hat durchaus Provenienzforschung betrieben, die Ermittlungen seien eigentlich abgeschlossen, hieß es aus Linz. Das scheint nun nicht mehr ganz so sicher zu sein.
Die Fahnder
Eigentlich wollte Joel Levi, Israels Experte für NS-Raubkunst, die Dinge nach überstandener, schwerer Krankheit ruhiger angehen. Das wird dem 75-jährigen Sohn deutscher Juden nun kaum gelingen. Nicht nach dem Kunstfund von München. Die Entdeckung der Sammlung Gurlitt hat auch Joel Levi, den Anwalt aus der Ortschaft Ramat Gan bei Tel Aviv, elektrisiert. Er zieht eine zentimeterdicke, vergilbte Kladde hervor. Einst hat sie einem der bedeutendsten Breslauer Kunstsammler gehört. Einem Juden, dessen Namen Levi nicht nennen möchte, weil die Erben, seine Mandanten, den zu befürchtenden Medienrummel nicht aushalten würden. Was das Büchlein enthält, ist ein Schatz: 5 800 Kunstwerke aus Klassik und Moderne, deren Kauf mit Datum und Preis in steiler altdeutscher Schrift akribisch aufgelistet ist. Damit werde er den Münchener Fund abgleichen, sagt Levi und schwenkt das Buch.
Bislang hat die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg 25 Bilder aus dem Konvolut auf ihrer Website lostart.de veröffentlicht. Kunst, die die Nationalsozialisten konfiszierten oder für einen Spottpreis erwarben, als Juden in Deutschland alles hergaben, um an Ausreisevisa zu gelangen. Nach den Erkenntnissen der Koordinierungsstelle fallen 970 Werke, also rund zwei Drittel der von der Augsburger Staatsanwaltschaft sichergestellten Gegenstände, in die Kategorie Raub- oder Beutekunst. 380 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen seien vermutlich als „Entartete Kunst“ klassifiziert worden, die restlichen 590 gelten als „NS-bedingt entzogen“. Sukzessive sollen sämtliche Daten online gestellt werden.
„Alles, was man sich nur denken kann, ist in dieser Gurlitt-Sammlung“, sagt Joel Levi, der als Anwalt die Erbengemeinschaften von 16 jüdischen Kunstsammlern vertritt. Er hofft, wieder einmal einen Treffer zu landen. Vor allem das Büchlein aus Breslau könnte weiterhelfen. Es geht um immense Werte. Noch 1932 habe Hermann Göring, später NS-Reichsmarschall, 32 Millionen Reichsmark für diese Breslauer Sammlung geboten, sagt Levi. Nach der Machtergreifung Hitlers wurden die meisten Werke als „Entartete Kunst“ abgestempelt. „Aber Goebbels sagte zu Hitler: ‚Mit diesem Dreck kann man Geld machen.‘“`
Der israelische Raubkunst-Jäger Joel Levi kennt sich nicht nur mit dem Nazi-Jargon aus. Er kennt nach seinen jahrelangen Recherchen auch die verschlungenen Wege der erschlichenen Kunstwerke. Vor allem die Familie Baldur von Schirachs, des sogenannten Reichsjugendführers, habe stets einen Abgesandten zu einer Auktion geschickt, wenn in jenen Jahren der um sich greifenden Judenverfolgung der „Verkauf einer Privatsammlung“ annonciert wurde. Sobald Werke aus dem Besitz reicher, jüdischer Mäzene aus Breslau, einer der damals führenden Kunststädte, unter den Hammer gerieten, seien sogar von Schirach samt Gattin und andere hochkarätige NS-Größen persönlich aufgekreuzt.
Seit mehr als fünfzehn Jahren hat sich Levi auf das Aufspüren von Kunstwerken spezialisiert, die den Nationalsozialisten und ihren Nutznießern in die Hände fielen. Manch wertvolles Stück landete auch in Museen. Sofern die jetzigen Besitzer die Werke gutgläubig erwarben, gibt es gegen sie keine verbindlichen Rückforderungsrechte. Die Washingtoner Erklärung von 1998, in der sich 44 Staaten verpflichteten, aktiv nach der Provenienz geraubter Kulturgüter zu forschen, empfiehlt lediglich, sich in solchen Fällen gütlich zu einigen.
Die Recherchen glichen oft einer Reise ins Unbekannte, sagt Levi und erzählt von einem Kunstliebhaber aus Amsterdam, der 1940 Selbstmord beging. Der Rest der Familie wurde deportiert, mit Ausnahme der nicht-jüdischen Schwiegertochter überlebte niemand. Als eine holländische Kommission in den einheimischen Museen die Provenienz, das heißt die Herkunft und den Weg der Werke durch die Sammlungen, erforschte, stieß sie auf drei von 2 000 verschollenen Kunstwerken aus dem Familienbesitz. Joel Levi schaltete sich ein, um die Erben ausfindig zu machen, was auch gelang. „Allerdings wussten die Enkel nichts von ihrer jüdischen Herkunft und hatten keine Ahnung, dass ihr Großvater einst das jüdische Museum in Amsterdam gegründet hatte.“
Beim Thema Raubkunst liegt auch fast 70 Jahre nach dem Ende der Nazizeit in jeder Hinsicht noch vieles im Dunklen. „Wir kennen nur die Spitze des Eisberges“, sagt Joel Levi, der annimmt, dass fast eine halbe Million Werke in privaten Sammlungen und Museen zu finden seien, deren eigentliche Besitzverhältnisse ungeklärt sind. Oft genug würden offizielle Stellen die Spurensuche erschweren. Gerade mit den Archiven bayerischer Finanzämter, bei denen Juden im Nationalsozialismus eine Vermögensaufstellung abgeben mussten, hat Joel Levi wenig gute Erfahrungen gemacht. Sie hielten aus Datenschutzgründen bis heute die Akten geschlossen, die einen Nachweis über alte Besitzrechte liefern könnten. Für Levi ist das unbegreiflich.
Der Augsburger Staatsanwalt Reinhard Nemetz, der im Fall der Gurlitt-Sammlung ermittelt, gibt sich allerdings kooperationsbereit. „Wann immer Sie etwas feststellen, rufen Sie gleich an“, hat er Levi aufgefordert. Einen Anlass zum Telefonat gibt es bereits. Vor ein paar Tagen hat sich bei dem Anwalt eine Mandantin gemeldet, die behauptet, das in München beschlagnahmte Gemälde „Reiter am Strand“ von Max Liebermann gehöre ihr. Den gleichen Anspruch freilich erheben die Erben von David Friedmann, der ebenfalls zu den renommierten Breslauer Sammlern zählte. Womöglich, überlegt Levi, habe Liebermann das Reiter-Bild mehrfach gemalt, was seinerzeit nicht unüblich war. Eines ist gewiss, auf die Taskforce der von Berlin ernannten sechs Kunstexperten wartet Detektivarbeit.
Die Forscher
Kaum ein anderer Wissenschaftszweig hat in jüngster Zeit derart öffentliche Aufmerksamkeit erregt wie die Provenienz- und die Restitutionsforschung. Bis vor ein paar Tagen waren diese Disziplinen weithin nur als Sonderfälle der historischen Forschung bekannt. Das hat sich blitzartig geändert, seit die Beschlagnahme der Gemälde und Zeichnungen aus dem Münchener Besitz von Cornelius Gurlitt bekannt wurde.
Provenienzforscher widmen sich der Herkunftsgeschichte von Objekten aller Art, Restitutionsforscherder Frage, ob diese Objekte an einstige Besitzer zurückgegeben werden können. Es sind Berufe, die mit der Berliner Kunsthistorikerin Maike Hoffmann, die die Gurlitt-Sammlung erforscht, erstmals ein Gesicht erhielten. Nicht zufällig ist es ein weibliches Gesicht. Im Normalfall nämlich werden beide Berufe von Frauen ausgeübt. Die Honorare sind oft niedrig, die Arbeit ist moralisch belastend, allerdings auch nachts zu erledigen, wenn die Kinder schlafen.
Die Karrierechancen aber sind klein: Diese Forschungen sind zu sehr verbunden mit Verlustgefühlen, als dass sie zum Sprungbrett in Museen, Bibliotheken, Archive, sonstige Sammlungen oder Universitäten dienen könnten. Aus diesem Grunde sind die Forscherinnen oft abhängig von den Aufträgen der Kunstauktionshäuser, der Rückgabeanwälte, der öffentlichen Institutionen. Deswegen wird auch so eisern über das Geschäft geschwiegen – Vertrauen ist in der Provenienz- und Rückgabeforschung alles. Schließlich geht es oft um intimste Interna von immer noch hoch verehrten Personen.
Die Geschichte jedes einzelnen Objekts muss geklärt werden, bevor feststeht, ob es sich vielleicht doch um juristisch legales, vielleicht sogar moralisch legitimes Eigentum des jetzigen Besitzers handelt – oder aber um Besitz von Verfolgten des Naziregimes. Wechselten Kunstwerke zwischen 1933 und 1945 im Zuge von Arisierungen, Zwangsverkäufen, erzwungenen Versteigerungen oder durch blanken Diebstahl den Besitzer? Wurden sie im Auftrag des Deutschen Reichs, gar Hitlers persönlich, in Deutschland oder im besetzten Europa und Nordafrika beschlagnahmt? Beließen sie Banken nach dem Krieg zinsbringend in ihren Tresoren, als sich kein Erbe mehr meldete?
Oder handelt es sich um Werke, die auf Befehl der Nazis als „Entartete Kunst“ zwischen 1937 und 1945 aus öffentlichen Sammlungen Deutschlands enfernt wurden? Zudem muss immer, auch im Fall Gurlitt, erforscht werden, ob es sich nicht schlicht um Bestände einer Privatsammlung handelt, die schon vor 1933 existierte. Manche Werke mögen heute noch rückgabefähig sein – „Entartete Kunst“ gehört meist nicht dazu –, andere wurden möglicherweise regelgerecht erworben. Die Rechtslage ist immer kompliziert und oft widersprüchlich.
Das vor fünf Jahren im Berliner Proprietas-Verlag erschienene Handbuch „Nazi Lootet Art“ von Gunnar Schnabel und Monika Tazkow mit seinen oft erschütternden, manchmal bis heute ungeklärten 112 Einzelfällen zeigt dies. Das Buch offenbart auch, wie unterschiedlich der Umgang mit Raubkunst in Europa und Nordamerika ist. Manche Länder verweigern sich der Forschung völlig, andere haben sie zur Staatsaufgabe gemacht. Und dann gibt es noch das Problem der 1945 von der Roten Armee aus den Ländern Mittel- und Osteuropas in die Sowjetunion verbrachten Objekte. Russland weigert sich bis heute weitgehend, diese zurückzugeben. Georgien und die Ukraine tun das nicht.
Herkunfts- und Restitutionsforschern geht es also um die Aufarbeitung von Unrecht, und zwar keineswegs nur dessen der Nazizeit. Im Zug der zweiten Welle des europäischen Kolonialismus im 19. Jahrhundert etwa gelangten neben einzigartigen Kunstwerken, Gerätschaften, ganzen Häusern und Schiffen auch Zehntausende von menschlichen Schädeln und Skeletten in private und öffentliche Sammlungen vor allem Europas und Nordamerikas. Vieles wurde eingetauscht oder erworben. Manches aber eben auch erbeutet.
Es folgte der Raubzug an den als Juden Verfolgten in der Zeit des Nationalsozialismus, danach jener am Adel und am Bürgertum der sozialistischen Länder Ost- und Mitteleuropas.
Immer wieder stehen die Forscher vor dem Unverständnis einer Öffentlichkeit, die zwar im Allgemeinen die Rückgabe von geraubten Objekten moralisch unterstützt, im Besonderen aber eher widerwillig ist. Deutsche Museen etwa, aber auch Bibliotheken und Archive haben erst seit dem Washingtoner Abkommen halbwegs systematisch begonnen, ihre Bestände nach „Problemfällen“ zu durchforsten. Noch weniger bereit dazu sind viele Privatleute.
Cornelius Gurlitt hat sich nach dem Tod seines Vaters 1956 schließlich nicht anders verhalten als praktisch die gesamte europäische Nachkriegsgesellschaft in Ost wie West. Über Kunstwerke, Möbel, Bücher, Archivalien, Versicherungspolicen, Grundstücke, Häuser, Aktien und Goldbarren, Autos, Porzellane, Skulpturen, Gemälde oder Teppiche, die in den Jahren 1933 bis 1945 erworben wurden, sprach man nicht. Allenfalls wurde erwähnt: Das und jenes hat uns der jüdische Freund vor seiner – selbstverständlich immer geglückten – Flucht geschenkt. Meist aber war alles „alter Besitz“. Bei Ostasiatika und Africana wurden auch gerne der Boxerkrieg in China oder eine verflossene Missionarsgattin in Erinnerung gebracht. Ikonen waren gerne Geschenke von russischen Kampfgenossen gegen den Kommunismus.
Auch die 68er haben lange nicht nachgefragt, wie denn das nette Biedermeier-Ensemble in die eigentlich eher kleinbürgerliche Familie kam. Erst in den Neunzigerjahren, als mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Regime auch das seit 1948 sozialisierte Besitzgerüst Mittel- und Osteuropas in Bewegung kam, als Juden und alte Familien Rückgabeansprüche stellten, vor allem aber die Archive zugänglich wurden, änderte sich das. In diese Zeit fiel das Forschungsprojekt zum Schicksal der Möbel aus Judenwohnungen in Köln, das zeigte: Kaum eine Familie, die nicht von der Verteilung solcher Stücke profitierte. Die Schandtaten des 20. Jahrhunderts werden uns noch lange verfolgen.
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