Bischof ist Rechtsanwalt in Berlin, Spezialgebiet Kunstrecht. Ein groß gewachsener, jungenhafter Mann von 42 Jahren, der mit ansteckender Begeisterung von der Suche nach verschollenen und geraubten Kunstwerken erzählen kann, von den Spitzfindigkeiten im juristischen Dschungel, von Besitz und Eigentum – und vom Glück in den Augen der Sammler und Museumsleiter, wenn sie Gemälde und Skulpturen zurückbekommen, die verschwunden waren.
Eins von Bischofs jüngsten Suchobjekten ist das Liebermann-Bild auf dem Sepia-Foto. „Linnenkammer im israelitischen Spital in Amsterdam“ heißt das Ölgemälde, 57 mal 84 Zentimeter groß, 1908 gemalt. Es zeigt Frauen in einem großen, lichten Raum, die Köpfe über ihre Arbeit an den Stoffen gebeugt. „Das Bild gehört zu einer Kunstsammlung, die die Familie meiner Mandanten nach Kriegsende in ihrer Villa auf dem Weißen Hirsch in Dresden zurücklassen musste“, erzählt Bischof. „Die Sammlung, zu der noch vier weitere Liebermann-Bilder gehören, ist verschwunden. Aber immerhin haben wir Fotos der Wohnräume und der einstmals darin hängenden Bilder. Das hilft enorm bei der Suche, denn dank der Fotos können wir die gesuchten Bilder eindeutig identifizieren.“
Cassirer verkaufte nach Dresden
Eine mühsame Suche bleibt es dennoch. Seit vielen Jahren steht das Liebermann-Gemälde auf der Internetseite von Lost Art, der 1998 eingerichteten zentralen Koordinierungsstelle für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste. Die in Magdeburg ansässige Einrichtung veröffentlicht in einer Internet-Datenbank jene Kunstwerke, die zwischen 1933 und 1945 verschwunden oder geraubt worden sind. Zu den meisten Suchobjekten sind in der Datenbank Fotos sowie nähere Informationen wie Entstehungsjahr, Abmessungen und Provenienz abrufbar, also der Weg, den ein Kunstwerk durch Museen und Sammlungen genommen hat. Seitdem können sich Kunsthändler und Museen nicht mehr ahnungslos stellen, wenn sie in der NS-Zeit geraubte Kunstwerke erwerben oder verkaufen.
Die Provenienz-Liste der „Linnenkammer“ beginnt in der Lost-Art-Datenbank 1908, dem Entstehungsjahr des Bildes. Der Berliner Verleger und Kunsthändler Paul Cassirer hatte damals das Gemälde Liebermann, der ein enger Freund von ihm war, abgekauft. Im August des gleichen Jahres veräußerte er es an Oscar Schmitz, einen Textilfabrikanten aus Dresden.
Schmitz war eine berühmte Persönlichkeit der Elbestadt. Seit 1913 gehörte er der Ankaufkommission der Staatlichen Kunstsammlungen an und saß im Vorstand der Kulturstiftung des Landes Sachsen. Auch als Kunstsammler hatte er einen exzellenten Ruf. In seiner Villa trug er eine der bedeutendsten privaten Sammlungen moderner Kunst zusammen. Zu ihrem Bestand gehörten Werke französischer Impressionisten wie Cèzanne, Courbet, Delacroix und Manet, aber auch Gemälde von Max Slevogt, Wilhelm Trübner und eben Max Liebermann. Nachdem Schmitz Anfang der 1930er-Jahre seinen Wohnsitz nach Zürich verlegte und dort 1933 verstarb, musste ein Großteil der Sammlung verkauft werden. Einige Stücke verblieben jedoch bei seinen Angehörigen.
Liebermanns „Linnenkammer“ landete mit vielen weiteren Kunstwerken bei Schmitz’ Tochter, die mit ihrer Familie eine Villa auf dem Weißen Hirsch bewohnte. Kurz vor Kriegsende floh die Familie nach Westdeutschland. Es war eine überstürzte Flucht, den Großteil ihrer Habe musste sie zurücklassen. Darunter auch die Kunstwerke.
In der Lost-Art-Datenbank taucht als nächstes Datum das Jahr 1947 auf. Eine Kunsthandlung Schwär in Oberoderwitz nahe Görlitz ist zu dieser Zeit im Besitz von Liebermanns „Linnenkammer“. Wie das Bild dorthin gelangt ist und an wen es dann weiterveräußert wurde, ist bis heute unbekannt. Herausgefunden haben die Erben immerhin, dass nach Kriegsende ausgebombte Dresdner Familien in die Villa auf dem Weißen Hirsch einzogen. Ein Hausmeister hatte zuvor viele der Kunstwerke aus den Zimmern geholt und in einem Kellerraum verstaut. Dort sollen sie gestohlen worden sein.
Erst 1996 taucht das Liebermann-Bild laut Lost-Art-Datenbank wieder auf, im Kunstsalon Franke in München. Im vergangenen Jahr wurde dort nach dem Verbleib des Bildes nachgefragt. Die Antwort war freundlich, aber enttäuschend: Der Kunstsalon habe das Gemälde in Kommission verkauft. Da dies längere Zeit zurückliege, habe man keine Unterlagen mehr und auch keine Erinnerung daran, welche Provenienz der Verkäufer angegeben hatte.
Offenbar aber hatte die Anfrage die Münchner Händler aufgeschreckt. Bis dahin warb der Kunstsalon noch auf seiner Internetseite mit dem Bild, in der Rubrik „Bedeutende Verkäufe“. Seit der Anfrage aber ist es nicht mehr zu sehen.
Wertverlust auf dem seriösen Kunstmarkt
So endet vorerst die Spur des Bildes. Ob der Käufer bei seinem Erwerb von der belasteten Provenienz des Bildes erfuhr, ist nicht bekannt. Welche Möglichkeiten aber gibt es fast zwanzig Jahre später überhaupt noch, das Gemälde zu finden? Rechtsanwalt Bischof ist optimistisch. „Natürlich braucht man Geduld, aber die richtige, zielgerichtete Suche beginnt ja jetzt erst“, erklärt er. Schon mit der Registrierung in der Lost-Art-Datenbank seien die Chancen deutlich gestiegen, das Bild wiederzufinden.
„Zum einen hat das Bild damit auf dem Kunstmarkt einen deutlichen Wertverlust erlitten“, erklärt Bischof. „Bei seriösen Händlern, Sammlern oder Auktionen lässt es sich nicht mehr verkaufen, da das Bild, sobald es in der Öffentlichkeit auftaucht, gegebenenfalls auch sichergestellt werden kann.“ Der Markt sei in den letzten Jahren sehr sensibel geworden in diesem Punkt, da die Händler wissen, es fällt auf sie zurück, wenn sie ein Kunstwerk mit fragwürdiger Provenienz verkaufen.
Natürlich bleibt noch der graue Kunstmarkt. „Aber ein Bild, dessen Herkunft nicht eindeutig ist, Diebesgut oder NS-Raubgut sein könnte, erzielt längst keine hohen Preise mehr, da der Käufer immer Gefahr läuft, es wieder herausgeben zu müssen“, sagt Bischof. Zudem müsse der Besitzer damit rechnen, dass sich in der Szene verbreitet, er habe ein Raubkunstgemälde in seiner Wohnung hängen.
Also heißt es abwarten, bis der Besitzer des Liebermann-Bildes aus der Deckung kommt? Es gebe noch andere Möglichkeiten einer aktiven Suche, sagt der Anwalt, aber was er in dem konkreten Fall der „Linnenkammer“ und der anderen Bilder aus der alten Schmitz-Sammlung unternehmen wird, darüber will er nicht sprechen. „Eine umfassende Recherche in der Literatur gehört auf jeden Fall zu solch einer Suche dazu“, sagt Bischof. „Also Werkverzeichnisse studieren, weltweit Ausstellungskataloge durchsuchen, Kunstzeitschriften, Auktionskataloge… Eine sehr zeitaufwendige Arbeit, aber oftmals lohnend.“
Auf diese „Literaturrecherche“ haben sich private Provenienzforscher spezialisiert, die häufig von Sammlern, Museen und Kunstrechtanwälten beauftragt werden. Ein Big Player in diesem Geschäft ist die Firma International Art and Antique Loss Register Ltd (ALR) in London. Das ALR besitzt die weltweit größte Datenbank für gestohlene und vermisste Kunstobjekte. Das Unternehmen wurde 1991 auf Initiative von Auktionshäusern und großen Versicherern in London gegründet. In den vergangenen 22 Jahren konnte das Register gestohlene und verschollene Kunstwerke im Wert von mehr als 250 Millionen Dollar wiederbeschaffen.
Eine riesige Datenbank
Das ALR nimmt zum einen Kunstobjekte auf, die bei Raubzügen in privaten und öffentlichen Sammlungen und Museen erbeutet worden sind. In der nicht öffentlich zugänglichen Datenbank, die mittlerweile 350.000 Kunstwerke umfasst, sind aber auch Exponate gespeichert, die in der Nazizeit jüdischen Sammlern geraubt worden sind. Auch Beutekunst findet sich im ALR, also Kunstwerke, die in den Kriegswirren von den Alliierten aus Deutschland weggebracht wurden.
In der Datenbank stehen dann auch nicht nur Bilder von Picasso, van Gogh oder Rembrandt. Auch antike Ausgrabungsstücke sind hier erfasst, historische Instrumente, alte Uhren, Möbel, Perserteppiche, Briefmarken, sogar Puppen und Auto-Oldtimer. Das ALR durchsucht dann die jede Woche zu Hunderten weltweit erscheinenden Kataloge und Angebotslisten von Kunstmessen, Auktionshäusern und Kunsthändlern. Stoßen die Kunstfahnder auf ein gesuchtes Objekt, wird der Auftraggeber informiert und mit ihm das weitere Vorgehen ausgehandelt. Auch Rechtsanwalt Bischof nimmt die Dienste von ALR in Anspruch. „Wenn der Mandant bereit ist, die Gebühren für das Register zu zahlen, dann lasse ich das gesuchte Kunstwerk in die Datenbank stellen“, sagt er.
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