Kurt-Mühlenhaupt-Museum in Bergsdorf

Ein Meisterfälscher in Brandenburg

Seinetwegen erlebte der Kunstmarkt mit seinen eitlen „Experten“ ein Erdbeben der Richterskala Sieben: Nun ist der Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi auf Bewährung frei und malt nur noch „ganz eigene“, gar zeitkritische Bilder. Die sind jetzt im brandenburgischen Bergsdorf zu sehen.

Ingeborg Ruthe
5 Min
Beltracchis Denkmal einer Hexenverbrennung: „La Vierge de Nuremberg“, 2,50 Meter hoch, durchbohrt, aus einem 900 Jahre alten Lärchenstamm geschnitzt.

Beltracchis Denkmal einer Hexenverbrennung: „La Vierge de Nuremberg“, 2,50 Meter hoch, durchbohrt, aus einem 900 Jahre alten Lärchenstamm geschnitzt.

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak Lizenz

Vor der Feldstein-Ausstellungsscheune ein riesiger Ansturm. Alle wollen hinein und die Bilder jenes berühmt-berüchtigten Malers und natürlich ihn leibhaftig sehen: Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene, sozusagen die heiter-leutselig überlebende Version von Bonnie und Clyde. Er und sie, elegante Erscheinungen, mit gleich langer silbergrauer Lockenmähne. Noch vor Jahren mischte das symbiotische Paar den Kunstmarkt auf, trieb Auktionshäuser, Sammler, Kuratoren, Experten zur Verzweiflung und Kunst-Ermittler zur Weißglut. 2010 aber war das Spiel mit dem Gutglauben und den Millionen vorbei.

Am Sonntagnachmittag steht die rheinische Fälscherlegende, Verursacher des weltweit größten und folgenschwersten Kunstfälscher-Skandals der Nachkriegszeit, lächelnd und leger in Jeans und Lederjacke vor ihren echten! Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen. Beltracchi fordert nunmehr – in der Preisspanne von 2 800 über 7 900 bis zu 95 000 Euro – Anerkennung und Salär ein für das, was er akkurat mit eigenem Namen signiert, statt es als Original einer teuren Berühmtheit auszugeben. Und er tut das, wie bereits bei den gefakten Bildern all der Großen der modernen Kunstgeschichte, mit fraglos virtuosem Talent und kunsthistorischem Wissen.

Unverkäufliche Hexe

Allein die meisterliche Holzskulptur „La Vierge de Nuremberg“, die archaische Gestalt einer „Hexe“ aus dem Stamm einer über 900 Jahre alten Lärche geschnitzt und mit 21 bronzenen Kreuzknauf-Nägeln durchbohrt, ist unverkäuflich. Allen zugänglich aber ist die Story an der Wand auf Papier, gedichtet von dem Franzosen Jaques Almira.

Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Henri Matisse, van Gogh aber auch Dürer, Rembrandt, Raffael, Botticelli und, wenn’s sein muss, auch da Vinci. Er könnte sie alle, sagt Beltracchi nicht eben bescheiden. Aber nein, nicht als Fälschung. Niemals mehr! Sondern nur in der Stilistik. Zwei Monate braucht er dafür, höchstens. Nur wird er keinen „Kenner“, keinen Gutachter, keinen Sammler mehr brüskieren, vorführen, blamieren, die seinen früheren Bildern nur allzu beflissen (und geldgierig) jenen berühmten Malern früherer Zeiten zuordneten.

Dabei habe er die Bilder gar nicht gefälscht, sondern bloß die Signatur. Keins der Werke war eine Kopie. Vielmehr dachte er sich in den Künstler hinein. Er schuf Bilder aus vielen Details der Motive jener Maler, die sich dann nahtlos in das Werk einfügten und von Experten teils „als die Besten“ des jeweiligen Künstlers gelobt wurden. Ein schnödes Titanweiß war Beltracchi schließlich zum Verhängnis geworden. Im Bild „Rotes Bild mit Pferden“, einem brillant gefälschten Campendonk, wurde diese Ingredienz entdeckt. Die aber hatte es zu dessen Zeit noch gar nicht gegeben.

Die Freiheit des eigenen Stils

Hannelore Mühlenhaupt, Leiterin des gleichnamigen beliebten Museums im brandenburgischen Bergsdorf, hat Beltracchi eingeladen. Die Laudatio hält – da Bergsdorfer oder anderweitige brandenburgische Kulturvertreter einen solchen Dienst an der ehrlichen Kunst eines geläuterten Fälschers offensichtlich genierlich fanden – Beltracchis Galerist, der Amerikaner Curtis Briggs. Er erläutert missionarisch, warum der im Januar aus der Haft Entlassene sich nun die Freiheit nimmt, mit dem eigenen Stil aufzutreten. Einen, den vor dem Skandal kein Galerist anerkennen wollte.

Beltracchis Katharsis gilt dem Wald, besser: dem von Raubbau und Klimakatastrophe bedrohten Wald. In loderndem Rot stellt er dar, wie die Natur verbrennt, die Stämme nur noch als Geister durchs Bild ziehen. Zum brisanten Thema fand er über Max Ernsts Wälder und Horden. Gefälscht aber ist daran nichts. Ebensowenig an den Hommagen á Dürer – Frottagen, in denen es um drei antike Grazien geht.

Beltracchi wagt ein gelungenes Crossover der Stilrichtungen. Vlaminck, Léger, Schlemmer. Und immer wieder Max Ernst, der Surrealismus steckt ihm wohl im Blut, auch der sakrale Impetus. Seit seiner Haft, dann auch im Freigang, malte er immer wieder stürzende Engel, die Zeichnungen akademisch, die Gemälde aber wie zum Explodieren pralle, wilde Gesichter-Ballungen: Leute auf den Straßen, dazwischen entdeckt man Hakenkreuze. Es wird also politisch. Und über dem an den (in der Kunstgeschichte verkannten) belgischen Vor-Expressionisten James Ensor erinnernden Maskenberg stürzt ein lilaroter Engel in die Tiefe. Beltracchi spricht von einem Selbstbildnis.

Die Qual hat ihren Preis, der wird aber nicht verraten. Das Bild bekam schon am Morgen einen roten Punkt: verkauft. Beltracchi hat prominente Auftraggeber: 50 000 Euro lassen namhafte Leute es sich kosten, um von ihm porträtiert zu werden: Harald Schmidt im Stil von Otto Dix, Daniel Kehlmann im Stil von de Chirico, Gloria von Thurn und Taxis im Stil von Cranach d. Ä., Christoph Waltz à la Beckmann.

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