Leichtathletik in Berlin

Kuss auf den Schuh: Tigist Assefa pulverisiert Weltrekord beim Berlin-Marathon

Die Äthiopierin Tigist Assefa gewinnt den Berlin-Marathon in Carbonschuhen mit einer bemerkenswerten Fabelzeit. Eine Störung der Letzten Generation bleibt aus.

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Weltrekord: die Äthiopierin Tigist Assefa im Ziel des Berlin-Marathons

Weltrekord: die Äthiopierin Tigist Assefa im Ziel des Berlin-Marathons

© Andreas Gora/dpa

Es muss ein schönes Gefühl für Tigist Assefa gewesen sein, Mann für Mann zu überholen. Das Frauenfeld hatte die Marathonläuferin aus Äthiopien beim Berlin-Marathon am Sonntag sowieso schon ziemlich bald abgehängt. Immer wieder schaute die 29-Jährige im weißen Trikot auf ihre Smartwatch am Handgelenk. Die Zeiten, die sie da sah, gab es bei einem Frauen-Marathon noch nie. Und nein: Die Klimaaktivisten der Letzten Generation haben Assefa nicht daran gehindert, beim Berlin-Marathon einen unglaublichen Weltrekord auf die Berliner Straßen zu zaubern: 2:11:53 Stunden war auf der Digitalanzeige über dem Zielband zu lesen. Eine Zeit unter 2:12 Stunden? Nun, der bisherige Weltrekord, 2019 aufgestellt von Brigid Kosgeis Weltrekord aus Chicago, stand bei 2:14:04 Stunden.

Assefa bekreuzigte sich, dann beugte sie sich nieder, küsste den Asphalt hinter dem Zielband am Brandenburger Tor. Dann zog sie ihren Schuh aus, küsste ihn, herzte ihn, wiegte ihn im Arm wie ein Baby. Denn der graue Carbonschuh mit den drei Streifen an der Seite hatte sicherlich seinen Teil zu ihrem Vorstoß in neue Marathondimensionen beigetragen. Was die Überraschungssiegerin des Vorjahres außer der modernen Schuhtechnik sonst noch zur absoluten Beschleunigung angetrieben hatte? Wer weiß das schon.

Tigist Assefa pulverisiert den Marathonweltrekord in Berlin

Jedenfalls bedeutete ihr der Tempomacher, den das Rennen über 42,195 Kilometer deutlich mehr angestrengt zu haben schien, kurz vor dem Brandenburger Tor mit mehreren Handzeichen, dass die frühere 800-Meter-Läuferin ihren Schlussspurt jetzt allein durchziehen solle. Das tat sie auf eine erstaunlich leicht-lockere Art. „Den Weltrekord wollte ich schon unterbieten“, sagte Assefa kurz nach ihrem Coup, als ihr jemand die äthiopische Fahne um die Schultern gehängt hatte, „aber dass es so eine schnelle Zeit werden würde, konnte ich mir nicht vorstellen.“

Der Start für die herausragende Leichtathletikleistung im vorolympischen Jahr war dieses Mal in Berlin nicht mit einem Schuss ausgelöst worden. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner drückte stattdessen auf der Straße des 17. Juni auf einen tomatenroten Knopf. Er fand, das Startzeichen per Buzzer sei in Zeiten, in denen Krieg in der Ukraine geführt wird, sehr viel angemessener als eine Pistole.

Wegner hatte am Sonnabend die Klimaaktivisten der Letzten Generation gebeten, den Marathon mit seiner Rekord-Teilnehmerzahl von 47.912 Menschen aus 156 Ländern, nicht zu stören. Dass sich kurz vor dem Start der Profiläufer um Assefa und den kenianischen Männer-Sieger Eliud Kipchoge acht Aktivisten durch die Absperrung stahlen und Farbe auf die Strecke kippten, blieb nur eine Randnotiz. Polizeibeamte hinderten die Klimaaktivisten daran, sich auf der Fahrbahn festzukleben, und nahmen sie fest.

Der Protest der Letzten Generation war dennoch deutlich zu sehen: Bei jedem Läufer, der durch das Brandenburger Tor rannte, das in diesem Jahr orangemeliert nicht nur das nahe Ziel des Wettbewerbs signalisierte, sondern gleichzeitig das Statement der Klimaaktivisten: „Vor der Klimakatastrophe können wir nicht davonrennen.“

Eliud Kipchoge überholt Haile Gebrselassie als Berlins Rekordsieger

Das etwas kühlere, nahezu windstille Septemberwetter am Sonntag war ideal für schnelle Zeiten. Renndirektor Mark Milde, der die Strecke auf dem Fahrrad zurücklegte und schnell merkte, dass sich die Sensation des Rennens im Frauenfeld abzeichnete, stellte fest: „Es waren noch nie so viele Zuschauer wie in diesem Jahr an der Strecke.“

Eliud Kipchoge, auf den sich alle Aufmerksamkeit im Vorfeld konzentriert hatte, blieb bei seinem Sieg in 2:02:42 Stunden deutlich über dem Weltrekord von 2:01:09 Stunden, den er 2022 in Berlin aufgestellt hatte. Dafür ist der 38-Jährige, der vor seinem Landsmann Vincent Kipkemoi (2:03:13) und dem Äthiopier Tadese Takele (2:03:24) gewann, mit seinem fünften Sieg jetzt Berlins Rekordsieger. Kipchoge überholte Äthiopiens Lauflegende Haile Gebrselassie, der viermal in Berlin gewann.

Eliud Kipchoge gewinnt zum fünften Mal den Berlin-Marathon. Kai Wegner ist dabei.

Eliud Kipchoge gewinnt zum fünften Mal den Berlin-Marathon. Kai Wegner ist dabei.

© Andreas Gora/dpa

Ein Grund für den steigenden Zuschauerzuspruch könnte der Boom in der deutschen Marathonspitze sein. Denn voriges Jahr in München überzeugte ja nicht nur Richard Ringer als Europameister, Platz zwei für das Männerteam und Platz eins für das deutsche Frauenteam gaben schon einen deutlichen Hinweis darauf, dass sich etwas getan hat bei den Topläufern.

Amanal Petros verbessert seinen deutschen Rekord

Diesen Eindruck bestätigte Amanal Petros vom Marathon-Team Berlin, der schon vor dem Rennen angekündigt hatte, seinen deutschen Rekord zu verbessern. Das tat der 28-Jährige, der in Eritrea geboren wurde, mit der Familie nach Äthiopien flüchtete und vor zwölf Jahren als Asylbewerber in Ostwestfalen ankam, souverän in 2:04:58 Stunden. Als Neunter des Gesamtfeldes hat sich Petros, der seit 2017 als Sportsoldat gefördert wird, damit sogar in die Weltelite vorgearbeitet – und natürlich die Qualifikationsnorm für Olympia 2024 in Paris unterboten.

Das gelang Domenika Mayer, die als schnellste deutsche Frau beim Berlin- Marathon 14. wurde, ebenso auf bemerkenswerte Art. Die Mutter zweier Kinder, die von ihrem Mann Christian trainiert wird, rannte unter Jubelrufen durch das Ziel. In 2:23:47 Stunden wurde die 32 Jahre alte Polizistin zur zweitschnellsten deutschen Marathonläuferin hinter Irina Mikitenko (die schaffte 2008 in Berlin 2:19:19). Mit Blick auf Olympia 2024 in Paris bedeutet das: Norm erfüllt. Um je drei Startplätze bei Männern und Frauen ist der Kampf um die Teilnahme an den Sommerspielen in Deutschland offen wie nie.

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