Länderspiel England - Deutschland

Deutscher Fußball mit Vorbildfunktion

England schaut zurzeit etwas neidisch auf den neuen deutschen Fußball. In der Premier League gibt es zwar auch Talente, aber nur selten gelingt ihnen der Durchbruch. Ein Beispiel ist Andros Townsend.

Barbara Klimke
4 Min
Fußballnomade: Englands Stürmer Andros Townsend.

Fußballnomade: Englands Stürmer Andros Townsend.

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Der regelmäßige Wechsel von hoffnungsvollen Höhenflügen und ernüchternden Abstürzen des Auswahlteams sind nichts Neues auf der Insel. England hat seit 23 Jahren kein WM-Halbfinale mehr erreicht (das Match ging damals gegen den Erzrivalen Deutschland im Elfmeterschießen verloren). Dass sich das Schicksalsrad beständig dreht, gehört zu den Grunderfahrungen von Englands Elf. In Schwung gehalten wird es derzeit durch Nationaltrainer Roy Hodgson, der in immer schnellerer Abfolge neue Spieler testet und ins Geschehen auf dem Rasen wirft.

Beängstigender Trend

Andros Townsend, den 22-jährigen Angreifer von Tottenham Hotspur, ließ er erstmals im Oktober beim 4:1 gegen Montenegro durch die internationale Abwehrreihen dribbeln; der Auserwählte bedankte sich für den Einsatz mit einem Treffer. Am Freitag gegen Chile bot Hodgson gleich drei Neulinge auf: Torhüter Fraser Forster (Celtic Glasgow) sowie Jay Rodriguez und Adam Lallana vom FC Southampton. Das Experiment gilt nach zwei Gegentreffern als gescheitert: „Ich bin ein Risiko mit den Debütanten eingegangen, das sich nicht ausgezahlt hat“, räumte der Trainer ein. Und: „Die Verantwortung liegt allein bei mir.“

Die honorige Haltung spricht für Hodgson. Doch inzwischen dämmert es den Verantwortlichen im Verband, dass sie nicht ganz unschuldig an der Entwicklung sind. Während das Mutterland des Fußballs lange geneigt war, aus seiner Tradition und dem Reichtum seiner Klubs eine zwangsläufige Überlegenheit seiner Strukturen abzuleiten, sieht es nun, 150 Jahre nach Gründung der Football Association (FA), mit wachsender Beklommenheit über den Kanal.

Der neue FA-Vorsitzende, Greg Dyke, hat einen „beängstigenden Trend“ zum Rückgang der Anzahl heimischer Spieler in der Premier League festgestellt. Auch der 66-jährige Hodgson, seit Mai 2012 im Amt, macht keinen Hehl daraus, dass er die Talentförderung der Bundesliga für cleverer als die englischen Bemühungen hält: „Ich glaube, der Deutsche Fußball-Bund hat weise gehandelt, als er seine Einstellung zum Gesamtbild der Nationalmannschaft änderte und auf Jugend sowie eine sehr energische Spielweise setzte“, sagte er vor dem Kräftemessen mit Joachim Löws juvenilem Team. Schon im Sommer beim Champions-League-Finale stellten die Engländer erstaunt fest, dass eine Mehrzahl der Münchner und Dortmunder im Wembley-Stadion theoretisch mit dem DFB-Adler auf der Brust hätten auflaufen könnten.

In England liegt der Anteil einheimischer Profis nach Angaben der BBC offiziell nur bei 42,9 Prozent, in Deutschland bei 55,4 Prozent, in Spanien sogar bei 61 Prozent. Doch das sagt noch nichts über ihre Spielminuten aus. Noch alarmierender ist der Einsatz von U21-Spielern auf der Insel, der binnen weniger Jahre von zehn Prozent auf 4,4 Prozent gesunken ist. Noch halten es die zahlungskräftigen Klubs offenbar für bequemer, Nachwuchs nicht selbst auszubilden, sondern den internationalen Transfermarkt leer zu kaufen: Nur 35 englische Jungprofis sind in der vergangenen Saison in der gesamten Premier League aufgelaufen; Stoke City, so wird berichtet, hat in drei Jahren nicht einen U21-Spieler eingesetzt. „Ich höre von vielen Trainern, dass es genügend Talente gibt“, berichtet der neue Mann an der FA-Spitze, Greg Dyke: „Aber sie schaffen einfach den Durchbruch nicht.“

Andros Townsend ist ein Paradebeispiel für diese These: Bevor ihm Hodgson eine Chance gab, hatte er nur in zehn Premier-League-Matches von Beginn an gespielt. Schon als achtjähriger Knirps wurde er in der Jugendakademie der Spurs aufgenommen, aber mit 17 an andere Klubs ausgeliehen. Über neun Stationen verlief seine Odyssee: In Yeovil kochte er mit einem Teamkollegen Spaghetti im Hotelzimmer; in Leeds spielte er in zwei Monaten unter drei Trainern. Als seine Dribbelkünste endlich bei den Queens Park Rangers auffielen, hatte sein heimischer Klub Tottenham gerade für 40 Millionen Pfund zwei neue Stürmer eingekauft. Im Sommer dann verbaute er sich seine Chance in der U21-Nationalmannschaft, weil er, gelangweilt im Hotel und nach eigener Auskunft „unsäglich naiv“, verbotene Fußballwetten abschloss und aus der Auswahl flog. Hotspur-Trainer André Villas-Boas griff erst in der Not auf ihn zurück, weil sich Anfang der Saison sein bevorzugter Außenstürmer verletzte.

In Englands Elf hat der Fußballnomade nun vorerst den Platz des verletzten Theo Walcott eingenommen. „Ich habe den Fuß in der Tür und werde die Gelegenheit nicht entwischen lassen“, sagt er. Er wolle nicht 15 Jahre später mit Bedauern zurückschauen und sagen, „hätte ich nur damals gegen Deutschland besser gespielt“. Dass Hodgson ihn einsetzt, gilt fast als sicher; auch Steven Gerrard und Torwart Joe Hart, die gegen Chile pausierten, weil das Kandidatenkarussell des Trainers routierte, sind zurück im Team. Roy Hodgson hält das Schicksalsrad in Schwung. Solange er die Talentsichtung mit übernehmen muss, bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

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