Langeweile macht krank. Experten warnen davor, dass trotz Arbeitsverdichtung mancher Büroangestellte kaum etwas leistet. Die Betroffenen versuchen meist, den Zustand zu verheimlichen und leiden gleichzeiti

Belastung durch Unterforderung

Ruprecht Hammerschmidt
4 Min

Klar ist, dass es Angestellten bei ständiger Überforderung im Job schlecht geht. Sie riskieren an dem sogenannten Burnout-Syndrom zu erkranken. Jedoch gibt es auch Probleme bei einer permanenten Unterforderung im Büro. Auch dies kann krank machen. Zusätzlich belastend ist für die Betroffenen, dass sie sich nicht trauen, über ihr Problem zu sprechen. Denn während mit Stress und dem damit verbundene Burnout wenigstens Prestige verbunden ist, gilt ein Wenigarbeiter in einer Leistungsgesellschaft nicht viel. Wer sich bei seiner Arbeit langweilt, ist ein Drückeberger, so die weit verbreitete Ansicht. Angst vor Enttarnung Für die chronische Unterforderung haben die Autoren Philippe Rothlin und Peter R. Werder den Begriff Boreout geprägt, was so viel heißt, wie übermäßig gelangweilt sein. Es ist die Kehrseite des Burnouts. In ihrem Ratgeber "Diagnose Boreout" beschreiben die Autoren, wie die Menschen unter den Folgen des Wenig-tuns leiden. Schon allein das Gefühl, überflüssig zu sein, ist eine starke persönliche Kränkung. Hinzu kommt jedoch noch die Angst, der Chef oder auch nur andere Kollegen könnten mitbekommen, dass lediglich ein Bruchteil der Anwesenheit mit Arbeit verbracht wird. Die Betroffenen fürchten dann zu Recht um ihren Job. Deshalb, so die Beobachtung der Experten, entwickeln die gelangweilten Mitarbeiter Strategien, wie sie ihre Unterbeschäftigung überspielen können. Dies koste jedoch seinerseits Anstrengungen, so dass die Betroffenen abends erschöpft nach Hause gehen, obwohl sie gar nicht viel gearbeitet haben. Eine weitere Variante des Boreouts schildert Thomas Rübel vom Berliner Büro für Berufsstrategie. "Häufig ist es so, dass Mitarbeiter zwar alle Hände voll zu tun haben, sie aber die falschen Dinge tun müssen", sagt der Experte. Die Betroffenen sehen in den Aufgaben keine Herausforderungen mehr. Dies kann daran liegen, dass sie sich über die Jahre eine Routine erarbeitet haben oder daran, dass der Vorgesetzte sich die interessanten Aufgaben herauspickt und die Mitarbeiter lediglich noch zuliefern. Dies sei nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern auch gefährlich für die Firma. "Wenn den Aufgaben nicht mehr genügend Aufmerksamkeit gewidmet wird, passieren schneller Fehler", sagt Rübel. Er sieht vor allem die Chefs in der Pflicht, die Potenziale ihrer Angestellten zu entwickeln. Die Vorgesetzten hätten es in der Hand, die Situation anzusprechen und zu entscheiden, wie die Arbeit gestaltet werden soll. Rührt sich der Chef jedoch nicht, steckt mancher Mitarbeiter in einem Dilemma. Denn wer lange Zeit wenig gearbeitet hat, scheut sich womöglich, dies von sich aus zu offenbaren. Er müsste mit dem Vorwurf rechnen, sich nicht früher gemeldet zu haben. Rübel empfiehlt aber dennoch, das Thema offensiv anzugehen. Die Situation werde zur Belastung für den Einzelnen, aber womöglich auch für das Betriebsklima, weil vielbeschäftigte Kollegen doch mitbekommen, dass nur wenig geleistet wird. "Dies stört den Betriebsfrieden", stellt Rübel fest. Er rät, mit Vorschlägen für neue Projekte beim Chef vorstellig zu werden. Jeder könne analysieren, welche Möglichkeiten er hat, Prozesse weiter zu verbessern. Dies wirke sich auch für die Karriere meist positiv aus. In Zukunft werden Vorgesetzte bei der Vergabe von Projekten zuerst an diejenigen denken, die selbst auf ihre Auslastung achten. Etwas Fingerspitzengefühl sollte ein Unterforderter bei dem Gespräch dennoch an den Tag legen. Es mache natürlich keinen guten Eindruck zuzugeben, dass man sich langweilt, sagt der Personalexperte. Besser sei es, den Umstand positiv zu formulieren. Etwa indem der Betroffene darauf hinweist, dass er die ihm übertragenen Aufgaben inzwischen soweit organisatorisch verbessert hat, dass er in der Lage ist, weitere Projekte zu übernehmen. Gut sei es, wenn er dann sogar noch einen Vorschlag macht, welche Herausforderung er annehmen möchte. ------------------------------ UNHEILIGE ALLIANZ Gefährdung: Ob jemand gefährdet ist, an einem Boreout-Syndrom zu erkranken, kann er selbst feststellen. Wer feststellt, viel Privates während der Arbeitszeit zu erledigen, sich bewusst ablenkt, erschöpft ist, obwohl er keinen Stress hatte oder einfach kein Interesse mehr für die Arbeit aufbringt, gilt als gefährdet. Kombination: Zum Teil gehen die Symptome Boreout und Burnout Hand in Hand. Reißt nämlich der Chef alle Aufgaben an sich und delegiert nicht, droht er, durch die Überforderung zu erkranken. Die unterbeschäftigten Mitarbeiter leiden gleichzeitig unter der permanenten Unterforderung. Wechsel: Belastend wird die Situation nach Aussage von Experten dann, wenn der Betroffene das Gefühl hat, er könne sie nicht ändern. Deshalb sollten Menschen, die sich im Job langweilen, fragen, ob sie selbst etwas zu einer Verbesserung beitragen können. Ist dies nicht möglich, könnte auch ein Stellenwechsel eine Lösung sein.

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