League of Legends

Hinter dieser Tür verbirgt sich eine andere Welt

Unser Autor hat ein eSport-Turnier besucht und wurde mehrfach überrascht.

Christian Kattner
8 Min
Da ist das Ding: Sieger bei der Premier Tour 2019 in Adlershof

Da ist das Ding: Sieger bei der Premier Tour 2019 in Adlershof

© Andreas Klug

Ob ich Fifa zocke, werde ich gefragt. „Ja, tue ich“, lautet meine Antwort und ich bejahe auch die Frage, ob ich einigermaßen vertraut bin mit dem Thema eSport. Jemand, der Mitte der Neunziger unendlich viele Stunden mit Super Mario auf verschiedenen Konsolen und mit Fifa am PC verbracht hat, kennt Fußballsimulationen sogar noch mit eckigen Spielern. Na klar bin ich drin im Thema, das klingt für mich nach einem Heimspiel.Doch dann werde ich ein wenig kleinlaut, als ich davon höre, dass es sich nicht um Fifa oder NBA2K dreht, sondern um League of Legends. 

Das habe ich zwar auch schon gespielt, war dabei aber eher der Klotz am Bein meiner Freundin, als es darum ging, die gegnerische Festung, den Nexus, zu zerstören. In meiner mehrjährigen Zockerpause habe ich so einige Dinge verpasst.

Vorbei ist nämlich die Zeit der einsamen Videospieleromantik in den eigenen vier Wänden. Mittlerweile wird online gezockt, das Internet ist die Bühne, die ganze Welt spielt mit. Und wer gut genug ist, kann sein Hobby zum Beruf machen. eSport-Ligen schießen aus dem Boden wie im Herbst die Pilze im Wald. Ein wenig habe ich mich in den vergangenen Jahren dieser neuen Welt geöffnet. Also nehme ich den Reporterjob an. League of Legends, kurz LoL, wird regelmäßig in den Studios von Riot Games gespielt, erfahre ich noch. LoL, das war für mich vor geraumer Zeit noch Handysprache – laughing out loud, laut lachen, haha.


Themenschwerpunkt eSport

Jeder dritte Deutsche spielt am Computer, auf dem Smartphone oder an der Konsole. Und immer mehr wollen sich in organisierten Wettkämpfen messen: im eSport. Das ist keine Nische mehr, sondern eine Jugendbewegung und ein milliardenschwerer Markt. Die Hallen sind ausverkauft, die Preisgelder steigen.

Die Berliner Zeitung setzt in dieser Woche einen thematischen Schwerpunkt. Die Autoren nähern sich dem eSport aus verschiedenen Richtungen. Sie schildern die Faszination, blicken zurück zu den Anfängen und beleuchten die dunklen Seite der Szene. Am Ende steht die Frage: Ist das (schon) Sport?

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Davon bin ich vor meiner Abfahrt nach Adlershof weit entfernt. Ich will mir ein wenig ungefährliches Halbwissen aneignen und lande auf dem Livestream des Turniers der Premier Tour Serie. Das, was ich da sehe, kenne ich von eigenen Ausflügen in die LoL-Welt. Aber das, was ich da von den Kommentatoren höre, verstehe ich nicht. Jedes zweite Wort ist ein englischer Fachbegriff. Selbst meine Freundin, die eine höhere Affinität zu diesem Spiel hat, wirkt überfordert.

Ich sehe fünf Spieler pro Team. Ich sehe getapte Unterarme. Ich sehe kleine Kissen, die wie Pokerchips in den Händen bewegt werden. Den Sinn dahinter werde ich später verstehen. Das Lachen ist einer Unsicherheit gewichen. Was erwartet mich? Soll ich so tun, als ob ich Ahnung habe, oder lieber zugeben, dass ich völlig unwissend bin? Ich entscheide mich für Plan B und mache mich auf den Weg.

Als ich mich dort umschaue, muss ich an einen Vergnügungspark denken: Verkaufsstände, Vitrinen mit Videospielfiguren, eine Garderobe und eben eine große Statue, ein Drache. Einen Verbündeten finde ich am Einlass. Der Sicherheitsbeamte spricht von einer ganz anderen Welt, die sich hinter der großen Tür zum Studio verbirgt. Wenige Minuten später werde ich verstehen, was er meint.

Schon beim Betreten des Studios bin ich beeindruckt. Eine kleine Tribüne für die fast durchweg jungen Zuschauer. Ein Tisch für das Kommentatorengespann, eine Seite für die Moderatoren zwischen den einzelnen Spielen. Und in der Mitte natürlich die Fünferteams, die sich gerade ihre Spielfiguren auswählen. Auf einer großen Leinwand leuchten die sogenannten Champions nach der Auswahl auf, die Kommentatoren bewerten die Wahl. Alles wirkt sehr professionell und erinnert an große Sportübertragungen. Im Publikum hinter mir wird über die Partie, die ich vor wenigen Minuten noch auf meinem Laptop gesehen habe, diskutiert.

Ich hingegen lausche den Worten von Hans Christian Dürr, der mir meine Laienfragen sehr gerne beantwortet. Dürr ist Head of eSports bei Riot Games für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Riot Games ist der Entwickler von LoL, das Spiel erschien 2009 und wird von mehr als 100 Millionen Spielern monatlich gespielt. Beim Aufbau des eSport-Sektors wurde die Pyramide von oben nach unten gebastelt. „Die Spitze haben wir fertig, jetzt kümmern wir uns um die Breite, das Regionale“, sagt Dürr. Vor ein paar Jahren habe er selber LoL gespielt. 2015, als die Weltmeisterschaft in der Arena am Ostbahnhof stattfand und innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft war, saß er selber unter den Zuschauern, arbeitete noch für einen anderen Arbeitgeber.

Entspannte, freundschaftliche Atmosphäre

Ganz so viele Fans sind es jetzt nicht, mehr als 100 dürften es aber schon sein. Einige tragen die Merchandise-Artikel der teilnehmenden Teams. Anders als etwa im Fußball sind sie auf den Rängen aber keine Kontrahenten, die Stimmung ist entspannt, freundschaftlich. Gelungene Aktionen beider Mannschaften werden mit großem Applaus belohnt und danach ausgewertet.

Es ist schon von Vorteil, wenn man League of Legends selber gespielt hat. Am besten eben nicht nur zwei, drei Partien wie ich. Zumindest wenn man es verstehen möchte. Und ich möchte es verstehen. Das Spiel und das, was die Spieler da machen, warum sie eine solch große Anhängerschaft hinter sich wissen. Also schaue ich beim Finale genau hin. Nach und nach betreten Don Arts, White Knight, ZaZee, Carzzy und SirNukesAlot vom Berliner Team BIG die Bühne und begeben sich unter dem Beifall der Zuschauer auf ihre Plätze. Alle sind um die 20 Jahre alt und könnten genauso gut auf der Tribüne sitzen, weil sie optisch nicht hervorstechen. Sie wirken wie ein Teil ihrer Fans. Spieler und Zuschauer teilen sich die LoL-Welt. Das ist ein Schlüssel zum Erfolg.

Bei der Vorstellung der Spieler verstehe ich wieder nur die Hälfte. Ich habe noch nie zuvor etwas von einem Top Laner, Bot Laner oder Jungler gehört. Es sind die Positionen, auf denen sie mit den Champions ihrer Wahl spielen, quasi die Stürmer und Mittelfeldspieler. Beim First Blood, dem ersten Punkt eines Teams, wird es etwas lauter, beim ersten Double Kill, dem Ausschalten von zwei Champions, erhöhen die Kommentatoren nicht nur die Lautstärke ihrer Stimmen, sondern auch die Anzahl der gesprochenen Worte.

Etwas ruhiger wird es für mich, als ich hinter die Bühne geführt werde. Die Trainer der Mannschaften und deren Betreuerstab haben ihre Positionen eingenommen und verfolgen gespannt das Spiel. Aber auch hier wird es lauter, als BIG den ersten Punkt in der Best-of-five-Serie des Endspiels holt und die Spieler in ihre Ruhezone kommen.

Ich darf Mäuschen spielen, zusehen und zuhören, wie sich Trainer und Spieler austauschen. Das Klischee vom dickbäuchigen Energy-Drink-Schlürfer erfüllt niemand. Wasser, Bananen und Müsli-Riegel werden neben der Spielauswertung verputzt, das nächste Spiel bereits vorbereitet. Und da sehe ich sie wieder: die kleinen Kissen in den Händen einiger Spieler. Es sind kleine Wärmkissen. Kalte Hände sind das Schlimmste, das einem Spieler passieren kann. Wieder etwas gelernt. Mittlerweile hat sich auch in meinem Kopf das Bild der Spieler geändert, sie werden für mich zu Sportlern.

Profi werde ich nicht mehr

So, wie sie es schon zuvor bei Riot Games geworden sind. Denn beim eSport „unterscheiden wir nicht, ob es Sport- oder Strategiespiele sind“, sagt Hans Christian Dürr. Neben dem Training des eigenen Videospiels halten die Sportler auch ihren Körper fit. Ein Muss, wenn man Erfolg haben und so ein Turnier durchstehen möchte. Denn während mein Kopf bereits nach drei Stunden als Zuschauer nach einer Pause ruft, haben die Finalisten noch etwas länger miteinander zu tun. Zwei Spiele schaue ich mir dennoch an, eins vor und eins auf der Tribüne.

Die entspannte und freundschaftliche Atmosphäre beeindruckt, das Vokabular der Kommentatoren und Zuschauer überfordert mich. Zumindest für diesen Tag. Ich muss dem Sicherheitsbeamten beim Verlassen des Studios zustimmen, dass es eine ganz andere Welt ist. Aber keine Welt, die mich abschreckt, sondern eine, die mich neugierig gemacht hat. Zum Profispieler wird es bei mir nicht mehr reichen, meine besten Tage habe ich hinter mir und schließlich wird es keine eSport-Liga mit Super Mario geben.

Wenn mir jetzt jemand die Frage stellt, ob ich mich mit eSport auskenne, kann ich die Frage nicht nur mit Ja beantworten, sondern auch ein paar Fachbegriffe nennen. Aber: Als ich in diesen Tagen in einem Online-Quiz eine Frage zu League of Legends gestellt bekam, fühlte ich mich schon ein wenig unter Druck gesetzt. Du warst doch bei einem Turnier, du hast doch zugehört, hieß es. Das sollte doch kein Problem sein. Zwei der vier Antwortmöglichkeiten konnte ich schnell ausschließen, dennoch schwankte ich danach zwischen zwei Begriffen. Ich entschied mich für Ghost und gegen Flash. Kein Punkt für mich, aber wieder etwas gelernt: Flash ist ein Beschwörerzauber. Ich denke, ich bin für meinen nächsten Turnierbesuch gerüstet.

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