Eine Partnersuche wirft im Grunde nur zwei Fragen auf: Wer bin ich? Wen will ich? Wenn jede Frage ehrlich und ausführlich beantwortet wird, entsteht ein Persönlichkeitsprofil. Internet-Beziehungsbörsen jagen solche Daten durch Spezialprogramme. Die suchen nach möglichst hohen Übereinstimmungen zwischen zwei Menschen und machen die miteinander bekannt: Gleich und gleich gesellt sich gern. Aber ein vermintes Gelände wurde nie erwähnt: Das ist die Sache mit den Ausräumern und den Anhäufern. Nach meiner Beobachtung teilt sie die Welt.
Der Unterschied hat nichts mit Männern oder Frauen zu tun, auch nichts mit Generationen, Schulabschlüssen, charakterlichen Qualitäten: Mancher trennt sich leicht von Dingen, mancher kann das nicht. Das ist schon alles. Wenn Paare zusammenziehen und ihre Veranlagungen nicht rechtzeitig abklären, ist irgendwann der Teufel los. Einer der beiden wichtigen Männer meines Lebens war ein großer Sammler, ein Anhäufer also. Als er einzog, brachte er unter anderem einen Karton mit.
Ich sah hinein: einzelne Dominosteine, Bretter, ein gehäkelter Topflappen, verblasste Glückwunschkarten zu seiner Konfirmation, ein defekter Hartplast-Föhn aus den Sechzigern. Solche Sachen. Ich wollte, dass er mir den Karton aus den Augen schafft. Er schubste ihn mit dem Fuß unter einen Kleiderschrank und lachte: „Jetzt ist er weg!“ Ich, eine Ausräumerin, protestierte: „Aber ich weiß doch, wo er ist!“ Ich wollte Ordnung, er wollte Verstecke. Wir hatten danach noch ein paar gute Jahre, aber ich glaube, dass mit dem Karton unsere Uhr anfing abzulaufen.
Der Umgang mit Besitz verlangt Zuwendung: Man muss ihn auf Brauchbarkeit prüfen, man muss an ihn rankommen können, man muss auch loslassen. Wegwerfen, Verschenken, Verscherbeln reduzieren das Überflüssige, sie schaffen Ordnung und Platz. Die Schönheit eines Kleiderschranks, in dem man die Bügel wieder hin und her schieben kann, der Abtransport eines vergessenen Schwarz-Weiß-Fernsehers aus der Garage sind vernünftige Vorhaben. Sie werden aber keinem Partner einleuchten, der leere Motoröldosen, veraltete Straßenkarten oder vor sich hin dämmernde schwarze Kabel aus rein persönlichen Gründen aufhebt. Solche Zustände machen diesen Leuten keinen Leidensdruck. Mir aber sehr.
Kein Abschied bedeutet Zeitgewinn
Ausräumen und Aufräumen sind Verwandte des Frühjahrsputzes, aber ohne Saison und große Auftritte am offenen Fenster mit Matratzenlüften oder Gardinenwechsel. Ausräumen und Aufräumen bestehen aus einfachen Handgriffen: Unsereiner stellt Dinge in dem Zustand, in dem sie vor der Benutzung waren, an die Orte zurück, an denen sie vorher standen. Ballast werfen wir weg. Ganz einfach. Wenn ein Ausräumer einen Aufheber um Hilfe in der gemeinsamen Wohnung bittet, dann wird sich der Aufheber wahrscheinlich nur zu etwas Vorläufigem aufraffen: Er wird „erstmal“ sagen. Erstmal sollen seine Sachen in den Keller, auf den Schrank, in andere Zimmer gehen. Kein Abschied bedeutet Zeitgewinn.
Ein guter Freund besteht seit Jahren auf die Unverrückbarkeit der ihn umgebenden Wohnwelt. „Ja, aber nicht jetzt!“, sagt er, ganz egal, worum er gebeten wird. Mit dem „Ja“ zeigt er Verständnis. „Aber nicht jetzt“, meint einen Zeitraum, der auf unsere Gegenwart folgt: eine nach vorn offene Zukunft. Dieses Verhalten hat einen Namen: „Prokrastination“ – (lat.: pro heißt für, crastinus heißt morgen). Es bedeutet: Aufschieben. Morgen, morgen, nur nicht heute. Aufschieber weichen bestimmten Aufgaben durch andere Beschäftigungen aus. Studien zufolge soll der Anteil der Prokrastinierer bei 40 Prozent der Bevölkerung liegen. Das ist eine erstaunliche Menschenmenge, die der Ordnung des eigenen Lebens hinterherhinkt.
Aber alles Vorläufige wächst, wuchert und treibt aus. Im Privatfernsehen laufen mehrteilige Help-Sendungen wie „Raus aus dem Chaos“ oder „Start in ein neues Leben“. Sie zeigen die letzten Stationen – wenn aus Aufhebern einsame Messies geworden sind. Die kauern im letzten Luftloch ihrer Wohnung, zugewachsen wie Dornröschen, umgeben von Sachen, von denen sie sich nicht trennen konnten. Meine Mutter wollte auch nie etwas wegwerfen. Vielleicht kam es durch Krieg und Nachkrieg, als die Leute alle Dinge schätzten, die sie überhaupt noch besaßen. Jedenfalls habe ich jahrelang hinter ihrem Rücken einen verbeulten Kochtopf mit nur noch einem Griff zum Container gebracht. Sie trug ihn hinter meinem Rücken zurück. Erst als Mutter unter der Erde war, ging dieser Kochtopf seinen letzten Gang.
Auch meine Schwester schätzt eine gewisse Vorratshaltung. Dies und das könnte sie vielleicht bei passender Gelegenheit gebrauchen, dadurch sammelt sich manches an. Einmal wollte ich ihr ungebeten beim Aufräumen helfen. Sie stand mir die ganze Zeit im Weg und freute sich kein bisschen. Als ich den schweren und räudigen Mantel unserer verstorbenen Tante Lina entsorgen wollte, sagte sie: „Echter Pelz!“ und hielt ihn fest. Für fast alles, was ich weggeworfen hätte, fand sie Gründe, es aufzuheben. Am Ende hatten wir beide Tränen in den Augen, weil die eine die andere nicht verstehen konnte.
Es ist eine Heimsuchung
Ich bin eine Frau, die Ordnung braucht. Das ist kein Ehrentitel, sondern eine Heimsuchung. Denn ich verstöre andere Menschen. Ich scheitere aber vor dem eigenen Schreibtisch. Er ist nie richtig aufgeräumt. Auf leicht verrutschbaren Stapeln liegen Zettel: „Projekte“ steht drauf, „Post privat“ oder „Mögliche Themen“. Auf dem höchsten Stapel steht „Zu erledigen“. Wohin ich sehe, liegt Papier. Noch nie habe ich eine Zeitung oder Zeitschrift ungelesen weggeworfen. Ich will sie abarbeiten, wenigstens einzelne, herausgerissene, auch längst vergilbte Zeitungsseiten nachlesen. Am Wochenende lese ich den Berg bis auf einen Rest herunter und fülle ihn in den folgenden Tagen mit neuen Zeitungen auf. Wie Sisyphos.
In meinem Briefkasten liegt immer irgendwas. „Wenn i einmal ins Postkastl schau, wird mir im Magen flau“, sang Peter Cornelius schon 1982 in seinem Dauerhit „Reif für die Insel“. Hans Magnus Enzensberger veröffentlichte im Spiegel eine „Musterkarte der gedruckten Zumutungen“. Er zählte auf, wie viele Arten Post ungebeten in seinem Briefkasten landen. „Schon ihre bloße Zahl ermattet die Seele und lässt Hassgefühle aufkommen.“ Das meiste kann man wegschmeißen. Der Rest gelangt in die Wohnung. Jedes Papier braucht einen Platz, wenn es beantwortet oder aufbewahrt werden muss. Wohin damit?
Eine Freundin brauchte für ihre Unterlagen neue Behältnisse und ging nach der Ästhetik: Sie wählte mehrere Ordner, die, in eine bestimmte Reihenfolge gestellt, auf den Rücken ein Rembrandt-Gemälde nachbilden, „De Staalmeesters“, 1662. Fortwährende Umsortierungen machten aus dem Bild ein Puzzle, was sie als eine Art Gottesurteil hinnimmt. Neulich fand ich eine Postwurfsendung mit den „weltweit besten Anti-Papierstapel-Tipps“ in meinem Briefkasten. Mehr Tipps gibt es beim Kauf des neuen Praxishandbuchs, die Broschüre „In 24 Stunden zum Leertischler“ liegt gratis bei. Leertischler und Volltischler bringen bei Google über 3 000 Treffer.
Seit Jahren ist „Simplify Your Life“ ein Bestseller: Man soll lernen, sein Leben zu vereinfachen. Aber obwohl ich Hängeregistraturen benutze, wenn auch nicht die im Buch empfohlene, besonders teure Sorte, obwohl auf meinem Fußboden nichts herumliegt, hat sich das bisher nicht als „der entscheidende Schritt zu einem einfachen und glücklichen Leben“ erwiesen.
Das Buch empfiehlt, jeden Abend alle gelungenen Tätigkeiten aufzuschreiben. Auch kleinere Erfolge soll sich der Leser bewusst machen, wenn er zum Beispiel „ohne Stolpern die Treppe heruntergelaufen“ ist. Man soll Gelassenheit üben. Man soll das Zeitungslesen an Familienmitglieder delegieren, weil der „Informationsgehalt ohnehin gering“ sei – was mich als Printjournalistin besonders kränkt.
Ich lese düstere Prognosen: Menschen mit voll gestellter Bodenfläche hätten finanzielle Probleme, Menschen mit Gerümpel im Haus meistens Übergewicht. Da zuckt man zusammen. Im Vorwort dieses Ratgebers steht, dass etwas Ungewöhnliches geschehen wird, wenn ich mich an die Empfehlungen des Buches halte: „Sie werden von anderen Menschen angesprochen werden, warum Sie so glücklich aussehen … Sie werden von Ihren Mitmenschen geschätzt und geliebt werden …“ Ich habe das Buch sorgfältig durchgearbeitet und, was soll ich sagen, ich merke noch nichts.
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