Leben & Lassen

Grenzenlos verliebt

Binationale Beziehung – so heißt das, wenn der Partner aus einem anderen Land kommt. Das passiert immer häufiger. Und verändert das ganze Leben. Wie bei unserem Autor

Tino Scholz
8 Min
Ganz klar: Liebe alleine reicht hier nicht aus, um die Unterschiede zu überwinden.

Ganz klar: Liebe alleine reicht hier nicht aus, um die Unterschiede zu überwinden.

© Getty Images/iStockphoto Lizenz

Den ganzen Sommer über hatte ich gehofft, dieses Gespräch vermeiden zu können. Doch vor ein paar Wochen war es so weit. „Jetzt wird es kalt?“, fragte mich meine Freundin mit zittriger Stimme, als friere die Welt jeden Moment zu. Es war ein nasskalter Oktobertag, Bindfadenregen, Dunkelheit, 14 Grad Celsius. „Ja“, sagte ich, „jetzt wird es kalt. Und es wird noch viel kälter.“ Ich sah, wie ihr Blick leer wurde, ihre Mundwinkel sich senkten. Sie könnte jetzt auch bei 25 Grad in der Sonne liegen, in ihrer Heimat, in Spanien. Doch Spanien war weit weg. Sie sagte: „Ich brauche ganz schnell warme Kleidung.“

Es musste einiges zusammenkommen, damit meine Freundin das mediterrane Leben aufgab. Zwar hatte sie in Spanien einen Job, doch selbst wer einen hat, muss derzeit darum zittern. Die Lage ist trist, viele Menschen ziehen fort. Nach Berlin zum Beispiel, das als Paradies gesehen wird, mit Arbeit zu fairen Bedingungen. Und: Da war ja auch noch ich.

Vor zehn Monaten haben wir uns in Spanien bei einem großen Sportevent kennengelernt, wo sie als Freiwillige arbeitete. Sie gab mir irgendwelche Zettel, ich sagte: „Thank you.“ Sie lächelte. Um mich war es geschehen. Zu Beginn führten wir eine Fernbeziehung, 1 800 Kilometer und jede Menge Flugkosten trennten uns. Wir versuchten, die Entfernung mit Videotelefonaten zu überbrücken. Jeden Abend sahen wir uns und erzählten einander, was wir den Tag über erlebt hatten. Ein, zwei Stunden, dann legten wir auf – und sie war plötzlich wieder weit weg. Von dem Moment an ging es darum, die nächsten 24 Stunden so schnell wie möglich rumzukriegen.

Etwa alle vier Wochen sahen wir uns wirklich. Dann verbrachten wir nahezu jede Minute miteinander, meist in Spanien. Wir flüchteten aus ihrer Heimatstadt, wo sie noch bei ihrer Familie wohnte. Wir fuhren ans Meer, übernachteten in Hotels, die zu teuer waren, und sorgten uns um nichts, außer, dass der andere vielleicht einmal länger als eine halbe Stunde fort war.

So vergingen die Tage, bis wir am Flughafen standen und traurig waren und nur deshalb nicht weinten, weil wir wussten, dass wir uns ein paar Wochen später wiedersehen. Das Loslassen fiel trotzdem schwer. Als ich das erste Mal von ihr Abschied nahm, musste ich auch zum ersten Mal in meinem Leben zum Gate rennen und war der letzte Passagier an Bord. Wir hatten diese Abschiede bald satt.

Global lieben

Uns ging es wie vielen anderen. Immer häufiger verlieben sich Deutsche und Nicht-Deutsche ineinander, immer öfter treten sie auch vor den Traualtar. 2011 wurde in Deutschland 377 816 Mal geheiratet, rund zwölf Prozent dieser Hochzeiten waren binational. In Berlin war es 2012 sogar jede fünfte. Während Berliner Männer vor allem Frauen aus Polen, der Türkei, Russland, Thailand und der Ukraine das Ja-Wort gaben, lagen bei den Berliner Frauen Türken, Briten, US-Amerikaner, Libanesen und Polen vorne.

Die Gründe für so viel binationale Liebe finden sich in den multikulturellen Städten wie Berlin, sagt Vera Matt, Paartherapeutin aus Charlottenburg, die in ihrer Praxis auch binationale Paare berät. „Man kann in Kreuzberg in einem französischen Café sitzen, einen Inder mit Turban an einem Latino vorbeilaufen sehen und um sich herum türkischen oder russischen Tischgesprächen lauschen, während ein Afrikaner nach dem Weg fragt.“ Wo viele ausländische Mitbürger leben, ist die Wahrscheinlichkeit eben höher, sich in einen davon zu verlieben.

Dass sich immer mehr Paare aus verschiedenen Kulturen finden, hat aber noch einen anderen Grund. Die Generation der Unter-Dreißigjährigen ist in einem vereinten Europa aufgewachsen. Nie zuvor war es so leicht, reisen und arbeiten zu können oder sich auf internationalen Tagungen kennenzulernen. Die Menschen denken global, sie lieben global.

In meinem Fall war da plötzlich jemand, der so anders war als viele deutsche Frauen. Meine Freundin kümmert sich nicht ununterbrochen darum, wie sie auf andere Menschen wirkt. Sie hat es nicht nötig, im Sommer mit Wollmützen rumzurennen oder ihre Jeans bis zum Bauchnabel hochzuziehen, nur, weil es im Trend liegt. Ich mochte ihre Natürlichkeit sofort. Außerdem war da auch der Entdecker in mir, der eine neue Kultur und Sprache kennenlernen durfte.

Geduld sei bei binationalen Beziehungen entscheidend, sagt Vera Matt. Denn die Öffentlichkeit tut sich noch schwer mit Partnern aus zwei Kulturkreisen. „Ich glaube, wir sind es noch nicht wirklich gewöhnt, zum Beispiel einen blonden Mann neben einer dunkelhäutigen Frau im Kopftuch zu sehen. Auch im Freundeskreis ist man dann verunsichert. Damit müssen die Partner umgehen lernen“, sagt Matt.

Wie recht sie doch hat. Liefen frühere Besuche bei meiner Verwandtschaft ohne Probleme ab, habe ich heute das Gefühl, es handele sich um einen Staatsbesuch, wenn ich mit meiner spanischen Freundin vorbeikommen möchte. Als wir zum ersten Mal mit der gesamten Familie abends zusammensaßen, fragten mich meine Großeltern: „Müssen wir beim Essen etwas beachten?“, „Wie sprecht ihr eigentlich miteinander?“ und natürlich: „Funktioniert das überhaupt?“

Weil ich jeden zufriedenstellen wollte, war ich den ganzen Abend Dolmetscher. Meine Freundin war zu schüchtern, um mehr als ein paar Sätze Deutsch am Stück zu sprechen, und das Gros meiner Familie kann zwar Russisch, das aber half uns nur mäßig weiter. Der Höhepunkt des Abends war erreicht, als mein Onkel im Anschluss an eine Anekdote ausrief: „Das kommt mir ziemlich Spanisch vor.“ Alle lachten. Nur meine Freundin schaute fragend zu mir.

Ein wenig Arbeit gehört dazu

Wenn wir zwei unter uns sind, klappt alles ohne Probleme. Wir sprechen einen Mix aus Englisch und Deutsch. Und wir sprechen länger und intensiver, als ich es aus anderen Beziehungen kenne. Weil wir wissen, dass es manchmal schwierig ist zu verstehen, was der andere sagen will. Hört sich nach Arbeit an? Ist es manchmal auch. Doch das Schöne ist, dass wir uns so richtig kennenlernen, besser sogar als Paare, die aus demselben Land kommen und viele Dinge als selbstverständlich ansehen.

Das macht es mir auch leichter, mit der Verantwortung umzugehen, die unsere Beziehung mit sich bringt. Ich habe keine Partnerin, die zwei Straßen weiter wohnt, und die nach einer Trennung einfach weitermachen würde. Meine Freundin ist meinetwegen in ein völlig fremdes Land gezogen. Ich will, dass sie glücklich ist, sorgenfrei. Vor Kurzem hatte sie ein gutes Jobangebot aus ihrer Heimat. Ich sagte ihr: „Überleg es dir, du wärst abgesichert.“ Sie sagte mir: „Erzähl’ nicht so einen Blödsinn.“

Behördengänge gehören zu unserem Alltag, die Übersetzung verschiedener Dokumente, Unterstützung bei der Jobsuche. Ein Sonnabend geht dann schon mal drauf, weil wir stundenlang die Stände einer Jobmesse für zweisprachige Arbeitnehmer abklappern. Aber all das – die vielen Gespräche, die gemeinsame Jobsuche – müsse sein, sagt Paartherapeutin Vera Matt, damit eine Beziehung wie die unsrige funktioniert. Die meisten binationalen Beziehungen scheitern nämlich, weil die Partner glauben, dass Liebe allein ausreicht.

Ich versuche deshalb, es meiner Freundin so heimisch wie möglich zu machen. Zu Hause haben wir spanisches Fernsehen und Radio, täglich telefoniert sie mit ihrer Familie. Ich habe angefangen, Katalanisch zu lernen, ihre Muttersprache. Ihr ist es wichtig, dass ich mit ihrer Familie und ihren Freunden reden kann. Ihre besten Freundinnen lächeln nämlich immer nur scheu, wenn sie mich sehen. Sie haben zwar jahrelang Englisch in der Schule gelernt, doch davon ist anscheinend nichts geblieben. Warum? Weiß ich nicht. Sie reden ja nicht mit mir.

Die Verwandten meiner Freundin dagegen quasseln mich minutenlang auf Katalanisch in Grund und Boden – obwohl sie wissen, dass ich noch nicht alles verstehe. Sie gucken dann immer fragend, ich nicke einfach. Manchmal antworte ich auch auf auf Englisch oder Deutsch. Dann schauen sie noch fragender.

In solchen Momenten merke ich, wie sehr sich meine Freundin hier in Berlin verändern muss. Weil so vieles anders ist für sie. Das Wetter, die Kultur, der Habitus der Deutschen. Sie ist manchmal sauer, wenn ich für zehn Minuten nicht mit ihr reden will. Nach einem langen Arbeitstag zum Beispiel. „Ich bin es von zu Hause gewöhnt, die ganze Zeit zu reden. Ich brauche das“, sagt sie dann. Meine Antwort ist stets die gleiche: „Schön. Ich nicht.“

Sie ist Katalanin und bleibt das auch. Nur eine deutsche Hülle, die hat sie sich übergezogen. Wie dünn die ist, zeigte sich schon, als es noch warm und wolkenlos war. Wir verbrachten einen Tag am Wannsee, doch das erste Aufeinandertreffen von See und Freundin endete mit einem enttäuschten Seufzer von ihr. Leise, aber unüberhörbar. Dreckiges Wasser, sagte sie, glitschiger Boden, und dann hatte der Wannsee auch noch ihr geliebtes, buntes Fußbändchen geschluckt. Fremdelnd tapste sie am Ufer entlang, die johlenden Kinder umkurvend, den Blick in die Ferne gerichtet. So, als suchte sie am Horizont einen besseren Ort: das Mittelmeer, ihre mediterrane Heimat. Doch da war nur deutscher Wald.

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