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Jetzt ist Feierabend, Chef

Flexible Angestellte sollten sich nicht zu sehr verbiegen, sagt ein Experte für Arbeit.

BLZ
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Ausknopf nicht gefunden? Dann droht die unerträgliche Erreichbarkeit des Seins.

Ausknopf nicht gefunden? Dann droht die unerträgliche Erreichbarkeit des Seins.

© Getty Images/iStockphoto Lizenz

Seit Jahrzehnten beobachtet Günter Voß, wie sich die deutsche Arbeitswelt entwickelt. Wobei der Professor für Industrie- und Techniksoziologie einräumen muss, dass es schwer ist, da überhaupt noch hinterherzukommen. Weil sich die Lebensverhältnisse, die Technik und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gleichzeitig verändern – und eine neue Wirklichkeit entsteht, die ungleich komplexer ist als alles, was es je zuvor gegeben hat.

Herr Voß, immer mehr Arbeitnehmer klagen über Stress im Beruf, viele haben Angst, zur Arbeit zu gehen. Warum ist Arbeiten so anstrengend geworden?

Arbeiten ist schon immer anstrengend gewesen, aber in den letzten Jahrzehnten haben eine erheblich verstärkte Rationalisierung und vor allem die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit zu einer massiven Verdichtung geführt. Das hat vor allem mit dem härteren internationalen Wettbewerb zu tun, aber auch mit einer weithin betriebenen Verringerung von Schutzregelungen für Arbeitnehmer. Und Arbeit wird heute oft anders organisiert: Es gibt in vielen Bereichen mehr Freiräume, einen Abbau von direkter Steuerung der Tätigkeiten. Aber das kann auch dazu führen, dass sich Mitarbeiter selbst stärker unter Druck setzen, sich regelrecht selber ausbeuten, weil der Rahmen dessen, was von einem Arbeitnehmer gefordert wird, nicht mehr so klar abgesteckt ist wie zu früheren Zeiten.

Der volkswirtschaftliche Schaden, den der Arbeitsstress verursacht, ist enorm. Stressbedingte Krankschreibungen sollen in den letzten zehn Jahren um vierzig Prozent zugenommen haben. Es scheint so, als seien nicht nur die Arbeitnehmer in Gefahr.

Die Fehltage steigen, vor allem durch zunehmende psychische Symptomatiken. Wobei es natürlich auch so ist, dass es mittlerweile ein verstärktes Bewusstsein für psychische Erkrankungen gibt, und Menschen sich vermehrt trauen, mit ihren Beschwerden einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. Aber das verstärkt diesen Trend nur, das löst ihn nicht aus. Man muss mittlerweile von einer echten Bedrohung für den Wirtschaftsstandort Deutschland sprechen, weil wir unsere wichtigste Ressource, die motivierte und leistungsfähige Arbeitskraft, gefährden.

Als ein Grund für den Stress wird immer wieder die neue mobile Technik genannt.

Ja, neue Informations- und Kommunikationstechnologien beschleunigen das, was wir Soziologen die Entgrenzung der Arbeit nennen. Das heißt, bisher gewohnte feste Strukturen der Arbeit lösen sich zunehmend auf, Arbeitszeit und Freizeit sind nicht mehr so leicht abzugrenzen. E-Mail und Smartphones sind da als Erstes zu nennen, wobei es gar nicht die Technik selbst ist, die den Stress erzeugt, sondern die Möglichkeiten, die sich auf einmal ergeben. Die Unternehmen erwarten, dass die Angestellten immer erreichbar sind, aber auch die Angestellten nutzen die neuen Möglichkeiten der Kommunikation selbst stärker, als sie vielleicht müssten.

Das klingt ambivalent.

Ja, die Technik erleichtert uns vieles, aber sie sorgt auch dafür, dass wir rund um die Uhr unsere Arbeit am Hals haben. Nicht umsonst ist eines der wichtigsten Symptome der Stresserkrankungen die Schlafstörung und die Unfähigkeit abzuschalten.

Früher war es doch so, dass man von der Arbeit nach Hause ging und nicht nur räumlich, sondern auch geistig von einer Welt in die andere wechselte.

Nun, auch das war früher schon für einige anders, aber Sie haben recht, was wir heute sehen, sind immer mehr mobile Arbeitsplätze, die Leute reisen, sind nahe am Kunden, arbeiten zu Hause. Der Arbeitsplatz ist oft kein fester Ort mehr.

Wie groß ist denn die Schuld der Arbeitnehmer an den stressigen Zuständen? Sie sagen selbst, einige sind erreichbarer, als sie es vielleicht sein müssten.

Von Schuld möchte ich nicht sprechen. Der Auslöser für die Entwicklung, über die wir hier sprechen, ist auf jeden Fall betriebsbedingt. Aber die betroffenen Arbeitnehmer haben sicherlich ihren Anteil daran, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Eigentlich will niemand zurück zur Stechuhr, zum exakt vorgeschriebenen, durchgeplanten Arbeitstag. Viele genießen die neuen Freiheiten. Gerade Familien brauchen diese Flexibilität, räumlich und zeitlich. Aber das hat eben auch zur Folge, dass die Arbeit ins Private einsickert.

Wie schützt man sich denn da am besten?

Zunächst müssen die Berufstätigen ein Bewusstsein dafür entwickeln, was da gerade mit ihnen passiert. Sie müssen mehr als früher lernen, Selbstsorge zu betreiben.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet, auf sich zu achten, zu erkennen, wo die eigenen Grenzen liegen. Wo ist der Punkt, an dem ich beginne, mich zu überfordern? Das klingt einfach, erfordert aber eine gute Kenntnis seiner selbst. Und es braucht Mut, gegenüber Kollegen und Chefs die Einhaltung dieser Grenzen einzufordern, zu sagen: „Nein, jetzt ist Dienstschluss. Nein, das kann ich nicht auch noch bewältigen. Ich kann nicht mehr.“ Am Ende geht es doch um eine Frage: Was will ich von meinem Leben? Was ist mir wichtig? Und wenn ein Arbeitnehmer zu dem Schluss kommt, dass ihm sein Familienleben wichtig ist, muss er das verteidigen.

Aber der Mitarbeiter muss auch sicher sein können, dass sein Chef überhaupt empfänglich ist für seine Wünsche und Ängste.

Ja, und die Chefs müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Sie müssen selbst zeigen, wenn sie nicht mehr können, müssen klar machen, dass es eine Stärke ist, sich Grenzen zu setzen. Ein überlasteter Chef wird seinem Mitarbeiter nicht helfen können, wenn er selber überlastet ist. Ein wacher, aufmerksamer Chef aber wird seine Mitarbeiter sogar von sich aus schützen. Aber diesen Typus der Führungskraft findet man leider noch nicht so häufig.

Für manche Arbeitnehmer ist es ja auch schick, gestresst zu sein. Das bedeutet, man ist wichtig und erfolgreich.

Wir nennen das Präsentismus, das soll die Attitüde mancher Arbeitnehmer beschreiben, die sich durch demonstratives Engagement und überlange Arbeitszeiten für eine Karriere empfehlen wollen. Sie sind permanent anwesend, zeigen sich und ihren Fleiß, sprechen viel über das, was sie gerade tun. Das Problem ist nur, dass solche extrem willfährigen Leute für das Unternehmen eigentlich weniger wertvoll sind, als diejenigen, die ihre eigenen Grenzen bewusst benennen. Die Präsentisten verschleißen sich schnell, schaffen es nicht, auf Dauer gut zu sein. Die Selbstbesorgten dagegen sind charakterlich reifer, letztlich ausdauernder, besser, verantwortungsvoller, kurz: professioneller.

Es scheint mittlerweile eine neue Generation von Arbeitnehmern zu geben, die sogenannte Generation Y, die jungen, gut ausgebildeten Leute, die gerade auf den Arbeitsmarkt drängen.

Ja, diese jungen Leute scheinen bereits ein Bewusstsein für die eigenen Interessen entwickelt zu haben und machen ihren Chefs von Anfang an klar, dass man mit ihnen nicht alles machen kann. Unternehmen, die das nicht erkennen, könnten in Zukunft Probleme bekommen. Die demografische Entwicklung sorgt für Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. Das bedeutet, demnächst suchen sich die Arbeitnehmer aus, wo sie arbeiten wollen.

Zum Schluss, Herr Voss, wie gut gelingt es Ihnen selbst, sich zu schützen?

Ich muss das auch erst lernen. Ich versuche, selbst zu erkennen und nach außen erkennbar zu machen, wenn ich überlastet bin. Ich merke aber auch, wie schwer es ist, sich Grenzen zu setzen und vor allem diese ganzen Geräte einfach mal auszuschalten.

Interview führte Maxim Leo.

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