Leben & Sterben

Trauer ist eine egoistische Kuh

Wer selbst von Trauer betroffen ist, eignet sich nicht als Trauerbegleiter

Eric Wrede
4 Min

Wenn ich einmal mit einem Blackout, nach einer durchzechten Nacht irgendwo in Spandau ohne Jacke und T-Shirt aufwachen würde, dann wäre der erste Mensch, den ich anrufe, Eric.“

Das ist vielleicht die schönste Liebeserklärung, die ich je bekommen habe. Und das auch noch von einem Mann. Meinem Freund Marc. Es ist mittlerweile lange genug her, sodass ich darüber entspannt schreiben kann.
Als ich mich, irgendwann nach meinen 30. Geburtstag, auf den Weg machte, Bestatter und Trauerbegleiter zu werden, hatte ich akut und hautnah noch keinen Menschen verloren. Trauer war nur ein abstrakter Bestandteil meines Lebens. Heute sage ich: wie gut! Weil akut betroffene Menschen nur selten eine wirklich gute Hilfe für Trauernde sind. Sie haben verständlicherweise noch viel zu sehr mit ihrer eigenen Geschichte zu tun.

Wenn sich Menschen ehrenamtlich um Sterbende oder Trauernde kümmern wollen, lautet eine der ersten Fragen, die ihnen  gestellt wird, wie lange ihr letzter Verlust her sei. Nur zu oft scheint in der akuten Trauer das Kümmern um andere der beste und schnellste Ausweg.  Eigene Geschichten und eigene Trauer haben aber in der Begleitung von Sterbenden und trauernden Menschen nichts zu suchen.

Erfahrungen teilen: ja; selbst was verarbeiten: nein!

Natürlich werden alle Kolleginnen und auch ich uns immer persönlich öffnen,  uns als Menschen einbringen, auch Erfahrungen teilen – aber nie, um unsere eigene Geschichte zu verarbeiten.

Aber zurück zu meinem Freund Marc. Kurz nachdem mir klar war, dass ich Bestatter werden möchte, telefonierte ich mit ihm. Er kam gerade vom Karneval aus Köln zurück und erzählte mir, dass er jetzt schon eine Woche an seinem immensen Kater litt. Ich machte noch Witze über sein Alter, er war  37, und da darf es einem auch mal eine Woche schlecht gehen.

Keine drei Wochen später rief er mich an. Wir müssten uns treffen. Für Marc hatte ich immer Zeit. Unsere Freundschaft basierte nie darauf, dass wir uns täglich sahen, aber wenn es darauf ankam, dann war man da. Es kam an dem Abend zu einem Gespräch, das mein Leben verändern sollte.

Wenn dir ein Freund offenbart, dass er überall in seinem Körper Metastasen hat und die Frist, die ihm gegeben wird, nicht mal mehr in Jahren zu berechnen ist, dann stellt das alles in Frage. Wir doch nicht! Marc, wir sind doch unsterblich! Warum gerade du? Meine Mutter ist Ärztin, sie wird schon jemanden kennen? Hast du dir eine zweite Meinung geholt? Warum schweigst du? Ich habe bis heute die komplette Kommunikation mit ihm ab diesem Freitag bei mir gespeichert. Alle E-mails, alle WhatsApp, alle SMS.

Wie gut ich erst heute verstehe, warum er oft nicht geantwortet hat. Wie gut ich erst heute  verstehe, was ich alles falsch gemacht habe. Ich war ein Egoist. ICH konnte es mir nicht vorstellen, dass Marc irgendwann nicht mehr da ist. ICH hatte das Gefühl irgendwie helfen zu müssen, ohne zu fragen, was gebraucht wird.

Lange habe ich mich dafür geschämt, dass es Marcs Krankheit war, die mir den letzten Mut gegeben hat, auszusteigen und wirklich Bestatter zu werden. Ich musste verstehen, dass es mir nie um den Bestatter ging – das wichtige für mich war, den Mut zu finden, mein Leben zu ändern.


Wir müssen reden

Wie und unter welchen Umständen man geboren wird, kann man selbst nicht kontrollieren. Und wie man stirbt in den meisten Fällen auch nicht. Während fast alle unserer Lebensbereiche heute kontrolliert und durchorganisiert sind, entziehen sich die beiden existenziellsten Ereignisse in unserem Leben weitgehend der Kontrolle.

Um genau diese Ereignisse soll es in dieser Kolumne gehen. Sie heißt „Leben & Sterben“, und sie wird abwechselnd von zwei Menschen geschrieben, die sich beruflich damit befassen: von der Hebamme Sabine Kroh und dem Bestatter Eric Wrede.


Marc war einer der ersten Menschen, deren Bestattung ich organisieren musste. Es ist auf Ewigkeit in meinem Kopf eingebrannt, wie ich mit meinem Freund Gero weinend zusammensaß, während sich Marcs Familie  von ihm verabschiedete. Wie groß auch meine Angst war, Marc aus dem Krankenhaus abzuholen, nachdem er gestorben war. Es war doch mein Marc. Merken Sie’s? Ich bin schon wieder bei mir. Trauer ist eine egoistische Kuh.

Das Arschloch Tod ist nicht aufzuhalten

Aber ich habe in Marcs Tod etwas gelernt. Wie sehr mein Freundeskreis zusammengerückt ist; wie gut es ist, wenn man sich in den Arm nimmt; wie wenig das Arschloch Tod aufhaltbar ist, aber wie viel es bewegen kann, wenn man die Veränderung zulässt.

Das ist nur meine Geschichte, aber wie viele Leben sich nachhaltig geändert haben, weil der Tod als Realität aufgetaucht ist – ich kann es mir nicht mal vorstellen. Habt Mut.

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