BERLIN. Für die Mitarbeiter von Aldi Nord gab es nach Feierabend noch zu tun: Alle Packungen der US-Langkornreismarke Bon-Ri wurden am späten Montagabend aus den Regalen geräumt. Kurz zuvor hatte die Umweltschutzorganisation Greenpeace erklärt, dass eine Probe von Bon-Ri mit der genmanipulierten Reissorte LL601 verunreinigt sei. Eine Aldi-Sprecherin betonte, dass alle von dem Discounter in Auftrag gegebenen Untersuchungen auf genmanipulierte Stoffe "bislang negativ" ausgefallen seien. Es würden nun weitere Analysen durchgeführt. Der Verbraucher bleibt verunsichert zurück. Denn auch die EU-Kommission veröffentlichte Untersuchungsergebnisse, die bestätigten, dass die weltweit verbotene Saat in offenbar großen Mengen nach Europa gelangt sein muss. In Proben zahlreicher europäischer Reismühlen wurde LL601 entdeckt. Nicht zum ersten Mal sind in Deutschland damit illegale genmanipulierte Lebensmittel in den Handel gelangt.------------------------------Was ist LL601?Die Reissorte wurde Ende der 90er- Jahre von Aventis in den USA entwickelt. Das Pflanzengeschäft des Konzerns mit dem Namen CropScience wurde 2002 vom deutschen Pharma- und Chemieriesen Bayer übernommen. LL601- LL steht für Liberty Link - wurde genetisch so verändert, dass es gegen das ebenfalls von Bayer hergestellte Pflanzenschutzmittel Liberty resistent ist. Offenbar war man bei Bayer mit den Ergebnissen nicht zufrieden, so dass die Experimente mit LL601 bereits im Jahr 2001 eingestellt wurden. Die Sorte ist weltweit nicht zum kommerziellen Anbau zugelassen, weder in Europa noch in den USA - der Handel mit LL601 ist also illegal.Wie konnte die Reissorte trotzdem in den Nahrungskreislauf gelangen?Das ist in der Tat rätselhaft, weil LL601 nur auf kleinen Versuchsflächen in den USA angebaut wurde und niemals großräumig zum Einsatz kam. Eine Bayer-Sprecherin teilte mit, die Quelle habe bislang noch nicht ausgemacht werden können. Spekulationen gibt es allerdings. Zum einen wird vermutet, dass sich LL601 von den Versuchsfeldern der Louisiana State University aus in andere Sorten einkreuzte. Auch eine Verwechslung verschiedener eingelagerter Sorten gilt als möglich. Letztendlich muss die Sorte LL601 irgendwie unbemerkt auf eine Reisplantage gelangt sein, wo sogenanntes Basis-Saatgut hergestellt wird, dass dann wiederum an die amerikanischen Reisbauern geliefert wurde. "In den USA hat sich LL601 sehr weit ausgebreitet, die Lage ist dort vollkommen außer Kontrolle", sagt ein Sprecher von Greenpeace. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann LL601 von den Feldern in den USA in deutsche Regale gelangte. Deutschland bezieht jedes Jahr ein Viertel seines importierten Reises aus den Vereinigten Staaten.Was kann man tun, wenn man Reis bei Aldi Nord gekauft hat, ihn aber nicht mehr verzehren möchte?Die Kunden von Aldi Nord können den Reis in den Filialen des Discounters zurückgeben und erhalten ihr Geld zurück, sagte ein Sprecher des Unternehmens.Ist LL601 gesundheitsgefährdend?Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht bislang keine Gesundheitsgefahr für Verbraucher, verweist dazu allerdings auf Einschätzungen von US-Behörden. Da LL601 in Deutschland nicht zugelassen ist, wurde die Saat auch nicht auf ihre Verträglichkeit und auf eventuelle Gesundheitsgefahren getestet. Experten halten eine Gefährdung der Verbraucher aber dennoch für relativ unwahrscheinlich, da ähnliche Produkte die Marktzulassung bereits erhalten haben.Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre LL601 der erste Fall, in dem großflächig illegale genmanipulierte Lebensmittel in die Läden kamen?Nach Einschätzung von Verbraucherschützern ist das schon häufiger vorgekommen, allerdings nicht in dieser Größenordnung. So wurden hierzulande kürzlich von Greenpeace in Proben aus chinesischen Produkten Spuren von Bt-Reis entdeckt, der Gifte enthält und im Verdacht steht, Allergien auszulösen.Wer muss Verantwortung übernehmen, sollte sich der Verdacht bestätigen?Bayer CropScience könnte von Reisbauern, Exporteuren und europäischen Händlern auf Schadenersatz verklagt werden. Mit einer Finte will Bayer nun möglichen Forderungen in den USA entgehen, indem nachträglich eine Zulassung beantragt werden soll.Wie könnte sich Europa gegen den Import nicht zugelassener Lebensmittel schützen?Selbst die Grünen sind zufrieden mit der derzeitigen Regelung, dass Importeure der EU die Unbedenklichkeit der Lebensmittel nachweisen müssen. "Allerdings ist es ein Skandal, dass nicht ausreichende Kontrollen stattgefunden haben", sagt die Agrarexpertin der Grünen, Ulrike Höfken. Außerdem müsse jede gentechnische Veränderung bekannt gegeben und registriert werden. Höfken spricht eines der Grundprobleme der Gentechnik an: Manipulation ist nur zu entdecken, wenn direkt danach gesucht wird. Die mögliche Veränderung muss also bekannt sein. Im Fall LL601 wurde Bayer selbst aufmerksam, sonst wäre die Verbreitung wohl unentdeckt geblieben.Wie viel legale genmanipulierte Lebensmittel gibt es in Deutschland?Kommerziell wird nur eine Fläche von gut tausend Hektar bebaut, hauptsächlich mit Genmais. Wichtigstes Gen-Importprodukt ist Soja. Allerdings müssen Lebensmittel (bis auf Produkte wie Milch, Fleisch und Eier), die mehr als 0,9 Prozent genetisch veränderte Bestandteile enthalten, in der EU gekennzeichnet werden. Verbraucher lehnen solche Produkte aber mehrheitlich ab, weswegen sie kaum auf dem Markt zu finden sind.------------------------------Grafik: (3) Weltweite Verteilung der Anbauflächen genmanipulierter Nutzpflanzen / Weltweite Anbauflächen von Gen-Saat / Die wichtigsten genmanipulierten Nutzpflanzen------------------------------Foto: Ein Reisbauer pflegt seine genveränderte Saat auf einem Acker nahe Plymouth im US-Bundesstaat Massachusetts.------------------------------Foto: Der Langkornreis der Marke Bon-Ri von Aldi Nord ist angeblich mit illegalen genveränderten Saaten vermischt.
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