Lebensmittelverschwendung

Deutsche werfen 18 Millionen Tonnen Essen in den Müll

Essen wirft niemand gern weg, aber trotzdem machen es viele Verbraucher. Sogar so viele, dass in Deutschland ein Drittel aller produzierten Lebensmittel in die Tonne wandert. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie der Umweltschutzorganisation WWF. Die Wegwerf-Orgie schadet aber nicht nur dem eigenen Geldbeutel.

Juliane Meissner
5 Min

Niemand will es, aber jeder macht es: Essen wegwerfen. Die Äpfel, Brötchen oder Wurstscheiben waren vermutlich nicht einmal schlecht oder ungenießbar. Vielleicht hatte der Apfel auch einfach Druckstellen, die nur optisch dafür sorgten, dass dem Verbraucher der Appetit verging. Gründe für das Wegwerfen von Lebensmitteln gibt es viele. „Manchmal kauft man zu viel ein, dann wird das Essen schlecht, oder man lagert es falsch“, sagt Tanja Dräger de Teran. Sie ist Referentin für Ernährung bei der Umweltschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF). „Zum Beispiel mögen es Kartoffeln und Zwiebeln gern dunkel, sonst keimen sie. Oder am besten bewahrt man Brot in der Verpackung auf.“

Vermeidbarer Müll

Solche Tipps könnten helfen, künftig weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Denn jährlich landen in Deutschland 18 Millionen Tonnen Essen im Müll – davon wären zehn Millionen Tonnen vermeidbar gewesen. Zu diesem Ergebnis kommt der WWF in einer neuen Studie.

Das Bewusstsein für die Verschwendung von Lebensmitteln hat sich in den vergangenen Jahren zwar verstärkt. Jedoch gibt es nur vereinzelt Erhebungen dazu, wie viele Lebensmittel tatsächlich verbraucht werden oder doch im Mülleimer landen. So steht in Deutschland die Lebensmittelverschwendung seit 2011 auf der politischen Agenda, ebenfalls in der Europäischen Kommission, die den Anteil weggeworfener Lebensmittel um 50 Prozent reduzieren will. Der Bund beauftragte 2011 die Universität Stuttgart mit einer Studie zu Abfällen, da diese Daten für Deutschland in größerem Umfang nicht existierten. Die Untersuchung bescheinigte den Deutschen, dass sie im Schnitt 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr in den Müll werfen.

Der WWF geht nun von der dreifachen Menge aus, was auch am unterschiedlichen Aufbau der Studien liegt. „Jede Erhebung zu diesem Thema benutzt andere Definitionen, weil bisher wenig dazu geforscht wurde“, sagt der Studienautor Matti Cartsburg. Die Organisation habe etwa neun Monate an der Studie gearbeitet und dafür wissenschaftliche Publikationen, auch aus anderen EU-Ländern, ausgewertet. Sie beziffert den Lebensmittelverbrauch der Deutschen auf 54,4 Millionen Tonnen im Jahr, wovon etwa ein Drittel im Müll landet. Diese 18 Millionen Tonnen Müll unterscheiden die Studienmacher in vermeidbar und nicht vermeidbar. Letzteres umfasst Reste durch Kochen und Schneiden, oder nicht essbare Teile wie Knochen. Die zehn Millionen Tonnen, die kein Abfall sein müssten, werden zu 40 Prozent von den Verbrauchern verursacht. Doch viel Essen wird bereits weggeworfen, bevor es überhaupt in die Läden kommt.

Gesetzliche Richtlinien und ästhetische Normen

Schuld daran seien gesetzliche Richtlinien und ästhetische Normen, wie Tanja Dräger de Teran vom WWF erklärt. „Ungefähr 30 Prozent der erntereifen Kartoffeln werden aussortiert, weil sie zu groß oder zu klein sind. Sie bleiben auf den Äckern liegen, werden in Biogasanlagen oder für Viehfutter verarbeitet.“ Viele Supermärkte wollten zudem gewaschene Kartoffeln haben, damit fielen nochmals zehn Prozent der Ernte raus. Und zwar die, die nicht makellos wirken.

Obst und Gemüse haben es bei den Käufern nicht leicht – sie gehören neben Brot zu den Lebensmitteln, die am häufigsten weggeworfen werden. Jedoch halten sich die ökologischen Auswirkungen von Obstanbau in Grenzen. „Tierische Produkte herzustellen ist wesentlich aufwendiger“, sagt Dräger de Teran. Der Anbau von Futter und die Haltung der Tiere würden sehr viele Ressourcen und Fläche benötigen. Und das gehe zu Lasten des Klimas.

Denn die Nahrungskette beschränkt sich nicht nur auf Deutschland. „Wir haben 16 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, aber wir bräuchten 20 Millionen Hektar“, erklärt die WWF-Referentin. „Dieses zusätzliche Land bietet zum Beispiel Südamerika, wo in großen Mengen Soja angebaut wird. Das wird in Deutschland an Tiere verfüttert.“ Damit würde zusätzliches Treibhausgas durch Düngung und Transport freigesetzt. Hinzu käme, dass für diese fruchtbaren Böden Regenwald vernichtet wird. „Das ist natürlich auch sehr widersprüchlich, denn in Deutschland gibt es viele Menschen, die den Regenwald schützen wollen“, sagt Dräger de Teran.

All diese schädlichen Umwelt- und Klimaeinflüsse sind zudem vergeblich, wenn die Produkte in Deutschland weggeworfen werden. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen, wonach nicht nur die Produktion sondern auch die Verschwendung von Lebensmitteln die Umwelt belasteten. Der Verband bezifferte die Menge an weggeworfenen Lebensmitteln auf elf Millionen Tonnen pro Jahr.

Optik entscheidet beim Kauf

Die Studienmacher von WWF haben die einzelnen Etappen der Nahrungsmittelkette vom Acker bis zum Verbraucher nach deren Abfällen aufgeschlüsselt. Der Erhebung zufolge wären von den 2,58 Millionen Tonnen Abfall im Einzelhandel 2,4 Millionen Tonnen vermeidbar. Wenn nicht das Aussehen so entscheidend beim Kauf wäre. Oder Vorgaben wie der Krümmungsgrad einer Gurke existierten, damit möglichst viele von ihnen in eine Kiste passen. Aber auch Großküchen und Restaurants könnten dem WWF zufolge deutlich weniger Lebensmittel wegwerfen. Von 3,4 Millionen Tonnen wären 2,3 Millionen Tonnen zu retten. Verschiedene Portionsgrößen könnten dabei bereits helfen. Auch manch kleineres Büfett würde vielleicht helfen, Abfall zu vermeiden. Denn wenn Essen auf dem Büfett steht und nicht gegessen wird, muss es weggeworfen werden.

Aber auch die Konsumenten könnten weniger Müll verursachen. „Oft schätzen die Endverbraucher die Menge ihres Mülls falsch ein. Sie entsorgen mehr, als sie denken“, ist sich Dräger de Teran sicher. „Diejenigen, die das wissen, versuchen auch, das zu vermeiden.“ Für den WWF wird mit der hohen Müllquote ein weiterer Faktor deutlich: die fehlende Wertschätzung von Lebensmitteln in Deutschland. „Wir geben für andere Konsumgüter viel Geld aus, aber beim Essen sparen wir.“ Hingegen würden die Menschen in anderen Ländern wie Frankreich und Spanien mehr und gern Geld für Essen ausgeben.

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