Solange ich denken kann, habe ich auf die Frage „Und was möchtest du später mal werden?“ geantwortet: „Lehrerin.“ In der Grundschule hatte ich Spaß, ich kann gut mit Kindern umgehen, im Oktober 2023 begann ich an der FU mit meinem Lehramtsstudium.
Zugegebenermaßen habe ich vorher nicht lange darüber nachgedacht, ob ich mir hundertprozentig sicher bin und ob ich diesen Beruf den Rest meines Lebens ausüben möchte.
Ich war meiner Meinung nach sowieso schon „spät dran“. Während der Schulzeit habe ich ein Auslandsjahr in England gemacht und das Abitur deshalb ein Jahr später absolviert. Danach habe ich ein Jahr lang gekellnert. Manche meiner ehemaligen Klassenkameraden waren schon im fünften Semester, als ich gerade mit dem ersten begann: Grundschullehramt mit den Fächern Deutsch, Englisch und Sonderpädagogik. Ich bin zwar erst am Anfang meines Studiums, aber ich merke jetzt schon, warum dieser Studiengang so stark kritisiert wird.
Schon am ersten Orientierungstag sagte uns ein leitender Mitarbeiter des Fachbereichs, wie sehr wir Studenten gebraucht würden und wie sehr sich alle freuen, dass sich dieses Jahr so viele für das Studium beworben haben, dass sogar zu viele zugelassen wurden. In der Orientierungswoche wurden wir Erstsemester mit durchstrukturierten Aktivitäten und Informationsveranstaltungen empfangen.
Wir spielten Bierball, damit wir uns kennenlernten und wir frühstückten gemeinsam. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel „How to studieren?“ wurde uns erklärt, wie man Seminare oder Vorlesungen vor- und nachbereitet und für Klausuren lernt. Beim „Dozierende kennenlernen“ stellten sich die Lehrkräfte vor. Ich weiß noch genau, dass uns ein Dozent aus dem Bereich Sonderpädagogik sagte, wir mit dem Fach Sonderpädagogik würden Goldstaub unter den Lehrern sein, weil die Inklusion immer wichtiger würde und viele Lehrer nicht dafür ausgebildet seien.
In fast jeder Veranstaltung sagten uns die Dozenten, wie sehr sie hofften, dass wir unser Studium beendeten und wie sehr wir gebraucht würden. Ich fühlte mich stolz, dass ich mir ein Studium ausgesucht habe, das zu einem so angesehenen Beruf führt. Viermal die Woche fuhr ich nach Dahlem und besuchte so gut wie jede Vorlesung, das macht man wahrscheinlich nur als Erstsemester. Aber ich war schon immer pflichtbewusst, und ich hatte Angst, etwas Wichtiges zu verpassen.
Studierende an der FU Berlin
© Sabine Gudath/imago
Praxisferne und Demotivation
Ich merkte schon nach dem ersten Monat, wie Recht alle hatten, die das Studium als praxisfern kritisierten. Und diese Praxisferne ist demotivierend. Ich saß mit angehenden Journalisten und Anglisten zusammen im Seminar, und wir versuchten, die Deixis von romantischen Sonetten zu finden und Literaturtheorien auswendig zu lernen. Deixis ist eine Referenz unter Bezugnahme auf die Sprechsituation, sie kann sich auf Personen, Gegenstände, Orte und Zeitpunkte beziehen. Ehrlich gesagt, verstehe ich den Begriff immer noch nicht ganz. Ich fragte mich aber vor allem, wann ich das als Grundschullehrerin jemals brauchen werde.
Je mehr das Semester fortschritt, desto mehr bewunderte ich meine ehemaligen Lehrer, die dieses Studium ja durchgezogen hatten. Das Semester war schon fast zu Ende, als in meiner Sonderpädagogik-Vorlesung ein Schulpsychologe einen Gastvortrag hielt. Als erstes erzählte er uns, dass er diesen Vortrag schon im vergangenen Jahr gehalten habe. Damals sei noch seine Tochter unter den Studenten gewesen. „Die hat aber inzwischen abgebrochen.“ Das Studium habe ihr nicht gefallen. Ich dachte: Na toll.
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Dann sprach er von den hohen Anforderungen und Belastungen in pädagogischen Berufsfeldern, dem anhaltenden Lärm in den Schulen, der Verantwortung für Minderjährige, von Bedrohungen, Gewalt und Aggressionen. Er zählte die sozialen, psychischen und physischen Belastungen des Lehrerberufs auf und erklärte, wie stark diese sich auf unser Gehirn und das Nervenzentrum auswirken. Der chronische Stress, dem man ausgesetzt sei, könne zu dauerhafter Erschöpfung, Depression und posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Den Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung hatte ich bis dahin nur mit Krieg oder Terroranschlägen verbunden.
Ein Gastvortrag verunsichert
Je länger der Vortrag ging, desto mehr Angst bekam ich vor dem Lehrerberuf. Der Psychologe beschrieb die Auswirkungen durch einen erhöhten Level des Stresshormons Kortisol auf den Körper. Er sagte, es gebe eine hohe Suizid-Dunkelziffer unter Lehrern. Am Ende des Vortrags sagte er, er hoffe, er habe uns nicht demotiviert. Ob das sein Ernst sei, fragte ich mich. Ich ging niedergeschlagen aus dem Vorlesungssaal. Dieser Vortrag ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben und lässt mich immer wieder darüber nachdenken, ob ich mit meinem Studium die richtige Wahl getroffen habe.
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Und ich frage mich wirklich, warum man an diesem Studium, das ja nicht erst von mir als praxisfern kritisiert wird, keine Änderungen vornimmt. Jeden Tag hört man, wie händeringend Lehrer gesucht werden, es werden Quereinsteiger eingestellt und das Studium wird am laufenden Band kritisiert. An der FU wird uns gesagt, wie schlecht Frontalunterricht und Auswendiglernen seien – und zugleich gehe ich zur Uni, um mich manchmal sechs Stunden am Stück hinzusetzen und den Dozenten vorne zuzuhören. Und für meine Multiple-Choice-Klausuren lerne ich ausschließlich auswendig.
Ich habe erst ein Semester studiert und jetzt schon das Gefühl, dass mit dem ganzen System etwas faul ist. Es beginnt mit dem Studium und geht in der Schule weiter. Dabei wäre ich wirklich gern Goldstaub und keine Abbrecherin.
Alice Lenz ist 21 Jahre alt und wurde Berlin geboren. Sie studiert Lehramt im zweiten Semester.
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