Der Berliner Senat probiert immer neue Lockmittel aus, um angesichts des grassierenden Pädagogenmangels genug Lehrer für die viele offenen Stellen an Berliner Schulen zu finden. Erst erhöhte man das Lehrergehalt, dann warb die Bildungsverwaltung mit Anzeigen in österreichischen und selbst niederländischen Medien um Pädagogen. Schließlich reaktivierte man sogar massenhaft Rentner und legte Studenten nahe, statt in der nächsten Bar hinterm Tresen zu stehen, doch lieber gleich in einer Schule zu unterrichten.
Berliner Lehramt-Stipendium
Am Montag nun präsentierte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein weiteres Lockmittel: das Berliner Lehramt-Stipendium. 500 Euro monatlich erhält ein Student, wenn er nach dem Bachelor in Mathe, Physik, Chemie, Biologie oder Informatik doch noch ein Lehramtsstudium in diesen Fächern aufnimmt – und nach bestenfalls vier Semestern abschließt. „Wir wollen neue Lehrer damit an Berlin binden“, sagte Scheeres.
Tatsächlich wird ihre Freizügigkeit damit stark eingeschränkt. Denn die Stipendiaten verpflichten sich, auch ihr eineinhalbjähriges Referendariat in der Hauptstadt zu absolvieren und danach mindestens drei Jahre im Berliner Schuldienst tätig zu sein. Wer das Stipendium annimmt, hat also auf viele Jahre eine Art Residenzpflicht in Berlin. So soll auch verhindert werden, dass die Junglehrer in andere Bundesländer wechseln, wo sie anders als in Berlin verbeamtet werden.
Voll ausgebildete Mathe- oder Physiklehrer sind rar
Neben dem bundesweit bisher einzigartigen Stipendium können die Studenten selbst weiter Bafög beziehen und zudem auch noch in einem Minijob auf 400 Euro-Basis arbeiten. „Mitunter handelt es sich ja um Menschen, die schon etwas älter sind und schon eine Familie unterhalten müssen“, sagte Scheeres. Das dürfte insbesondere auf die Menschen zutreffen, die nach einem nichtpädagogischen Hochschulabschluss in Mathe oder Naturwissenschaften noch einmal Sachunterricht auf Lehramt aufstudieren. Auch an sie richtet sich das Angebot.
Voll ausgebildete Mathe- oder Physiklehrer sind in Berlin schon seit Jahren kaum mehr zu finden. Meist unterrichten in diesen wichtigen Schulfächern Quereinsteiger. Im vergangenen Jahr haben an den Berliner Universitäten nur gut 40 Physiklehrer ihr Studium beendet. Noch nicht restlos geklärt ist übrigems, ob das neue Stipendium und der damit verbundene Abschluss auch in anderen Bundesländern anerkannt wird. Das lasse man gerade in der Kultusministerkonferenz prüfen, hieß es in der Verwaltung. „Kritisch gesehen wird, dass das Bachelorstudium gar nicht lehramtsbezogen ist“, sagte Daniela Caspari, Vize-Direktorin der Dahlem School of Education an der Freien Universität. Ohnehin mutmaßt sie, dass das Stipendium für die Studienwechsler bei den regulären Lehramtsstudenten auf Neid und Unverständnis stoßen dürfte. Eine Anerkennung auch für diese Lehrer wäre aus Sicht von Daniela Caspari wünschenswert.
Bewerbungsfrist läuft bis Ende Oktober
Zunächst wird das Lehramt-Stipendium für den schnellen Quereinstieg nur an 100 Interessenten vergeben, die Bewerbungsfrist läuft noch bis Ende Oktober. Das Programm soll aber weiter ausgebaut werden, auch für musische Fächer gelten. Technische Fächer für Berufsschulen sind jetzt schon mit dabei. Der Quereinstiegs-Master beginnt an der FU, der Technischen Universität und der Humboldt-Uni. Dafür stehen in diesem Jahr 600.000 Euro und im nächsten Jahr 1,2 Millionen Euro zur Verfügung.
Professoren fragen sich indes, was passiert, wenn es bald mehr Bewerber als Plätze geben dürfte. In der Bildungsverwaltung gibt es offenbar Pläne, dann die Plätze einfach zu verlosen. Doch eigentlich müsste man dann prüfen, wer besonders bedürftig sei oder wer durch einen gut verdienenden Ehepartner das Geld womöglich nicht so nötig hat, heißt es an den Universitäten.
Not macht erfinderisch
Die Personalnot jedenfalls macht die Verwaltungmitarbeiter erfinderisch. 2017 schlossen in Berlin 736 Lehramtsstudenten mit einem Master oder einem Staatsexamen ab. Gleichzeitig musste Berlin 2700 neue Lehrkräfte einstellen. 750 davon waren Quereinsteiger, die an einer Einrichtung der Bildungsverwaltung namens Weiterbildungszentrum „Steps“ eine Zusatzausbildung erfuhren. Die Standards dort sehen Professoren sehr kritisch. Und 900 der neu Eingestellten waren Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung, die weder ein Pädagogikstudium noch ein Fach studiert haben, das an Berliner Schulen unterrichtet wird.
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