Julian Weber hat eine beeindruckende Schultermuskulatur. Er muss sie als Speerwerfer haben. Er hat sie antrainiert. Aber was drückte am Sonntag nicht alles auf die Schultern des 28 Jahre alten Leichtathleten vom USC Mainz, der in Berlin wohnt und in Potsdam trainiert? Beim Abwurf aus vollem Anlauf lasten auf seinem linken Stemmfuß bis zu 1000 Kilogramm – und dazu die Erwartungen der Leichtathletik-Szene. Weber, zuletzt Vierter bei Olympia 2021 in Tokio, Vierter bei der WM in Eugene 2022 und Erster bei der EM 2022 in München, war der letzte verbliebene Medaillenkandidat des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) bei der WM in Budapest.
Beim Werfen war ihm anzusehen, dass irgendwas nicht passte, dass er nicht unbeschwert antrat. Er probierte es mit gewaltiger Kraft. Er probierte es mit feiner Technik, mit verschiedenen Speeren. Er schüttelte den Kopf. Mehr als 85,79 Meter wurden es nicht für den Mann, der den Speer schon 89,54 Meter weit geworfen hatte. Am Ende wurde er das, was er auf keinen Fall werden wollte: wieder Vierter.
Keine WM-Medaille für den Deutschen Leichtathletik-Verband
Damit war klar: Der DLV bleibt bei der Weltmeisterschaft in Ungarn medaillenlos. Weltspitze sind andere Nationen, deren Athleten sich nach Plan entwickelt oder auch die Corona-Zeit effektiv genutzt haben, um nicht nur in Mikrodosen, sondern in Makroschritten voranzukommen. „Einfach mal keine Medaille trotz guten und persönlichen Bestleistungen. Das Problem im dt. Leistungssport ist die Konsequenz bei Fehlleistungen durch Entscheider aber vor allem die fehlenden Investitionen ins Know How von allen Beteiligten“, schrieb Robert Harting, Berlins Diskus-Olympiasieger von 2012, in den sozialen Medien.
Robert Harting, Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister im Diskuswerfen aus Berlin, erneuert seine Kritik am deutschen Sportsystem.
© Annette Riedl/dpa
Überraschend kam das, was manche trotz der 13 Top-Acht-Platzierungen für den DLV Debakel nennen, für ihn nicht. Schon 2019 sagte Harting: „Ich prognostiziere die Talfahrt, eine Sohle bei den Olympiamedaillen 2024, spätestens 2028.“ Seine Kritik von damals wiederholte er vorigen Sommer, als der DLV mit zwei WM-Medaillen in Eugene auch nicht viel besser abschnitt. Sie gilt noch heute: „Schön, dass öffentliche Mittel da sind, aber so richtig spürt man das nicht. Es gibt keine Idee dahinter. Meine Kritik lautet, dass Verbände in ihrer Trägheit ersticken.“
European Championships: Grundsatzdebatte über Spitzensport fehlt noch immer
Unfassbares Potenzial: Wie die EM der Leichtathletik neuen Rückenwind geben kann
Das Potenzialanalyse-System (PotaS), auf dem die Verteilung der öffentlichen Gelder an die Sportarten beruht, sei zudem nie eine Sportreform gewesen, betonte der 38-Jährige erneut, sondern aus dem Misstrauen des Bundesinnenministeriums gegenüber dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) entstanden.
„Es waren fantastische Wettbewerbe in Budapest, ein tolles Stadion, knackevoll. Ich habe gelitten, aber nicht so sehr, weil ich von vornherein wusste, das wird eine Katastrophe“, sagt Rudi Thiel, der Berliner Erfinder des Internationalen Stadionfestes (Istaf), der mit 95 Jahren noch immer voll im Geschehen ist. Er freute sich, dass die Fernsehquoten der Leichtathletik-WM ziemlich gut und vor allem teilweise besser als beim gleichzeitig gezeigten Fußball waren. Aber er sah eben auch: „Unsere Athleten sind einfach zweite Wahl.“
Weshalb das so ist? „Sobald sich in Deutschland einer außer der Norm entwickelt, wird ihm von der Öffentlichkeit zu viel aufgebürdet. In Deutschland fehlt der Spirit, wie ihn die Amerikaner haben. Dort gehen Trainer und Athleten untereinander ganz anders miteinander um“, meint Thiel. „Bei uns hingegen gibt es dieses Hofieren der Hochkultur. Das Schweißtreibende an den Schulen wird zurückgefahren. Jetzt wollen sie bei den Bundesjugendspielen noch nicht mal mehr nach Leistung messen.“ Sport sei zur Nebensache verkommen, der letzte Kick fehle oft bei Trainern und Athleten, eine Reform von Grund auf sei nötig.
Die Berliner Sprinterin Gina Lückenkemper lief mit der 4x100-Meter-Staffel mit Louise Wieland, Sina Mayer und Rebekka Haase auf Platz sechs. Im Einzel verpasste sie den Einzug ins Finale.
© Laci Perenyi/imago
Ist es nicht Zeit für einen Sportminister?
Eine Grundsatzdebatte, welchen Spitzensport Deutschland haben möchte, fehlt seit Jahren. Und vermutlich kann ohne Antwort auf diese Frage gar nicht ernsthaft damit begonnen werden, eine Debatte über Sinn oder Unsinn einer Bewerbung um Olympische Spiele in Deutschland zu führen. Doch wer stößt sie an? Wer erreicht die Masse? Wer hat genügend Argumente und Charisma? Und: Ist es nicht längst Zeit, in Bund und Ländern analog zum Ministerium für Kultur und Medien einen eigenen Minister oder Senator für Sport zu berufen?
Denn, dass ein gewaltiger Graben entstanden ist zwischen der Weltspitze und dem deutschen Sport, ist ja nicht nur ein Problem der Leichtathletik. „Vielleicht ist das auch ein Symptom für die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft“, sagte der frühere DLV-Präsident Clemens Prokop der Deutschen Presse-Agentur. Tatsächlich mischen deutsche Nachwuchsathleten im Jugend- und Juniorenalter oft noch in der Weltspitze mit. Bei den Leichtathleten stand das deutsche Team zuletzt bei der U20-EM in Jerusalem im Medaillenspiegel mit Abstand oben.
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Speerwerfer Julian Weber schöpft Motivation für Paris aus Platz vier
Doch mit dem Älterwerden verliert der Sport viele dieser Talente. Seit Jahren wird auch über die Drop-out-Quote diskutiert – den Spagat zwischen Sport und Studium zu schaffen, ist oft unmöglich. Anders als etwa bei der aufstrebenden Leichtathletik-Nation Niederlande ist der Lebensunterhalt für deutsche Hochleistungssportler nicht adäquat abgesichert. „Warum gibt es an unseren Universitäten nicht so ein Sportsystem wie in den USA?“, fragt Rudi Thiel.
Am Leistungswillen der Sportler liegt es weniger. Speerwerfer Julian Weber versicherte mit Blick auf Olympia in Paris 2024: „Ich werde wie aus den letzten vierten Plätzen daraus meine Motivation schöpfen und einfach noch härter, noch besser trainieren und nächstes Jahr unschlagbar sein.“ Der frühere Zehnkämpfer und jetzige Berliner Bundesstützpunktleiter der Leichtathleten, André Niklaus, setzt auf ein neues Teamgefühl. Er findet: „Unsere Athleten müssen nicht zwei, drei Einheiten mehr trainieren, sondern lernen, das, was sie trainieren, auch auf die Bahn zu bekommen.“
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