Bündnisfrage

„Werden leider niemals beitreten“: Warum Saluschnyj nicht mehr vom Nato-Beitritt der Ukraine ausgeht

Ukraines Botschafter Saluschnyj nennt den Nato-Beitritt ein „Märchen“. Das Militär sei am Limit. Doch die Zahlen sagen das Gegenteil.

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Der Ex-Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte: Walerij Saluschnyj, ist nun Botschafter in London.

Der Ex-Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte: Walerij Saluschnyj, ist nun Botschafter in London.

© Ukrainian Presidential Press Office/AP/dpa

Ein Botschafter, dessen Land unbedingt in die Nato will – und der den Beitritt öffentlich für ausgeschlossen erklärt. Diesen Widerspruch lieferte ausgerechnet Walerij Saluschnyj.

„Leider werden wir dort niemals beitreten“, sagte der frühere Oberbefehlshaber und heutige Botschafter in London bei einer Botschafterkonferenz in Kiew.

Der Satz traf einen Nerv. Denn der Nato-Beitritt der Ukraine ist offizielles Staatsziel und seit 2019 in der Verfassung verankert.

Wer verstehen will, warum Kiews Regierung binnen Tagen zurückruderte, muss zwei Dinge trennen: Saluschnyjs private Prognose und die Faktenlage an der Front.

„Jedes Jahr Märchen“ – Saluschnyj zum Nato-Beitritt

Die Konferenz fand am 3. August 2026 statt. Auf eine Frage zum Beitritt antwortete Saluschnyj so offen wie selten ein amtierender Diplomat.

„Ich kenne die Nato sehr gut“, sagte er nach Angaben der ukrainischen Zeitung Ukrajinska Prawda. „Etwa zwölf Jahre lang war ich wahrscheinlich persönlich damit beschäftigt, dass wir die Nato-Standards beherrschen, und habe jedes Jahr Märchen darüber gehört, dass wir kurz vor dem Nato-Beitritt stehen. Leider werden wir dort niemals beitreten!“

Trotzdem bleibe er ein Befürworter der Mitgliedschaft. Westliche Militärtechnik wie Raketenabwehr und Weltraumfähigkeiten brauche die Ukraine weiterhin.

Warum Saluschnyj die Nato für veraltet hält

Sein Hauptvorwurf: Das Bündnis denke in Kategorien vergangener Kriege.

Man könne sich mit dem heutigen Stand der ukrainischen Streitkräfte keiner Organisation anschließen, „die über Doktrinen aus dem Zweiten Weltkrieg verfügt“, so Saluschnyj laut Ukrajinska Prawda.

Der Gedanke zieht sich durch seine Analysen. Schon beim Londoner Thinktank Chatham House sagte er im Februar 2026, künftige Kriege würden von autonomen und teilautonomen Robotersystemen bestimmt.

Die Nato widerspricht dieser Diagnose: Mit dem gemeinsamen Nato-Ukraine-Zentrum JATEC baut sie seit 2025 eigene Innovationsstrukturen auf.

„Alles ausgereizt“ – die umstrittene These vom erschöpften Potenzial

Noch weiter ging Saluschnyj laut dem russischen Nachrichtenportal NEWS.ru. Danach habe das ukrainische Militär bis 2026 fast alle verfügbaren Waffensysteme und Einsatzkonzepte durchprobiert.

Für neue Entwicklungssprünge fehle der Spielraum; Russland finde inzwischen auf jede ukrainische Neuerung eine Antwort.

Wichtig: Diese Zuspitzung stammt aus der russischen Berichterstattung. In den ukrainischen Protokollen der Konferenz stehen vor allem die Aussagen zur Nato.

Was die Drohnenzahlen der Ukraine sagen

Die These vom Stillstand hält die Faktenlage kaum aus.

Das ukrainische Verteidigungsministerium beziffert die eigene Drohnenproduktion für 2025 auf vier Millionen Stück. Für 2026 liegt das Ziel bei mehr als sieben Millionen.

Die Zahl spezialisierter Rüstungsfirmen wuchs demnach von weniger als zehn im Jahr 2022 auf rund 1500 im Jahr 2026 – ein Drittel davon allein bei unbemannten Systemen.

Auch der US-Thinktank Council on Foreign Relations sieht die Ukraine im Juni 2026 nicht am Ende: Drohnen verursachten inzwischen 75 bis 85 Prozent der Gefechtsverluste, ukrainische Neuerungen hätten russische Vorstöße zeitweise zurückgedrängt.

Wie das Außenministerium in Kiew reagierte

Die Regierung ging schnell auf Distanz.

Außenamtssprecher Heorhij Tychyj erklärte am 5. August 2026, die Worte des Botschafters seien „aus dem Kontext gerissen“ worden. Im vollständigen Zitat sei es vor allem um die Joint Expeditionary Force (JEF) gegangen, einen von Großbritannien geführten Staatenverbund, nicht um die Nato selbst.

Der verfassungsmäßige Kurs Richtung Nato bleibe unverändert, betonte Tychyj laut der Agentur Ukrinform.

Auch die Nato selbst hält den Weg der Ukraine ins Bündnis offiziell für „irreversibel“. Der JEF gehört die Ukraine seit November 2025 als erster Nicht-Mitgliedstaat als „erweiterter Partner“ an.

Zwischen „Wahrheit schmerzt“ und „Zusammenbruch des Staatsapparats“

Im Land entbrannte eine hitzige Debatte

Der Jurist und frühere Abgeordnete Vitaliy Barvynenko warf Saluschnyj einen „völligen Zusammenbruch des Staatsapparats“ vor. Ein amtierender Botschafter dürfe der außenpolitischen Linie nicht öffentlich widersprechen. Zugleich räumte er ein: „Die Wahrheit schmerzt.“

Rückendeckung kam von Diplomaten. Ex-Außenminister Wolodymyr Ohryzko pflichtete der Nato-Kritik bei. Der Diplomat Kostjantyn Jelisejew betonte, Saluschnyj wolle das Ziel Nato-Beitritt nicht aufgeben, sondern das Bündnis zu schnellerer Anpassung drängen.

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