„Mir geht es ein bisschen zu gut“ lautet der erste Satz seines jüngsten Werkes „Statt etwas oder Der letzte Rank“ (Rowohlt Verlag). Die Gattungsbezeichnung Roman trifft die Sache nur ungenau. Es ist ein typischer Walser. Eigenwillig, experimentierfreudig, trotzig – und wie immer auch ein wenig rechthaberisch. Als knorrige Erscheinung der deutschen Literatur wirkt Walser nun wie einer, dem es gerade jetzt darauf ankommt, nicht zu weichen.
Und tatsächlich scheint demonstrative Standhaftigkeit das Gebot der Stunde auf der diesjährigen Buchmesse zu sein. Trotz aller performativen Lust, den Spaß an der Literatur und am Kulturgut Buch zum Vorschein zu bringen, steht die Leipziger Frühjahrsmesse einmal mehr im Zeichen zugespitzter politischer Fragestellungen. Die Welt ist im Umbruch, da scheint man sich von der Branche der Büchermacher, die wegen ihrer seltsamen Wächterrolle als Hüter einer überholten Kulturtechnik zuletzt oft belächelt wurde, noch einmal wichtige Impulse zu erhoffen. Sinnstiftung als nachgefragte Handelsware.
Reaktorkatastrophe von Fukushima während der Leipziger Buchmesse
Das Buch als Menetekel? Darunter hat man es in Leipzig selten gemacht. Das war auch 2011 so, als sich die Reaktorkatastrophe von Fukushima unmittelbar während der Messezeit ereignete.
Das Geschehen ließ die Besucher nicht unbeeindruckt, kaum ein Gespräch in den Leipziger Hallen, das nicht von bangen Blicken auf die Bildschirme abgelenkt worden wäre, die die überforderten Hilfstrupps im japanischen Krisengebiet zeigten. Philosophen nahmen Stellung, Experten gaben sich die Mikrofone weiter und Umweltschützer hielten prophetisch ihre aktuellen Titel hoch, in denen sie doch bereits vor dem Schlimmsten gewarnt hatten. Die Buchmesse präsentierte sich einmal mehr als wichtiger Kommunikationsort, an dem die Gesellschaft sich über sich selbst verständigt.
Natürlich stellt der Ruf nach politischen Botschaften, die von Künstlern ausgehen sollen, oft eine Überforderung dar. Die Allzuständigkeit der Intellektuellen ist in den vergangen Jahren oft zur bloßen Pose erstarrt.
Wie sehr öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber politischer Gewalt und Ungerechtigkeit aber immer noch dringend benötigt wird, zeigt das Schicksal der türkischen Schriftstellerin und Journalistin Asli Erdogan, deren Buch mit Kolumnen und Zeitungstexten gerade auf Deutsch erschienen ist und durch die aktuellen Ereignisse in der Türkei den Mittelpunkt des Messegeschehens rückt.
Nach kurzer Haftverschonung steht Asli Erdogan derzeit in Istanbul wegen Terrorverdachts vor Gericht, eine Ausreisegenehmigung für den Besuch der Buchmesse wurde ihr verwehrt. In ihrer Anklage stützt sich die türkische Staatsanwaltschaft vor allem auf ihre Veröffentlichungen, die belegen sollen, dass sie einer Unterstützerin der verbotenen kurdischen PKK sei. Dabei beweist ihr Buch doch das genaue Gegenteil der Anschuldigungen. In ihren Texten präsentiert sich Erdogan als empfindsame und genau beobachtende Zeitgenossin, die sich um die politischen Verhältnisse ihres Landes sorgt.
Die Bedrohung der Freiheit eines einzelnen Künstlers
Gewiss, in der Titelflut von Leipzig ist Asli Erdogans Buch eines unter vielen. Doch es zeigt sich an ihrem Fall einmal mehr, dass die Bedrohung der Freiheit eines einzelnen Künstlers auf die Meinungsfreiheit insgesamt zielt. Und so wird es in Leipzig auch darum gehen, Asli Erdogan für die zermürbende Fortführung ihres Prozesses Rückendeckung zu geben.
Die Veranstalter planen, die Schriftstellerin per Live-Übertragung zur Vorstellung ihres Buches zuzuschalten (heute um 13.30 auf dem „Blauen Sofa“). Und so wird die erzwungene Abwesenheit der Asli Erdogan zugleich eine der bohrenden Fragen während der kommenden Tage in Leipzig bleiben. Das gilt auch im Fall des seit Wochen inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten und Schriftstellers Deniz Yücel, dessen Texte auf mehreren Veranstaltungen in Leipzig vorgetragen werden sollen.
Die beiden großen deutschen Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt am Main stehen seit jeher in einem oft widersprüchlichen Kampf um Aufmerksamkeit. Es muss getrommelt und gerührt werden, um schließlich für ein Produkt zu werben, für das die Leserinnen und Leser Ruhe, Konzentration und auch etwas Abstand benötigen. Das aber wird in den Leipziger Messehallen aber allenfalls bedingt gewährt. Die Zonen der inneren Einkehr sind nicht gerade üppig ausgeschildert.
Man kann ihnen nicht entgehen, den Menschen, die etwas loswerden wollen. Und so hat sich auch Martin Schulz für diesen Donnerstag angekündigt. Der Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende der SPD will sich mit dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer ebenso treffen wie den Schweizer Bestsellerautor Martin Suter. Aus purem fachlichen Interesse natürlich. Der Mann aus Würselen ist schließlich gelernter Buchhändler.
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