Vergangenen Sonntag wurde in Berlin ein 20-Jähriger von sieben Angreifern zu Tode getreten, Jonny K., Sohn eines deutschen Vaters und einer thailändischen Mutter. Über die Täter ist nichts bekannt. Freunde von Jonny K. meinten, es handele sich um junge Männer eventuell arabischer Herkunft. Mehr weiß man auch am Mittwoch noch nicht. Blumengestecke liegen auf dem Boden, auf dem Jonny K. wieder und wieder an den Kopf getreten wurde, und eine Karte. Auf der steht: „In schierer Unfassbarkeit und tiefer Trauer möchte ich der Familie und Freunden mein Beileid aussprechen. Möge es allen die Augen öffnen, den Opfern und den Tätern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und der Gesellschaft die Augen zu öffnen.“
Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner. Gewalttaten können da keine Ausnahme, sie müssen die Regel sein. Die Vorstellung, in einer sozial, national, religiös homogenen Bevölkerung käme es nicht oder doch zu erheblich weniger Gewalttaten, hält sich so hartnäckig, weil es keine solchen homogenen Bevölkerungen gibt. Jedenfalls nicht an Orten mit mehr als einer Million Menschen. So können wir an einer Utopie der Gleichheit festhalten, der zu misstrauen bei genauerer Inspektion unserer selbst wir allen Grund hätten.
Die Geschwindigkeit, mit der wir bei der Analyse von Gewalttaten nach Unterschieden suchen, um sie zu Ursachen zu erklären, ist verständlich. Diese Unterschiede werden gerne von den Tätern ins Feld geführt. Ich war Schüler in der Deutschen Schule in Porto und zeigte einem Neuen einen Jungen: „Das ist der Enkel des reichsten Mannes von Portugal.“ Mein neuer Mitschüler stürzte sich auf ihn und verprügelte ihn.
Von mir selbst weiß ich, dass ich ein, zwei Jahre später – ich war elf oder zwölf – eine Weile lang einem dicken Mitschüler auf dem Nachhauseweg auflauerte und ihn verprügelte. Der war nicht reich, nicht arm. Er war deutsch wie ich deutsch war. Er war dick. Sonst nichts.
Die Gewalttätigkeit steckt in uns. Ein wesentlicher Zweck der Gesellschaft ist die Hegung der Gewalt. Der anonyme Autor der Karte auf dem Berliner Alexanderplatz hat recht: Es geht um Aufmerksamkeit. Ich erinnere mich, wie ebenfalls am Alexanderplatz Polizisten zehn Minuten lang zuschauten, wie betrunkene Männer und Frauen Bierflaschen zu Scherben warfen und dann weitergingen, ohne irgendetwas zu tun. Ich war auch einmal in einem von Fussball-Hooligans besetzten Zug zwischen Heidelberg und Frankfurt. Das sind Momente, da sehne ich mich nach der Staatsmacht.
Weg von der Droge Gewalt
Aufmerksamkeit. Die NSU-Morde geschahen vor unser aller Augen, ohne dass wir aufmerksam wurden. Wir leben in den Großstädten auf zu engem Raum, um noch auf einander zu achten. Irgendjemand aber rastet immer aus. Unter den Bedingungen der Art von Käfighaltung, in der wir leben, hat das fatale Folgen. Wir tun gerne so, als gebe es Sozialprogramme dagegen, als wüssten wir wirklich, was präventiv gegen das Ausrasten Einzelner oder kleiner Gruppen hilft.
In Wahrheit wissen wir seit langem, dass es keine Patentrezepte gibt. Es genügen zwei, drei junge Männer und ein Stadtviertel zittert. Meine Freundin wurde vor Jahren in Charlottenburg überfallen. Ich wurde in der S-Bahn angegriffen. In beiden Fällen wurden die Täter gefasst. Sie hatten aus ihren Überfällen einen Feierabendsport gemacht. Nachdem sie gefasst wurden, war erst einmal Ruhe. Nicht wirklich. Bei 3,5 Millionen findet sich bald eine andere nächtliche Kampfgruppe, die andere Ecken der Großstadt zu ihrem Revier machen. Der Kampf gegen diese Art von Gewalttätigkeit muss geführt werden. Aber man führt ihn wohl wissend, dass er jedes Jahr neu geführt werden muss.
Anders ist die Lage bei Gewalttätern, die ideologische oder finanzielle Geschäfte betreiben. Hier gibt es feste Organisationen. Die kann man zerschlagen. Die muss man zerschlagen. Die zu zerschlagen ist der Staat da. Wenn das nicht gelingt, setzen diese Organisationen sich an die Stelle des Staates. Es entstehen marodierende Banden, die erst ein paar Straßenzüge, dann ganze Stadtteile als ihr Terrain, als befreite Gebiete für sich reklamieren. Davon gibt es schon viel zu viel bei uns. Es ist kein Trost, dass es bisher noch in keiner Ecke Deutschlands so aussieht wie in Teilen Kalabriens oder in und um Neapel.
Wer die Erfahrung macht, dass es sich lohnt, sich mit Gewalt durchzusetzen, der wird immer wieder und immer schneller zu diesem Mittel greifen. Die sieben Schläger vom Berliner Alexanderplatz haben ihre Überlegenheit über Jonny K. genossen. Sie sind auf der Droge Gewalt. Sie müssen auf Entzug gesetzt werden. Je schneller das gelingt, desto besser für uns alle. Auch – und auch damit hat der anonyme Autor der Karte recht– für die Täter.
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