Im Westminsterpalast sitzen die politischen Gegner bis heute zwei Schwertlängen voneinander getrennt. Es ist ein kleines Symbol für das packende Schauspiel, das die alte Demokratie an der Themse mitunter bietet. Ereignisse wie in der letzten Wahlnacht jedenfalls hat Großbritannien seit dem Sturz von Margaret Thatcher oder dem Aufstieg von Tony Blair nicht mehr erlebt: Minister verloren ihre Mandate und damit ihre sicher geglaubten Jobs. Drei Parteichefs traten zurück. Premierminister David Cameron hingegen feierte, allen Umfragen zum Trotz, einen triumphalen Erfolg. Und das war nur der erste Akt. Das wahre Drama folgt erst noch: Denn von nun an steht die Einheit des Vereinigten Königreichs auf dem Spiel.
Über Nacht hat sich in Britannien die politische Landkarte geändert: David Camerons Konservative Partei regiert nun mit einer Mehrheit, ohne auf einen Koalitionspartner Rücksicht nehmen zu müssen. Seinem Tory-Block, der vor allem in England dominiert, steht in Schottland ein ebenso eindrucksvoller Block der Nationalisten von der SNP gegenüber. Wie Cameron im Süden, so hat im Norden die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon ihre politischen Gegner weggefegt. Ihre Machtbasis, 56 von 59 verfügbaren Sitzen, ist sogar noch beachtlicher als die des Premiers. An den Fragen, ob diese beiden Parteichefs, der Unionist Cameron und die Separatistin Sturgeon, ein Auskommen finden, ob England und Schottland gewillt sind zu kooperieren, wird sich Großbritanniens Schicksal entscheiden.
Nimmt man den Wahlkampf zum Maßstab, sind die Vorzeichen nicht sonderlich hoffnungsvoll. Denn seit dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum im September, das die Nationalisten verloren, hat sich der Ton auf beiden Seiten des Hadrianswalls verschärft: Nicola Sturgeon hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre politische Mission darin sah, die Tories in Westminster zu stoppen – aus ihrer Sicht eine schnöselige, mitleidslose, kapitalistische Partei.
Königreich braucht konstitutionelle Reform
Für die Tories dagegen war Sturgeon die „gefährlichste Frau des Königreichs“, eine machtlüsterne SNP-Chefin, die eine Labour-Regierung geduldet hätte, um London Zugeständnisse für Schottlands Interessen abzupressen. Diese Dämonisierung der SNP trieb den Konservativen im Süden ohne Zweifel verunsicherte Wähler zu. Wenige Stunden nach seiner Wiederwahl hat Cameron nun die Einheit Britanniens betont und den einzelnen Landesteilen mehr Einflussmöglichkeit versprochen. Aber Vertrauen zu stiften, ist nicht leicht – jedenfalls nicht, nachdem man den Bürgern zunächst vor einer ganzen Nation, den Schotten, Angst gemacht hat.
Seit dem Unabhängigkeitsreferendum ist klar, dass das Königreich eine konstitutionelle Reform braucht, die das Zusammenleben aller britischen Nationen, der Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren, auf den Inseln neu regelt. Die Aufgabe ist nun akut, wenn der Regierung daran gelegen ist, die 300 Jahre alte Union Großbritanniens zu bewahren. Denn die Ereignisse der Wahlnacht weisen darauf hin, dass der Nationalismus in England und Schottland zugenommen hat. Cameron wäre deshalb klug beraten, das Ergebnis als Wählerauftrag zu sehen, Großbritannien die Struktur eines föderalen Staats zu geben, um das Abbröckeln ganzer Landstriche am Rande zu verhindern.
Das setzt jedoch den politischen Willen voraus, ein Problem zu lösen, das seit Jahren aufgeschoben wird. Die von Tony Blair einst eingeleitete Regionalisierung Britanniens ist unvollendet geblieben: England, der zentrale Teil der Inseln, hat im Gegensatz zu Schottland, Wales und Nordirland bis heute kein eigenes Landesparlament. Dafür leisten sich die Briten in Westminster weiter ihre archaische zweite Kammer: ein nicht-gewähltes, elitäres House of Lords.
Wie unvereinbar die Vorstellungen vom modernen Staat in London, Edinburgh, Cardiff und Belfast sind, wird sich zeigen, wenn Cameron das wichtigste Ziel seiner zweiten Amtszeit in Angriff nimmt: die Volksabstimmung über das britische Verhältnis zur Europäischen Union. Dann muss sich beweisen, ob Großbritannien die Zerreißprobe besteht. In Schottland, Wales und Nordirland ist nämlich wenig Interesse an ein einem Austritt aus der EU zu spüren – im Gegenteil zu England, der Heimat der Euroskeptiker.
Cameron selbst ist zuversichtlich, den Brexit verhindern zu können. Der Wirtschaft, die sich gerade von der Krise erholt, würde eine Abkehr von Europa schwer schaden. Allerdings fehlt dem Premier in Westminster nun eben jene moderate Kraft, die bisher am tapfersten für ein Britannien in Europa kämpfe: Die Liberaldemokraten, bislang Bündnispartner der Tories, haben 49 von 57 Sitzen verloren: Es war, wie gesagt, eine dramatische Nacht.
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