Gestern hatte ich eine längere Diskussion mit meiner Tochter Anais zum Thema: Wie sollte eine fast vierzehn Jahre alte Gymnasiastin gekleidet sein, wenn sie morgens in einer Großstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule fährt? Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann ich sagen, dass unsere Meinungen da etwas auseinandergehen. Anais sagt: „Alle Mädchen in meiner Schule tragen Leggins..“ Ich sage: „Okay, aber warum muss man die Leggins mit fast transparenten Oberteilen kombinieren, die weit über dem Bauchnabel enden?“ Anais sagt: „Das trägt man eben so.“ Ich sage: „Weißrussische Straßenprostituierte tragen das vermutlich auch so.“ Anais sagt: „Du hast keine Ahnung. Schon mal was von Mode gehört, Papa?“ Unsere familiäre Fashion-Debatte endet meistens mit einem Kompromiss: Anais zieht Shorts über ihre Leggins und einen Pullover über ihr Oberteil. So geht sie dann aus dem Haus, aber ich schätze, dass sie schon an der nächsten Straßenecke alles Überflüssige von sich wirft. Weil die Mode das eben verlangt.
Vermutlich kann keine Militärdiktatur, keine Kirche, keine politische Bewegung mit der Macht der Mode mithalten. Weil die Mode die Menschen leichtfüßig erobert, scheinbar ohne jeden Zwang. Sie kommt wie eine Schäfchenwolke angeflogen, lässt ihr süßes, aufregendes Gift über unsere Köpfe regnen und gibt uns das Gefühl, dass wir selbst es sind, die auf einmal unbedingt Herzchen in unsere Oberschenkel rasieren wollen. Ich meine, es ist doch verrückt, wozu Menschen bereit sind, wenn sie den lieblichen Ruf der Mode in sich spüren. Sie weiten ihre Ohrläppchen mit Metallhülsen und sehen aus wie von Heavy-Metal-Rockern missbrauchte Elefantenbabys. Frauen tätowieren sich Fußabdrücke von Wildkatzen ins Dekolleté und tragen Plateauschuhe, die früher nicht mal Victoria Beckham angerührt hätte. Junge Mädchen, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, tragen Witwe-Bolte-Haarknödel auf dem Kopf. Wie ist so was möglich? Und warum reagiert die Uno nicht, die doch extra dafür geschaffen wurden, die Menschenwürde zu verteidigen?
Okay, ich gebe zu, auch ich habe in meinem Leben seltsame Dinge getan. Als ich in der neunten Klasse war, schnitt ich mir mit der Nagelschere Rillen in die Haaransätze, weil der Sänger von Depeche Mode das auch gemacht hat. Der Unterschied war nur, dass der Sänger von Depeche Mode wahrscheinlich jemanden hatte, der das mit den Rillen für ihn erledigte. Ich musste alles selber machen, vor dem Spiegel im Badezimmer. Meine Rillen waren nicht ganz gerade. Außerdem waren sie an manchen Stellen breiter als an anderen. Ich sah irgendwann wie der Königspudel unserer Nachbarin aus, als er mal Schuppenflechte hatte. Etwa zur selben Zeit habe ich zusammen mit meinem besten Freund Sven lindgrüne Reißverschlüsse auf unsere Jeans genäht, damit wir die Hosenbeine unten enger machen konnten. Wir waren, wenn man so will, die Erfinder der Skinny-Jeans.
Auch später noch habe ich alle möglichen modischen Verbrechen begangen. Nur eines habe ich nie getan: Ich habe keine Jogginghose getragen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Die Jogginghose ist ja so etwas wie die große Schwester der Leggins, und sie ist zurzeit bei Berliner Frauen angesagt. Wobei der Jogginghose ein Paradox anhaftet, weil sie ja ursprünglich aus der Sportbekleidung kommt, aber traditionell von Menschen getragen wird, die aussehen, als hätten sie noch nie Sport gemacht.
Die Jogginghose heißt jetzt übrigens Jogpants, die Leggins für Männer heißen Meggins und haben sich in London bereits durchgesetzt. Es kann also sein, dass ich nächstes Jahr auch solche Dinger trage. Meine Tochter Anais wird dann bereits in der nächsten Modephase sein, sie wird aus brandenburgischen Schaffellen gearbeitete Wickelröcke tragen, weil die Mode ja immer von einem Extrem ins andere geht. Wenn ich dann mit meinen Leggins ankomme wie der junge Rudolf Nurejew, wird sie sagen: „Schon mal was von Mode gehört, Papa?“
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