Mein Vater liegt nach einer Operation im Krankenhaus. Aber es ist schwer zu sagen, wie es ihm geht. Meine Mutter weiß es auch nicht. „Ich rufe auf der Station an, immer wieder, aber in diesem Krankenhaus geht niemand ans Telefon“, sagt sie.
Im Jahre 2017 ist es ja oft so, dass ein Mensch ein Mobiltelefon besitzt. Was den großen Vorteil hat, dass man direkt mit diesem Menschen sprechen kann. Selbst Dreijährige besitzen heute ihr eigenes Handy und telefonieren damit bis nach Afghanistan. Mein Vater aber ist über 80 und der einzige Mensch, den ich kenne, der kein Handy besitzt.
Leo & Gutsch
Wöchentlich wechselnd liefern sich Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch einen kolumnistischen Schlagabtausch. Leo war viele Jahre lang Redakteur der Berliner Zeitung im Ressort Seite 3/Magazin, Gutsch arbeitet für das Gesellschaftsressort des Spiegels.
Gemeinsam veröffentlichten die beiden bereits die Bücher „Single. Family. Zwei Männer. Zwei Welten. 66 wahre Geschichten", „Sprechende Männer" und zuletzt „Es ist nur eine Phase, Hase".
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Meine Mutter hat es ihm angeboten, wenigstens jetzt, wo er im Krankenhaus liegt, könnte er es doch mal probieren. Aber ich ahne, was mein Vater gesagt hat: „Es reicht völlig, wenn du so ein Ding hast, Jutta.“ Mein Vater würde eher mit Rauchzeichen kommunizieren oder mit Brieftauben, als sich ein Handy ans Ohr zu halten. Er ist so eine Art Amish-Mann in Ost-Berlin, wobei die Handy-Abneigung nicht auf religiösen Motiven beruht, sondern einfach nur auf: kein Bock.
Meiner Mutter geht das gehörig auf die Nerven. Sie ist in dieser Ehe der digitale Kommunikationsprofi, wobei man sagen muss, dass sie ihr Handy ausschließlich als Einweg-Handy benutzt. Es ist immer ausgeschaltet. Es ist völlig unmöglich, sie auf dem Handy anzurufen. Man kann nur von ihr angerufen werden.
Don’t call me. I’ll call you.
Mein Vater ist ein Handyverweigerer
Ich habe ihr oft gesagt, dass es zum Wesenskern des mobilen Telefonierens gehört, erreichbar zu sein. Aber sie schaut mich nur an mit mütterlicher Liebe, und ihr Blick sagt: „Ja, mein Junge. Was weißt du schon von der Welt? Ich habe schon telefoniert, da warst du noch Magerquark im Schaufenster.“
Immerhin, sie verschickt gerne E-Mails. Sie sitzt dann an ihrem Laptop, den ich ihr vor Jahren besorgt habe. Mein Vater saß noch nie an diesem Laptop, dabei schreibt er ständig, ganze Bücher füllt er mit Lebenserinnerungen, aber eben alles handschriftlich, und da er Arzt war, kann diese Handschrift, geschult durch jahrzehntelange Rezeptunterschriften, leider niemand lesen. Außer ihm selbst.
„Nimm doch das Laptop. Es ist ganz einfach. Ich kann es dir zeigen“, sage ich. Aber mein Vater setzt sich lieber ans Keyboard und spielt Klavier. Seltsamerweise besitzt er nicht nur einen Flügel – sondern auch zwei Keyboards. Im musikalischen Bereich ist er der Moderne gegenüber total aufgeschlossen, der Jean-Michel Jarre aus Karlshorst.
Überhaupt kann ich mich an sehr moderne Zeiten erinnern. Irgendwann in den 80er-Jahren stand plötzlich ein Farbfernseher in unserem Wohnzimmer, und mein Vater verkündete stolz, dass dies die allerneueste Technik sei. Also: neueste DDR-Technik. Es war ein klotzartiges, riesiges Gerät, vor allem, wenn man bedenkt, dass es nur fünf Fernsehprogramme gab.
Keine Lust auf die Moderne
Und es hatte eine Fernbedienung. Manchmal saß mein Vater auf der Couch, zappte zufrieden durch die fünf Programme und sagte: „Man muss nicht mehr aufstehen. Alles vollautomatisch, mein Junge!“ Ich weiß nicht, wann mein Vater die Lust an der Moderne verloren hat. Aber manchmal denke ich, es gibt da eine Veranlagung in unserer Familie. Eine erbliche Komponente, die bereits die nächste Generation erfasst: mich.
Ich habe zum Beispiel ein iPad, aber ich benutze es kaum. Ich bin nicht bei Twitter, obwohl heute alle Journalisten twittern. Ich bin nicht bei WhatsApp, dabei ist selbst die 90-jährige brasilianische Großtante meiner Frau bei WhatsApp. Und mein letztes Computerspiel war vermutlich die Originalversion von Pac-Man. Es ist nicht so, dass ich diese Sachen ablehne. Sie sind mir einfach nur egal. Und dann denke ich, voller Angst, dass ich womöglich eine gut 40 Jahre jüngere Version meines Vaters bin.
Tja. Heute werden wir ihn im Krankenhaus besuchen, meine Mutter und ich. Vielleicht finden wir meinen Vater. Vielleicht wurde er aber auch längst entlassen und irrt jetzt durch die Stadt.
Auf der Suche nach einer Telefonzelle.
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