Vor ein paar Tagen sah ich im Kino International die Weltpremiere des Films „Kundschafter des Friedens“. In dem Film geht es darum, dass ein paar Stasi-Agenten-Rentner im Stile der Olsenbande einen internationalen Konflikt lösen. Der Film ist wirklich sehr lustig, weshalb ich das Kino beschwingt verließ und beinahe mit einem Mann zusammenstieß, der ein Transparent in den Händen hielt, auf dem stand: „Holm = Stasi“. Ich dachte, wie seltsam es ist, dass die Stasi gleichzeitig ein fester Bestandteil des deutschen Komödienwesens geworden ist – und noch so unglaublich ernst genommen wird.
Ich glaube, es gibt nur sehr wenig, über das in Deutschland so ausdauernd und viel diskutiert wird wie über den vor 27 Jahren verschwundenen DDR-Geheimdienst. Mithalten können da vielleicht noch der Feminismus, die Frage, wie scheiße Bayern München ist, und wer eigentlich das Bernsteinzimmer geklaut hat. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen, diesen historischen Triumph des gescheiterten ostdeutschen Spitzelapparats, der es bis heute schafft, die Gemüter derartig zu erhitzen.
„Die Stasi“ ist zum Synonym für das Böse schlechthin geworden. Und, ehrlich gesagt, ohne die Verbrechen der Stasi kleinreden zu wollen, finde ich das zu viel der Ehre. Ich verstehe, dass es praktisch ist, so etwas total Böses zu haben. Für die SED war es gut, weil sie auf einmal selbst gar nicht mehr so böse erschien. Und für die Westler war es noch viel besser, weil sie immer nur „Stasi“ sagen müssen und schon ist alles klar. Auch wenn gar nichts klar ist.
Gnadenlos seiner Existenz beraubt
Die meisten zu DDR-Zeiten aktiven Stasi-Leute sind längst tot oder in einem todesähnlichen Zustand. Übrig sind nur noch die Jungen. Leute wie Andrej Holm. Ich kenne Andrej Holm nicht, er ist mir in den letzten Wochen auch nicht sympathisch geworden. Aber wenn einer so niedergemacht wird wie er, wenn einer so gnadenlos seiner Existenz beraubt wird, dann muss man, glaube ich, ein bisschen zu ihm halten.
Das Einzige, was Andrej Holm und mich verbindet, ist das Jahr 1970, in dem wir beide geboren wurden. Als ich 14 war, kam ein Offizier an meine Schule, der von uns Jungs wissen wollte, wie lange wir zur Armee gehen. Mein Vater sagte: „Lass’ dich nicht austricksen von dem Arsch.“ So wusste ich, was ich zu tun hatte. Als Andrej Holm 14 war, kam ein Stasi-Kollege seines Vaters ihn zu Hause besuchen. Der Vater sagte: „Junge, du arbeitest für den Frieden.“ So wusste Andrej Holm, was er zu tun hatte.
Die Geschichte des Andrej Holm ist ein gutes Beispiel dafür, wie kompliziert und widersprüchlich das Leben sein kann. Sein Vater war bei der Stasi zuständig für die Kontrolle der DDR-Schriftsteller. Er las also hauptberuflich Heiner Müller und Volker Braun und war so begeistert von den Büchern, dass er sie seinem Sohn zur Lektüre empfahl. Stellt man sich so einen Stasi-Haushalt vor? Holms Vater soll Heiner Müller zum IM erklärt haben, um ihn vor anderen Stasi-Abteilungen zu schützen. Stellt man sich so einen Stasi-Offizier vor?
In den vergangenen 27 Jahren habe ich oft versucht, den Westlern den Osten zu erklären. Das war anstrengend, was auch daran liegt, dass mir selbst der Osten immer unverständlicher erscheint. Für die Westler muss man die Dinge immer sehr eindeutig und vereinfacht erklären, weil sie sonst ungeduldig und sauer werden.
Keinen interessiert, wie die DDR wirklich war
Dann rufen sie: „Stasi! Unrechtsstaat!“ und erläutern, wie sie in der DDR gelebt hätten. Mittlerweile denke ich, dass es niemanden mehr interessiert, wie es wirklich in der DDR war. Man will nur sein Bild von diesem verschwundenen Land behalten, möglichst Kleinformat und schwarz-weiß.
Ich wüsste wirklich gerne, wie der Bürgermeister Michael Müller in der DDR gelebt hätte. Wenn man die Hasenfüßigkeit, die Müller im Fall Holm zeigte, als Prognosegrundlage nimmt, wäre eine Karriere als Parteigruppenorganisator im VEB Druckkombinat Berlin sicherlich möglich gewesen. Oder um es mit Henry Hübchen zu sagen, der in der Stasi-Komödie als Kundschafter Falk den amateurhaften BND-Leuten entgegenschleudert: „Und so was hat den Kalten Krieg gewonnen. Das ist traurig!“
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