Kommentar des Tages

Dieter Wedel, Ulrich Tukur und die DDR

Empörung ist zurzeit der größte Spaß. Vor allem auch unter Journalisten.

Jochen-Martin Gutsch
4 Min
Dieter Wedel, Ulrich Tukur

Dieter Wedel, Ulrich Tukur

© imago/Sven Simon

Im "Spiegel" las ich vor ein paar Tagen ein Interview mit dem Schauspieler Ulrich Tukur. Es ging um Dieter Wedel, mit dem Tukur einige Filme gedreht hatte. Es war ein interessantes Interview, weil Tukur nicht richtig wusste, wie er mit dem „Fall Wedel“ und den Missbrauchsvorwürfe umgehen sollte. Tukur war hin und her gerissen. Er sagte: „Mir tun diese Frauen sehr leid, und wenn es so geschehen ist, gibt es da auch überhaupt nichts wegzureden. Mir tut es aber auch leid für Dieter Wedel.“ Wedel sei nicht das Monster, zu dem er jetzt gemacht werden. Im Laufe des Interviews sagt Tukur zum Journalisten: „Bitte sagen Sie, wenn ich Blödsinn rede.“

Das Erstaunliche an diesem Interview sind die Selbstzweifel, die Tukur zulässt. Wie beurteilt man einen Fall, über den man alles nur aus den Medien weiß? Wie beurteilt man einen Menschen, den man zu kennen glaubte, den man sogar mochte und gegen den jetzt massive, schreckliche Vorwürfe laut werden? Wendet man sich von ihm ab? Hält man so lange zu ihm, bis die Vorwürfe gerichtlich bestätigt sind? Oder verharmlost man dadurch bereits die potenziellen Taten?

Es gibt darauf keine einfachen Antworten, und Tukur gibt auch keine, weshalb das Interview das Aufrichtigste ist, was ich in den vergangenen Wochen zum Fall Wedel gelesen habe. Natürlich wurde sich über Tukurs Aussagen empört. Empörung ist zurzeit das höchste Gut, der größte Spaß. Vor allem auch unter uns – den Journalisten.

In der Talkshow „Maybrit Illner“ saß kürzlich die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Sie kritisierte die „Me Too“-Debatte, weil sie ihrer Meinung nach ein falsches, altmodisches Frauenbild propagiere. Ein Opferbild. Man kann diese Einschätzung natürlich kritisieren und für falsch halten. Aber am nächsten Tag las ich in einigen Medien die Schlagzeile: „Philosophin redet bei Illner sexuelle Gewalt klein“.

Das tat Frau Flaßpöhler zwar mit keinem Wort, aber es spielte anscheinend kaum noch eine Rolle, weil im Empörungsrausch jede Kritik, jedes Hinterfragen bereits verdächtig erscheint. Bin ich zu empfindlich? Ja, vielleicht. Aber zuweilen erinnert mich die mediale Debattenstimmung in ihrer moralischen Eindimensionalität an die DDR. Bist Du für oder gegen uns, Genosse?

Kritik ist verdächtig


Leo & Gutsch

Wöchentlich wechselnd liefern sich Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch einen kolumnistischen Schlagabtausch. Leo war viele Jahre lang Redakteur der Berliner Zeitung im Ressort Seite 3/Magazin, Gutsch arbeitet für das Gesellschaftsressort des Spiegels.

Gemeinsam veröffentlichten die beiden bereits die Bücher „Single. Family. Zwei Männer. Zwei Welten. 66 wahre Geschichten", „Sprechende Männer" und zuletzt „Es ist nur eine Phase, Hase".

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Seit Tagen wird auch über den Regisseur Quentin Tarantino berichtet. Er soll die Schauspielerin Uma Thurman zu einem Stunt gedrängt haben, bei dem sie sich schwer verletzte. Er soll sie angespuckt und gewürgt haben. Als ich das las, war mein erster Reflex: Was für ein Arschloch! So stand es auch, sinngemäß, in vielen empörten Medienkommentaren.

Kurz darauf erklärte Uma Thurman, es wäre nun doch alles etwas komplizierter. Tarantino habe sich längst bei ihr entschuldigt. Der Stunt sei ein Unfall gewesen, den er „zutiefst bedauert“. Es steckte „keine böse Absicht“ dahinter.

Tarantino sagte in einem Interview, er habe Uma Thurman zwar bespuckt und gewürgt, aber das sei einverständlich geschehen, weil sie eine Filmszene geprobt hätten. Es sollte alles echt aussehen und das Würgen sei sogar Uma Thurmans Idee gewesen. Aber da waren all die empörten Zeitungskommentare längst in der Welt und Tarantinos Ruf war erst mal beschädigt. Klar, er wird es verkraften können.

Ein Klima wie in der DDR

Ich werde manchmal gefragt, was für einen Journalisten die wichtigste Tugend sei. Mir fällt nie eine gute Antwort ein. Ich sage „Neugier“, aber später denke ich, dass meine Katze ja auch sehr neugierig ist. Oder ich sage: Durchhaltevermögen! Aber hat nicht jeder Jogger Durchhaltevermögen?

Mittlerweile glaube ich, dass die wichtigste journalistische Tugend der Zweifel ist. Vor allem, was die eigene Arbeit betrifft.

Als ich Reporter beim Spiegel wurde, sagte mein damaliger Chef, für ihn habe beruflich immer eine Maxime gegolten: Man darf sich als Journalist nicht mit einer Sache gemein machen. Auch nicht mit einer Guten. Das ist ein Zitat von Hanns Joachim Friedrichs und es erscheint mir heute, in Zeiten von „Me Too“, manchmal so, als stamme es aus einer längst untergegangenen Welt.

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