Für Sven Fischer dürfte sich in einigen Monaten eine große Hoffnung erfüllen. Er wird beim Farben-Großhändler Knittel fest angestellt werden. „Da bin ich stolz, mir gefällt es hier sehr“, sagt der 36-jährige Neuköllner, der bisher auf die Grundsicherung angewiesen ist. Sven Fischer hat seinen Platz in der Firma gefunden – im Rahmen der externen beruflichen Bildung. In einer Halle am Zentrallager Schnellerstraße in Schöneweide arbeitet er im Kleinteilelager in der oberen Etage. Unten sausen die Gabelstapler hin und her.
Hier oben verwaltet Sven Fischer mit einem Scanner, den er immer bei sich trägt, all die kleineren Produkte, die die Firma Knittel für Kunden bereithält: Klebstoffe, Holzsiegel, Cuttermesser, Düsen. Sechs Gänge voller Regale. Sven Fischer nimmt die Ware an und ist dafür verantwortlich, dass alles an dem dafür vorgesehen Platz gelagert wird. „Alles muss seine Ordnung haben“, sagt Fischer, der leise und bedächtig spricht. Und er stellt alles zusammen, wenn ein Kunde es unten in der Warenannahme abholen will.
„Er braucht mitunter seine Zeit, um die Dinge umzusetzen“
„Herr Fischer ist pünktlich, ordentlich und kooperativ“, sagt Lars Mackowiak, der örtliche Logistik-Leiter. Sven Fischer ist hier seit gut eineinhalb Jahren tätig. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Denn der hagere Mann hat seit seiner Kindheit ein leichtes Lerndefizit, ist etwas eingeschränkt, wenn es um schnelles Arbeiten geht. „Er braucht mitunter seine Zeit, um die Dinge umzusetzen“, sagt Guido Handschug, der bei den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB) das Integrationsmanagement leitet.
Gemeinsam mit seiner Kollegin Katja Wegehaupt als Jobcoach hat er sich um Sven Fischer gekümmert. Zunächst wurde Fischer in einer der Werkstätten beobachtet und es wurde diagnostiziert, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Er hatte nach seinem Hauptschulabschluss an einem Neuköllner Förderzentrum nie einen Beruf gelernt. Aber er hat immer wieder gearbeitet. In einer Malerwerkstatt oder einer Zigarettenfabrik zum Beispiel. Als Ungelernter. Oft befristet oder als ABM-Maßnahme.
Genau das Richtige
Die BWB-Leute stellten schließlich den Kontakt zum Traditionsunternehmen Gustav Knittel her. Dort durchlief Sven Fischer alle Abteilungen. „Wir haben vorher die Kollegen auf Herrn Fischer vorbereitet“, sagte Logistik-Leiter Mackowiak. Als er dann kam, haben die Jungs im Lager, wo mitunter ein rauer Ton herrscht, keine böses Wort verloren. Nicht gelästert. „Und Herr Fischer hat sich gleich gut integriert“, sagt Lars Mackowiak von der Firma Knittel, die nicht zuletzt wegen des anhaltenden Baubooms derzeit eine sehr große Nachfrage hat.
Alle gemeinsam schauten danach, dass Sven Fischer den für ihn passenden Arbeitsplatz erhielt. Das Kleinteillager ist offenbar genau das Richtige. Hier hat er mehr Ruhe als unten in der Halle, wo es sehr lebhaft zugeht. Und das Sortieren der vielen kleinen Dinge kommt seinem ordnungsliebenden Naturell entgegen. Alles muss seinen Platz haben.
Aktion „Schichtwechsel“
Wenn er in ein paar Monaten eine reguläre Arbeitsstelle bei der Firma erhält, wird Fischer fortan noch vom Integrationsfachdienst des Landes weiterbetreut. Zum nächsten Jahr wird die Bezuschussung der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt umgestellt. Daneben gibt es auch noch Integrationsfirmen, die besonders viele Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen. Jedoch fordert Christine Nothacker, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft, nun den Senat auf, den Minderleistungsausgleich auf 30 Prozent des Arbeitgeber-Bruttolohns zu erhöhen. Aber das nur am Rande.
Am 12. Oktober findet die Aktion „Schichtwechsel“ statt. Mitarbeiter aus 80 Berliner Unternehmen, Behörden oder Stiftungen tauschen ihren Arbeitsplatz mit Beschäftigten der Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen. Viele Menschen bleiben oft ihr ganzes Arbeitsleben in solchen Werkstätten. Anders als Sven Fischer.
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