Lesen & Hören

Familie Robinson im Paradies

Zwischen Demut, Aufbegehren, Hammeleintopf und Schafskötteln: T. C. Boyles neuer Öko-Roman „San Miguel“

BLZ
5 Min

T. Coraghessan Boyle, der Lieblingsautor aller Aussteiger, Umwelt- und Naturfreunde, wird immer mehr zum kalifornischen Lokalhistoriker. In seinen Anfängen schickte er seine Freaks und Abenteurer gern bis nach Afrika („Wassermusik“), Alaska („Drop City“) oder auch in Dr. Kelloggs Rohkostsanatorium („Willkommen in Wellville“), um sie am einfachen Leben im Einklang mit der Natur scheitern zu lassen. In seiner mittleren Phase entzauberte Boyle berühmte Zeitgenossen wie Alfred Kinsey („Dr. Sex“) und den Architekten Frank Lloyd Wright („Die Frauen“) aus dem Blickwinkel ihrer Frauen.

Nun widmet er sich schon zum zweiten Mal hintereinander einem bedrohten Paradies vor seiner Haustür: den Inseln des Santa-Barbara-Archipels vor der kalifornischen Küste, von den Spaniern abgeholzt, im 19. Jahrhundert durch Schafzucht überweidet und von Glücksrittern vollends ruiniert, seit 1980 ein menschenleeres Naturreservat.

In seinem evolutionsbiologischen Insel-Western „Wenn das Schlachten vorbei ist“ beschrieb Boyle das gestörte ökologische und sozialpsychologische Gleichgewicht zwischen militanten Vegetariern und besonnenen Tier- und Naturfreunden in den Achtzigerjahren.

Jetzt liefert er – natürlich wieder aus weiblicher Perspektive – die Vorgeschichte nach: Drei Generationen von Frauen erleben zwischen 1888 und 1942 San Miguel mal als Hölle, mal als Fegefeuer und zuletzt als Paradies auf Erden. Schuld daran ist weniger die raue, unwirtliche äußere Natur der Inseln als die innere Natur der männlichen Siedler – kriegerischer Eroberungsdrang, brutales Gewinnstreben, Intoleranz, Gefühlsroheit, kurz: amerikanischer Ungeist. Niemand ist eine Insel, nicht einmal die edlen Frauen, solange ihre männlichen Artgenossen sich so hart und rücksichtslos gegen Mensch, Tier und sich selbst verhalten.

Marantha ist schon vom Tod schon gezeichnet, als sie zusammen mit ihrem Mann Will und ihrer Tochter Edith 1888 auf San Miguel landet. Der jähzornige, verbitterte Bürgerkriegsveteran, das primitive Leben in einer „trostlosen Bruchbude“, das ewige Blöken der Schafe und Heulen des Windes zermürben die Frau, die Besseres gewöhnt ist und sich eine stille Vornehmheit bewahrt hat. Pflichtbewusst, schicksalsergeben und fromm wie eine gute Pionierfrau, erträgt sie Wills Launen, Blutstürze und die Unbill des Klimas, aber irgendwann sind ihre Geduld und Kraft aufgebraucht.

Maranthas Aufbruch ins Paradies ist gescheitert, aber wenigstens ihre Adoptivtochter soll und will es besser haben. Edith ist schon als Kind ein rebellischer Wildfang, der sich weigert, das Korsett zu schnüren und die Haare züchtig hochzustecken: „Mrs. Caliban“ spielt lieber gefährliche Spiele mit Jimmie, dem naiven Farmarbeiter, und mexikanischen Scherern als den Vorstellungen ihrer Eltern von Arbeit und Anstand zu gehorchen.

Als der tyrannische Vater sie nach Maranthas Tod gegen ihren Willen auf die Insel zurückholt, will Edith nur noch aus ihrem Gefängnis ausbrechen. Rafael, der als Fluchthelfer auserkorene Macho, vergewaltigt das Mädchen und lässt es weiter zwischen Vogelkot, Schafsurin und Männerschweiß schmoren, aber ein gutmütiger Robbenfänger schmuggelt Edith schließlich aufs Festland. Sie macht Karriere als Varietésängerin, aber glücklich wird sie weder in den Lasterhöllen des Tingeltangels noch in ihren drei Ehen.

Das gelingt erst der nächsten Frauengeneration, in den Dreißigerjahren, als Radio, Funkgeräte und Flugzeuge das abgelegene Eiland schon näher an die Zivilisation heranrücken. Für die kultivierte, verwöhnte Elise Lester ist San Miguel, das ihr Herbie quasi als Hochzeitsgeschenk anbietet, zunächst eine herbe Enttäuschung: Als Leserin von „Wuthering Heights“ und „Jane Eyre“ erhoffte sie traute Einsamkeit und romantische Abenteuer, aber sie findet nur Nebel, Regen und Kälte, klamme Betten, harte Arbeit und täglich Hammeleintopf. Im Lauf der Zeit freundet sich Elise zögernd mit ihrem Schicksal an, und die Geburt zweier Töchter machen das Idyll schließlich vollkommen: Raum und Seelenfrieden ist in der kleinsten Hütte, wenn Mann, Frau und Kinder sich lieben.

Von Reportern als „Schweizer Familie Robinson“ gefeiert, sind die Lesters tatsächlich „vielleicht die glücklichsten Menschen der Welt“, jedenfalls Aussteiger ganz nach Boyles Geschmack. Versöhnt mit sich und der Natur, fern der Welt, aber nicht ganz ohne Komfort, Bibliothek und Champagner, idealistisch, aber nicht blauäugig oder fanatisch, träumen sie den „Traum von offener Weite, von Freiheit, von Selbstständigkeit und schlichter Güte“. Der Zweite Weltkrieg bringt ein böses Erwachen: Herbie, Kriegsveteran und Waffennarr, aber im Grunde ein achtsamer und feinfühliger Pionier im Geiste von Thoreau, verrennt sich wie ein kalifornischer Kohlhaas in einem Privatkrieg gegen Staat, Armee und Spießertum. Als er sich in seiner Wut dann auch noch zwei Finger abhackt, fühlt er sich nur noch als halber Mann; nach dem Selbstmord ihres Geliebten ist auch Elise eine gebrochene Frau.

Boyle hat die Desillusions- und Emanzipationsschicksale der drei Insel-Frauen nicht erfunden. Er erzählt die Geschichte des „Königs von San Miguel“ nach den Tagebüchern und Aufzeichnungen der Frauen. Der Rückgriff auf historische Quellen bekommt dem Roman allerdings nicht unbedingt gut. So psychologisch dicht und handwerklich sauber Boyle den Kampf gegen Wind und Wetter, Schafe und Böcke schildert, so virtuos er die drei Biografien durch wiederkehrende Situationen, Leitmotive und Figuren verschränkt, fehlt „San Miguel“ doch viel von dem, was seine Romane sonst auszeichnet: die harten Kontraste und tragikomischen Schurken, Tempo, Drive und Spannung und nicht zuletzt Humor und Ironie.

So gerät die Geschichte von der Erschaffung und Zerstörung des Paradieses durch die Schlange Mann zu einer eher eintönigen Frauen-Robinsonade – weibliche Selbstverwirklichung zwischen Demut und Aufbegehren, Hammeleintopf und Schafskötteln, absolut authentisch und episch breit erzählt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de