Lichterfelde-Süd: „Parks Range“

Wohnungsbau im Biotop

Bis zu 2700 Wohnungen sollen in Lichterfelde-Süd entstehen. Das Vorhaben ist umstritten. Kritiker werden beteiligt. Die Ergebnisse sollen die Grundlage für Experten-Workshops mit Architekten und Stadtplanern bilden.

Sebastian Höhn
4 Min
Noch etwas unwirtlich: Das Gelände des früheren US-Truppenübungsplatzes "Parks Range", auf dem die Groth Gruppe bis zu 2700 Wohnungen errichten will.

Noch etwas unwirtlich: Das Gelände des früheren US-Truppenübungsplatzes "Parks Range", auf dem die Groth Gruppe bis zu 2700 Wohnungen errichten will.

© Sebastian Höhn Lizenz

Es ist eine richtige Wildnis entstanden, dort, wo früher der Krieg geprobt wurde. In den fast 20 Jahren, seit die Amerikaner ihre Panzer abzogen, hat sich die Natur „Parks Range“ zurückgeholt. Auf dem früheren Truppenübungsplatz in Lichterfelde-Süd trainierten die US-Streitkräfte den Häuserkampf. Heute gilt er als eines der außergewöhnlichsten Biotope in der Hauptstadt.

861 Tier- und Pflanzenarten hat das Umweltamt Steglitz-Zehlendorf hier gezählt. Zehn Prozent davon stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Doch das Biotop soll einem neuen Stadtquartier Platz machen, einem sehr großen. Der Investor Klaus Groth will dort bis zu 2700 Wohnungen bauen. „Parks Range“ wird damit das größte Entwicklungsgebiet im Berliner Südwesten. Das Vorhaben ist umstritten, Anwohner, Umweltschutzverbände und Gewerbetreibende kritisieren die Pläne als zu überdimensioniert.

2700 Wohnungen

Investor und Bezirk wollen die Kritiker nun stärker einbinden. In einem sogenannten Werkstattverfahren, das am 23. November startet, sollen sich Vertreter von Verbänden, Initiativen, der Bezirksverordnetenversammlung sowie zehn interessierte Anwohner an den ersten Grobplanungen beteiligen. Die Ergebnisse sollen die Grundlage für Experten-Workshops mit Architekten und Stadtplanern bilden.

Damit geht der Bezirk über das übliche Maß an Bürgerbeteiligung hinaus. Gesetzlich vorgeschrieben ist die Öffentlichkeitsbeteiligung erst im B-Planverfahren, das später stattfindet. Und es ist wohl das erste Mal, dass im bürgerlichen Südwesten die Anwohner an einem Werkstattverfahren teilnehmen sollen. „Das hat mit der großen Dimension und der Komplexität des Projekts zu tun“, sagt Baustadtrat Norbert Schmidt (CDU). Mutmaßungen, der Bezirk wolle damit den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, weist er zurück.

Vor allem von Seiten des Aktionsbündnisses Landschaftspark Lichterfelde-Süd, das sich für eine wesentlich behutsamere Bebauung einsetzt, hatte es in den vergangenen Monaten teils scharfe Kritik gegeben. Auslöser war eine Absichtserklärung, in der Schmidt und Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) mit dem Investor den Bau von bis zu 2700 Wohnungen vereinbart hatten. Bis dahin hatte der Bezirk solche Größenordnungen abgelehnt. Das Aktionsbündnis sprach deshalb von Wortbruch. Für den Investor würden einfach Fakten geschaffen. Solche Absichtserklärungen seien bei Großprojekten üblich, sagt Schmidt – und bemüht ein merkwürdiges Bild. „Das ist wie eine Verlobungsanzeige“, sagt er. „Wenn alles gut geht, wollen wir heiraten.“ Endgültig festgelegt sei damit aber noch nichts.

„Es ist fraglich, wie viel Einfluss wir im Werkstattverfahren auf die Entscheidungen nehmen können“, sagt Reinhard Niebergall vom Aktionsbündnis, irritiert von der Ankündigung einer „Ehe“ zwischen Bezirk und Investor. „Ich glaube, dass vieles schon intern festgelegt ist.“ Trotzdem werde sich seine Initiative beteiligen.

100 Hektar großes Gelände

Den Entwurf eines Masterplans für das 100 Hektar große Gelände gibt es bereits. Das Bezirksamt stellte ihn kürzlich den Anwohnern vor. Das Interesse war groß. Etwa 250 Besucher kamen zu der Informationsveranstaltung in einer Sporthalle am Rande der benachbarten Thermometersiedlung.

Das Areal werde durch eine große „grüne Mitte“ geprägt sein, sagte Sabine Lappe, Leiterin des Stadtplanungsamtes. Die Wohnbebauung soll im Westen, Norden und Osten davon erfolgen, in fünf einzelnen, voneinander getrennten Quartieren. Vor dem S-Bahnhof Lichterfelde-Süd ist ein großer Platz geplant, mit angrenzenden Geschäften, Supermärkten und sozialen Einrichtungen. An der Réaumurstraße, die das Gelände von der Thermometersiedlung trennt, sollen Sechsgeschosser entstehen, zur „grünen Mitte“ hin abgestuft. Gleiches gilt für den Bereich an der S- und Fernbahntrasse im Westen: „Da müssen lärmrobuste Gebäude entstehen. Eine Abschottung durch Lärmschutzwände wollen wir nicht“, sagte Lappe. 350 zusätzliche Kitaplätze müssen geschaffen werden. Zudem ist mindestens eine weitere Grundschule mit insgesamt dreieinhalb Klassenzügen notwendig.

Die Bebauung, so sehen es die Absichtserklärung mit dem Investor und der Masterplan vor, soll auf 39 Hektar erfolgen, 57 Hektar sind als Parklandschaftsfläche vorgesehen. Auch daran gibt es nach wie vor Kritik. Denn ein Naturschutz-Gutachten, vom Bezirk selbst in Auftrag gegeben, hatte höchstens 16 Hektar Bauland als vertretbar eingestuft.

Unklar ist, ob das Gelände in der Zwischenzeit für Erholungssuchende geöffnet wird, wie es das Aktionsbündnis fordert. Denn aus der Hoffnung von Investor Klaus Groth, schon Ende 2015 bauen zu können, wird wohl nichts. „Diese Vorstellung halte ich für zu ambitioniert“, sagt Baustadtrat Norbert Schmidt CDU. Er rechne stattdessen mit etwa vier Jahren.

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