Vielleicht bin ich ja spießig. Oder – wie es Martin Niewendick im Tagesspiegel ausdrückt – eine glückliche, kreative Versagerin, die in einer romantischen Zweier-Beziehung lebt und irgendwann sogar heiraten und Kinder kriegen möchte. Von denen sei Berlin nämlich neuerdings voll. Und die nerven ja so. Der Autor schreibt: „Liebe GKVs [Glückliche Kreative Versager], bleibt doch gleich in der Provinz. Dort könnt ihr es euch zwischen Kreissparkasse, Dorfkirche und Lieblingsfahrradweg gemütlich machen. Wenn ihr unbedingt Ringe tauschen, Kinder zeugen und Häuschen bauen wollt, bitte. But not in my backyard!“
Frei und einsam
Journalisten und andere Medienmenschen bezeichnen meine Generation gerne als „Generation Y“. Die etwa 23- bis 35-Jährigen seien idealistisch im Job, forderten mehr Zeit für Hobbies und Privatleben und, und, und. Die jüngeren Vertreter der „Generation Y“ in Berlin erlebe ich vor allem als: Single und auf der Suche. Nach dem, was sie ausmacht: der richtigen Wohnung (Altbau, versteht sich), dem richtigen Job mit der richtigen Unternehmenskultur (freitags Bier auf der Dachterrasse) und auch nach dem richtigen Partner oder der richtigen Partnerin. Wer Letzteres gefunden hat – ob für immer oder für ein paar schöne Monate oder Jahre sei mal dahingestellt – sollte sich glücklich schätzen. Und sich nicht rechtfertigen müssen.
Kein richtiges Herz für Paare: Unsere Autorin ist genervt vom glorifizierten Single-Leben der Berliner.
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Ja, Berlin ist eine schnelle, kurzlebige Stadt. Wir feiern nicht nur bis in die Morgenstunden, nein, wir gehen nach dem Frühstück auf eine Party. Irgendwo im Grünen, mit Kicker, Tischtennis, organischen Drinks und Glitzerschminkständen. Dort laufen so viele potenzielle Bekanntschaften herum, dass es eigentlich gar keinen Sinn macht, sich auf eine Person mit all ihren Fehlern und Schwächen einzulassen.
Feste Partnerschaft? Zusammenziehen? Ist in Berlin eher verpönt. Hier soll Mann oder Frau lieber flexibel bleiben – für den nächsten Flirt, den nächsten Job oder die nächste Stadt. Spontan sein, das ist vielen Menschen in Berlin wichtig. Sie wollen sich nicht festlegen – weder bei ihren Wochenendplänen, noch bei der Partnerschaft. Man hört oft von „offenen“ Beziehungen. Von festen Plänen mit dem Partner oder der Partnerin ist nicht so oft die Rede. Alle wollen frei sein. Und sind doch oft einsam.
Berlin ist Hochburg der Dating-Apps
Wer sich nach Zweisamkeit sehnt, und sei es nur für eine Nacht, der greift mittlerweile immer öfter auf Dating-Apps wie Tinder zurück. Die Anwendung fürs Smartphone hatte in Berlin schon Tausende Nutzer bevor sie ihren Durchbruch in der breiten Öffentlichkeit erlebte. Generell gilt die Stadt als deutsche Hochburg der Dating-Apps.
Gleichzeitig ist Berlin unangefochten die Stadt mit der coolsten Nachtclubszene Europas, wenn nicht der Welt. Doch scheinen die Ausflüge ins Berliner Nachtleben den Suchenden nicht das zu geben, was sie suchen: menschlichen Kontakt, Intimität. Manchmal auch nur ein nettes Gespräch, ein bisschen Flirten.
Nur in Regensburg mehr Singles
Laut einer GfK-Studie gibt es deutschlandweit nur in Regensburg mehr Singles als in Berlin. In der Hauptstadt sind über die Hälfte der Einwohner partnerlos. Von außen wird die Stadt oft als sehr offen beschrieben, als vibrierend und integrierend. Dass man hier schnell neue Leute kennen lernt, heißt es.
Aber hört man sich unter jüngeren Neu-Berlinern um, so sagen sie doch meistens: Freunde zu finden sei in Berlin nicht leicht, oft blieben die Kontakte oberflächlich. Die große Liebe? Das sei sowieso ein schwieriges Thema. Im Club würden die Menschen lieber für sich tanzen, alleine Richtung DJ gewandt. Lernen junge Singles doch jemanden kennen, laufe es meistens nur auf Sex hinaus. Ins Café nehmen Berliner ein Laptop oder ein Buch mit. Und wenn man sie mit anderen Menschen sieht, dann meist mit ihrer festen Clique.
Dass ich allergisch auf Niewendicks Kommentar reagiere, liegt allerdings vor allem an einem: Ich denke ein bisschen wie er. Paare können langweilig sein und sind oft nicht die besten Begleiter, um nachts um die Häuser zu ziehen. Und ich selber neige zur Pärchen-Sofa-Netflix-Rotwein-Starre und kann mich an meine letzten Club-Besuche einerseits zu gut (weil zu wenig Alkohol) und andererseits zu schlecht (weil zu lange her) erinnern.
Wer bringt Berlin denn jetzt aus seinem schnellen Rhythmus? Die langweiligen Paare, die zwar in Kreuzberg und Neukölln wohnen wollen, dann aber am Wochenende auf der Couch bleiben? Oder die unglücklichen Singles, die im Café oder sogar im Club auf ihrem Smartphone herum wischen, um potenzielle Partner bei Tinder abzulehnen oder ein Match zu finden?
Pasta statt Club
Das Single-Leben in Berlin kann toll sein, keine Frage. Jede Nacht ein neues Abenteuer. Eine Beziehung in Berlin zu führen stellt einen vor Herausforderungen. Weil es nicht so cool ist, sich als Mitzwanziger festzulegen. Schon gar nicht in einer Metropole wie dieser. Nicht nur vor sich selbst, auch vor dem Freundeskreis muss man sich rechtfertigen, wenn man am Samstagabend lieber selber Pasta macht, als einen neuen Club auszuprobieren.
Aber ist das nicht genau das Versprechen, das wir uns alle von Berlin erhofft hatten? So zu leben wie wir es wollen. Wenn Single-Sein in Berlin die Norm ist, schließt das die aus, die mutig genug sind, es miteinander zu versuchen und durchzuhalten. Und die, die sich heimlich nach Zweisamkeit sehnen.
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