Willem (26) fragt:
Wenn man der Präriewühlmaus, die als das monogamste aller Tiere gilt, die Oxytocinrezeptoren chemisch kappt, will sie von Monogamie nichts mehr wissen. Woraus man schließen kann, dass Liebe nicht existiert. Können Sie mich vom Gegenteil überzeugen?
Malte Welding antwortet:
Mein vierjähriger Sohn berichtete kürzlich, sein Kita-Freund E. glaube, dass Götter die Welt geschaffen haben. E. glaube aber auch, dass er über sich selbst bestimme. Wenn aber Götter die Welt geschaffen hätten, dann könne E. nicht über sich bestimmen, denn dann würden die Götter über alles bestimmen.
Alles hatte ganz harmlos begonnen, als mein Sohn vor einigen Wochen fragte, ob es den Osterhasen gebe, und meine Frau, die gerade etwas in den Kühlschrank räumte, ohne sich umzudrehen antwortete: „Nein.“ Ich schaute meinen Sohn an, er schaute mich an, ich murmelte etwas Entschuldigendes und dann fragte er: „Und den Weihnachtsmann?“
Ich bin nicht in jedem Moment vorbereitet auf solche Fragen, und da meine Frau eben ohne sich umzudrehen den Osterhasen geopfert hatte, beschloss ich, ebenfalls ehrlich zu sein. Ich räumte ein, dass wir beide für die Geschenke zuständig seien. Er schien es gelassen zu nehmen. Ich hätte ihn ebenso gut mit einer Atombombe ausrüsten können, denn nun hatte er einen Wissensvorsprung gegenüber seinen Kita-Kameraden. Und den setzte er ein.
Mit der Zeit vermischte sich in seinem Kopf „an den Weihnachtsmann glauben“ und „an Gott glauben“, und so kommt es nun zu seinen theologischen Betrachtungen. Ich versuche, ihm zu erklären, dass manche Menschen Trost darin finden, sich vorzustellen, ihre Oma im Himmel wiederzusehen, und dass man ihnen diesen Trost lassen soll. Aber niemand fühlt sich so sehr der Wahrheit verpflichtet wie Vierjährige.
Was, wenn die Liebe nur ein Konstrukt ist, das wir aus Gründen des Pragmatismus geschaffen haben? Wäre sie nur eine kulturelle Leistung, wäre sie nicht die denkbar beste? Müsste man sie nicht erfinden? Jonathan Safran Foer schrieb in „Alles ist erleuchtet“: „Liebe mich, denn Liebe existiert nicht, und ich habe alles versucht, was existiert.“
Wenn man einer Präriewühlmaus die Rezeptoren für ein Bindungshormon nimmt, binden sie sich nicht mehr. Wenn man mir das Trommelfell zerstört, höre ich Musik nicht mehr. Existiert also die magische Wirkung von „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ gar nicht, weil man sie ohne Ohren nicht hört? Wenn ein Vierjähriger Sie fragt, ob es den Osterhasen gibt, und Sie immer noch nicht wissen, ob die Liebe existiert, müssen Sie sich dringend um Oxytocinrezeptoren kümmern. Sonst wird der Rest schwierig.
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