Kommentar zum Aus der „Lindenstraße“

Das Bedauern ist bigott

Die Serie war immer da, aber wir haben immer öfter weggesehen.

Harry Nutt
3 Min

Mal ehrlich: Es ist schon recht lange her, dass die TV-Serie „Lindenstraße“ einen festen Platz in der eigenen Wochenenddramaturgie eingenommen hat. Die „Lindenstraße“ war immer da, aber wir haben immer öfter weggesehen. Für wen Fernsehen jedoch keine verwerfliche Kulturtechnik ist, von der man sich besser fernhält, der konnte die Familien Beimer, Zenker und Co. in den zurückliegenden drei Jahrzehnten nicht völlig ignorieren. Und doch war ich kürzlich ziemlich überrascht und erschrocken, dass Klaus Beimer rund 40 Kilo abgenommen hat. Aus dem ewigen Sohn von Mutter Beimer war plötzlich ein hagerer Mann geworden, kaum wiederzuerkennen. Ich hatte die äußerliche Verwandlung des Charakters nicht bekommen.

Moritz A. Sachs, der Klaus Beimer darstellt, ist seit Folge 1 dabei. Als die Serie von Hans W. Geißendörfer 1985 in der ARD auf Sendung ging, war Sachs sieben Jahre alt, in diesem Jahr ist er 40 geworden. Allein an Sachs/Beimer ließen sich wertvolle Studien über das wechselvolle Verhältnis von Person und Rolle anknüpfen. Die „Lindenstraße“ und ihre Charaktere ergeben eine satte Sozialgeschichte der späten Bundesrepublik, und die Serie erwies sich als ideales Format, mit dem man oft sehr direkt auf gesellschaftspolitische Strömungen zu reagieren vermochte. „Die „Lindenstraße“ war zugleich aufklärerisch, revolutionär und volkspädagogisch. Und erreichte über einen sehr langen Zeitraum den Zuspruch des Publikums, das sich mit dem Personal der Serie identifizieren konnte oder zumindest gut von ihm unterhalten fühlte.

Steigende Kosten, sinkender Publikumszuspruch bei der „Lindenstraße“

Vor diesem Hintergrund ist es besonders bigott, wie die ARD-Nachrichtensendungen am Freitagabend die Botschaft vom bevorstehenden Ende der Sendung im Jahr 2020 übermittelten. Man feierte die „Lindenstraße“ noch einmal als jenes Kultprodukt, zu dem sie geworden war, nun aber leider schicksalshaft den Serientod sterben müsse. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn rechtfertigte mit Bedauern die ökonomische Zwangsläufigkeit der Entscheidung. Steigende Kosten, sinkender Publikumszuspruch, da kann man nun einmal nichts machen.

Gilt der Verlust an Quote nicht für nahezu alle Formate? Nicht einmal die Quote ist ja das, was sie einmal war. Angesichts eines sich rasant verändernden Nutzungsverhaltens, mit dem souverän über Mediatheken und vielfältige Speichermedien verfügt wird, kann der unmittelbare TV-Konsum kaum mehr als verlässliche Maßeinheit gelten.

Rettungsversuche der „Lindenstraße“ fehlgeschlagen

Die spürbare Enttäuschung, mit der Regisseur Hans W. Geißendörfer und seine Tochter Hana auf die geplante Einstellung der Serie reagierten, lässt erahnen, dass einvernehmliche Rettungsversuche fehlgeschlagen waren. Mit dem Versprechen auf minimalinvasive Eingriffe ist man in den Planungssitzungen offensichtlich nicht recht weitergekommen.

Und es ist wohl auch richtig, dass grade dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts Schlimmeres widerfahren kann als der Eindruck, es gelte das Prinzip: Alles soll bleiben wie es ist. Aber der berechtigte Stolz auf ein Stück gesellschaftlicher Kontinuität ist nun einmal nicht mit einer kühlen Programm- und Haushaltspolitik in Einklang zu bringen, mit der das Alte geopfert wird ohne eine Idee vom Neuen zu entfalten. Als Fernsehmuseum jedenfalls ist die „Lindenstraße“ immer noch spannender als die oft hektischen Versuche, mit der sich ändernden Medienwirklichkeit schrittzuhalten.

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