Liquid Biopsy gegen Krebs: Neue Bluttests verbessern die Therapie

Das noch junge Verfahren namens Liquid Biopsy analysiert DNA-Spuren von Tumoren.

BLZ
6 Min

Kein Tumor gleicht dem anderen. Das ist der Grund, warum zwei Patienten mit der anscheinend gleichen Krebsart auf ein bestimmtes Medikament völlig unterschiedlich reagieren können: Bei dem einen geht der Tumor zurück, bei dem anderen zeigt sich die Geschwulst völlig unbeeindruckt. Meist liegt das an genetischen Abweichungen (Mutationen) der jeweiligen Krebszellen.

Wissenschaftler versuchen schon lange, die genetischen Details eines jeden Tumors und seiner Abkömmlinge, der gefürchteten Metastasen, zu identifizieren. Ihnen geht es darum, unwirksame Therapien zu vermeiden und damit den Patienten mögliche Nebenwirkungen, die mit jeder Krebsbehandlung einhergehen können, zu ersparen.

33. Deutscher Krebskongress

Lange Zeit gelang das ausschließlich mithilfe einer Gewebeprobe, der Biopsie. Für den Patienten ist das Verfahren aufwendig und mitunter, zum Beispiel bei Tumoren in der Lunge, auch nicht ungefährlich. Viel eleganter ist eine neue Methode, bei der man seit einigen Jahren im Blut nach verräterischen Krebsspuren fahndet.

Liquid Biopsy heißt das Verfahren, auch Flüssigbiopsie oder – da es sich eben nicht um eine Gewebeprobe handelt – Liquid Profiling genannt. Das riesige Potenzial der Methode, aber auch ihre möglichen Grenzen und die Frage, in wessen Hände die Untersuchung gehört, sind wichtige Themen des 33. Deutschen Krebskongresses, der am Mittwoch eröffnet wurde und bis Sonnabend im City Cube in Berlin tagt.

Diskussion um Früherkennung

Zu den Experten, die auf der Tagung über die Liquid Biopsy diskutieren, gehören der Mannheimer Diagnostikexperte Michael Neumaier und der Bochumer Krebsmediziner Wolff Schmiegel. Beide propagieren das Liquid Profiling als eine Methode, die dem Arzt und seinem Patienten die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Behandlungsform erleichtern kann.

Zudem, auch darin sind sich Neumaier und Schmiegel einig, lassen sich mit dem Verfahren die Erfolge der gewählten Therapie überwachen und mögliche Rückschläge erkennen, lange bevor die ersten Symptome neuer Metastasen zu beobachten sind oder die Tochtergeschwulste in bildgebenden Verfahren sichtbar werden. Zunächst noch zurückhaltend stehen die beiden Wissenschaftler hingegen Bestrebungen gegenüber, die Liquid Biopsy künftig auch zur Krebsfrüherkennung zu nutzen.

Im Januar hatte ein Team um die renommierten US-Krebsforscher Nickolas Papadopoulos und Bert Vogelstein von der Johns Hopkins University in Baltimore im Fachblatt Science berichtet, dass sie per Flüssigbiopsie acht häufige Krebsarten in einem frühen Erkrankungsstadium nachweisen können. Indem die Forscher im Blut nach charakteristischen Proteinen und Erbmaterial von Krebszellen suchten, konnten sie der Studie zufolge Tumore der Eierstöcke, der Leber, des Magens, der Bauchspeicheldrüse, der Speiseröhre, des Darms, der Lunge und der Brust erkennen und voneinander unterscheiden.

Allerdings, das räumen die Forscher auch selber ein, ließ ihr Test in mancherlei Hinsicht noch sehr zu wünschen übrig. So wurde nur jeder fünfte noch junge Tumor der Speiseröhre und nur jeder dritte der Brust per Flüssigbiopsie erkannt. Für die Praxis wären solche falsch negativen Ergebnisse fatal.

Nicht zutreffende Krebsdiagnose

„Die ganz frühen Stadien eines Tumors haben oft noch keine Gefäße ausgebildet, sind also an den Blutkreislauf noch gar nicht angeschlossen“, begründet Wolff Schmiegel, Facharzt für Gastroenterologie und Onkologie an der Medizinischen Universitätsklinik, Knappschaftskrankenhaus in Bochum, seine Bedenken gegen das Verfahren als Methode zur Krebsfrüherkennung. „Folglich können diese jungen Tumore ihre DNA auch noch nicht ans Blut abgeben.“

Diagnostikexperte Michael Neumaier, Direktor des Instituts für Klinische Chemie an der Universitätsmedizin Mannheim, weist zudem darauf hin, dass Screeningverfahren zur Krebsfrüherkennung bei klinisch gesunden Personen generell sehr niedrige positive Vorhersagewerte haben.„Dadurch erhalten Menschen, die in Wirklichkeit gesund sind, eine verstörende und nicht zutreffende Krebsdiagnose“, sagt er.

„Etabliert ist die Methode vor allem bei Darm- und Lungenkrebs"

„Außerdem weiß man bei einem Screening nicht, welche aus der großen Zahl möglicher genetischer Abweichungen, die einen Tumor verursachen können, individuell bei der untersuchten gesunden Person vorliegen“, betont der Wissenschaftler. Hier seien die Verfahren schlicht noch nicht so weit.

Neumaier und Schmiegel sprechen sich daher dafür aus, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ein Liquid Profiling ausschließlich bei einer bereits nachgewiesenen Krebserkrankung einzusetzen. „Etabliert ist die Methode vor allem bei Darm- und Lungenkrebs sowie beim schwarzen Hautkrebs, dem malignen Melanom“, sagt Schmiegel. Auch bei Tumoren der Brust gebe es erste erfolgversprechende Daten.

Genetische Veränderungen der Krebszellen

Bei Darmkrebspatienten beispielsweise suchen die Forscher derzeit per Liquid Biopsy im Blut nach 34 Mutationen in zwei sehr häufig betroffenen Genen namens RAS. Der Mutationsstatus dieser Erbanlagen ist wichtig, da er Aufschluss über die bestmögliche Behandlung des Tumors gibt. „Sind die RAS-Gene unverändert, sollte eine Therapie mit Antikörpern erfolgen“, sagt Schmiegel. „Finden wir aber eine der 34 Mutationen, wissen wir, dass die Antikörpergabe zwecklos ist und wir uns für eine andere Therapie entscheiden müssen.“

Auch bei Lungentumoren und schwarzem Hautkrebs lassen sich im Blut inzwischen solche genetischen Veränderungen der Krebszellen finden, anhand derer sich vorhersagen lässt, ob eine bestimmte Therapie sinnvoll ist oder nicht. Bei Lungenkrebspatienten weist etwa die T790M-Mutation darauf hin, dass Tyrosinkinase-Inhibitoren, kurz TKI, zur Behandlung ungeeignet sind. Bei Patienten, die diese Mutation nicht haben, können mit TKI hingegen oft gute Ergebnisse erzielt werden. Bei schwarzem Hautkrebs fahndet man nach Veränderungen des BRAF-Gens.

1000 Euro pro Untersuchung

Obwohl das Liquid Profiling den Patienten unwirksame Behandlungen erspare und somit den Krankenkassen auch unnötige Kosten, sei das Verfahren bisher keine reguläre Kassenleistung, kritisieren Schmiegel und Neumaier. Eine Untersuchung der RAS-Gene per Flüssigbiopsie kostet nach Angaben der Forscher derzeit fast 1000 Euro.

Nicht in jedem Fall muss der Patient die Untersuchung allerdings selbst bezahlen. „Es gibt für Ärzte seit kurzem auch die Möglichkeit, diesen Test unter bestimmten Voraussetzungen im Rahmen der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung abzurechnen“, sagt Neumaier.

Wochen bevor der Tumor sichtbar wird

Im Zuge der Diskussion, ob und wie das Liquid Profiling künftig als Kassenleistung eingesetzt werden sollte, müsste dem Mannheimer Diagnostiker zufolge geklärt werden, in welchen Zeitabständen die Untersuchung bei den einzelnen Krebsarten überhaupt sinnvoll ist. Denn eingesetzt wird das Verfahren nicht nur vor Beginn einer Therapie, sondern auch im Verlauf, um den Behandlungserfolg zu kontrollieren.

„Nicht selten passiert es, dass die Krebszellen mit der Zeit einer bestimmten Therapieform gegenüber resistent werden, ein zunächst erfolgreich eingesetztes Mittel seine Wirkung somit verliert und die Erkrankung neu aufflammt“, sagt Neumaier. „Eine solche Entwicklung lässt sich per Liquid Profiling sehr früh erkennen: Wochen bis Monate bevor der Tumor mit bildgebenden Verfahren sichtbar wird oder der Patient deswegen Beschwerden hat“, betont der Wissenschaftler.

Besser als bisherige Marker

In der Regel sei es in solchen Fällen sinnvoll, zunächst einen Therapiewechsel einzuleiten, sagt der Onkologe Schmiegel. Oft werde der Tumor dadurch nach einiger Zeit wieder für das ursprüngliche Medikament empfindlich. Und auch das lasse sich per Liquid Profiling früher und gezielter als mit jeder anderen Methode erkennen. „Das Verfahren ist sehr viel spezifischer als die klassische Suche nach Tumormarkern im Serum, die heute noch Standard in der Labormedizin ist“, sagt Neumaier.

Tumormarker sind charakteristische Eiweiße, die im Blut zirkulieren und auf eine Krebserkrankung hinweisen können. Bekanntestes Beispiel ist das prostataspezifische Antigen, kurz PSA, das bei einem Prostatakarzinom – aber auch bei Entzündungen der Prostata oder im Alter – vermehrt im Blut zu finden ist. „Zudem gibt ein positiver Tumormarkertest dem Arzt noch keine Handlungsanweisung“, sagt Neumaier. „Die Liquid Biopsy hingegen schon.“

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