Wer vor ein paar Tagen noch im Internet nach dem Namen Lisa Davis suchte, der landete erst einmal bei einer Schauspielerin, die in den Fünfzigerjahren eine kleinere Film-Karriere machte. Das hat sich in kürzester Zeit geändert. Denn Lisa Davis heißt auch eine 50 Jahre alte US-Managerin, die bislang für den Ölkonzern Shell gearbeitet hat und nun neue Vorstandsfrau bei Siemens wird. Sie soll das Energiegeschäft der Münchner leiten. Was eine größere Überraschung ist und die jüngere Lisa Davis auch bei Google ganz nach oben katapultiert hat.
Über die Managerin Lisa Davis weiß man noch nicht allzu viel. Sicher ist aber dieses: Kein Außenstehender hatte sie auf der Rechnung, und auch Siemens-intern rätselt man über den Coup des Konzernchefs Joe Kaeser. Seine Wahl ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.
Erstens sorgt Lisa Davis dafür, dass der zur reinen Männerriege geschrumpfte Konzernvorstand wieder etwas weiblicher wird. Die Karrieren ihrer Vorgängerinnen sind jüngst nach relativ kurzen Gastspielen zu Ende gegangen. Zweitens bringt Davis einen Hauch von Internationalität in das Spitzengremium der Münchner, in dem bislang nicht nur alle Vorstände männlich, sondern auch Deutsche sind. Die Bestellung einer Frau und US-Amerikanerin ist insofern ein Signal nach außen wie innen.
Für das Geschäft wichtiger sein dürfte allerdings ein anderer Umstand. Davis wird ihre Vorstandsgeschäfte von den USA aus führen. Erstmals in der Geschichte von Siemens wird damit ein maßgeblicher Teil der Aktivitäten außerhalb Deutschlands gemanagt. Und das hat einen guten Grund. Lisa Davis, die Chemie-Ingenieurin, die an der kalifornischen Elite-Universität Berkeley studiert hat, hat ihre bisherige Karriere bei Ölkonzernen gemacht, angefangen bei Exxon über Texaco bis zu Royal Dutch Shell, wo sie zuletzt als Strategiechefin arbeitete. Sie kennt sich exakt dort hervorragend aus, wo Siemens hin will – auf den boomenden US-Energiemarkt, wo die hierzulande umstrittene Fracking-Technologie gerade bei Öl und Gas für Furore sorgt. Siemens war bislang von diesem Geschäft abgeschnitten. Lisa Davis soll das ändern, wenn sie im August von London nach Orlando im US-Bundesstaat Florida umzieht.
Sie soll dafür sorgen, dass Siemens den US-Erzrivalen General Electric (GE) vor dessen Haustür auf dem lukrativen Markt endlich angreifen kann. Ihre Ernennung ist auch eine Replik auf den GE-Vorstoß beim französischen Alstom-Konzern, bei dem GE wiederum im Vorhof von Siemens wildern will.
Lisa Davis trägt einen praktischen Kurzhaarschnitt und gibt als Hobbys Golf, Reisen, Lesen und ihre Familie an. Das klingt rundum artig und verbirgt die Dynamik, mit der Davis dienstlich agiert. „Im Rückblick waren einige meiner besten Entscheidungen auch die härtesten“, sagte sie vor drei Jahren bei einer Preisverleihung. Bei Siemens dürfte sie einige Gelegenheit bekommen, sich auszuleben. Gleichzeitig muss sie wissen, wie es um weibliche Vorstandskarrieren im Münchner Männerladen bestellt war und sich wappnen. Ihr Lebensmotto könnte der neuen Energiefrau von Siemens dabei helfen. Es lautet: Lebe mit Hingabe, sei entscheidungsfreudig, wenn die Zeit dafür gekommen ist, und habe Spaß.
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