Wer das Wort Favela oder Slum hört, denkt meist an Südamerika, Indien, Afrika, aber nicht an Europa. Hier gelten weithin ein stabiles Rechtssystem, sauberes Trinkwasser, die regelmäßige Entsorgung des Abfalls und ein gewisses Maß an öffentlichem Nahverkehr als selbstverständlich. Aber all das gab es bis vor wenigen Jahren nicht in Cova da Moura, einem Vorort Lissabons, knapp zehn Kilometer entfernt vom Stadtzentrum mit Shopping-Malls, Bars, Restaurants, Museen und modernen Bürotürmen im Weltausstellungsgelände von 1998.Das war eine andere Welt für die meist schwarzen Einwanderer aus den einstigen portugiesischen Kolonien, die in einfachen, hüttenähnlichen Häusern ohne legales Wasser und Strom oder sichere Mietverträge lebten. Die Wege in Cova de Moura waren ungepflastert, Müll lag herum, von regelmäßigem Busverkehr konnte man nur träumen. Denn wie so manche Favela Brasiliens, gab es den Ort offiziell gar nicht, also auch keine staatliche Versorgungspflicht. Erst, als er in die Landkarten eingetragen war, als seine Einwohner zu Bürgern geworden waren, die wählen konnten, änderte sich die Situation. Es wurde sauberer, sicherer, hygienischer.Aber ist das alles, was der Mensch zum Leben braucht? Die Kuratoren der zweiten Lissaboner Architekturtriennale meinten, dass da mehr sein müsse. Sie riefen die Studenten des Landes auf, eine bessere Zukunft für Cova de Moura zu entwerfen. Gezeigt werden die Ergebnisse bis Januar in einem alten, kathedralartigen Elektrizitätswerk im noblen Vorort Belem, dort, von wo einst die Seefahrer zur Eroberung Indiens, Afrikas und Südamerikas aufbrachen. Wie auf weiß strahlenden Inseln sind die Entwürfe in riesigen Hallen präsentiert.Fast alle Werke vereint der Wunsch, nicht mit dem großen Schlag alle Probleme zu lösen, sondern kleinteilig, vorsichtig, im Gespräch mit den Einwohnern vorzugehen. Und alle verwerfen die Idee, mit noch mehr Ausdehnung ins Land für eine Entspannung zu sorgen. Stattdessen wird darauf gesetzt, den Vorort zu einem Lebensort werden zu lassen, die Baulücken zu füllen, mehr Dichte zu produzieren.Ganz ähnlich sind die Entwürfe für Mittelstandswohnhäuser im angolanischen Luanda, die gezeigt werden: Auch sie repräsentieren Effizienz der Grundrisse, Verdichtung und einen erheblichen Anteil ökologischer Vorsorge. Kaum ein Bau, der nicht aus lokalen Materialien entstehen könnte, für den nicht Solaranlagen und Wassersparmaßnahmen gedacht wären. Die Höfe und kleinen Gärten garantieren Intimität, ohne dass der soziale Zusammenhang aufgebrochen würde. Welch ein Vorbild sind diese Behausungen, die sich so deutlich unterscheiden von den neuerdings als Townhäuser verherrlichten deutschen Reihenhausghettos.Solche Zurückhaltung prägt die in der Architekturtriennale gezeigten Arbeiten. Auch das unterscheidet die Schau von ihrer großen Schwester, der Architekturbiennale in Venedig. Als Lissabon 2007 zum ersten Mal versuchte, mit dieser zu konkurrieren, lud man noch die internationalen Stars ein und gab den Ländern die Möglichkeit, sich selbst darzustellen. Jetzt gilt das radikale Gegenkonzept: Jede der Ausstellungen - sei es die im Museum für moderne Kunst Museu Chiado, die im Elektrizitätswerk oder die Hauptschau im Kulturzentrum von Belem - tragen die Botschaft vom kleinen, feinen, eleganten, sozial verantwortlichen und vor allem auf die portugiesischsprachigen Länder bezogenen neuen Weg.Dabei strahlt das 1998 eingeweihte Kulturzentrum Belem mit seiner bis zur letzten Türklinke achsenfetischistischen Massenarchitektur ganz und gar nichts von volksnaher, offener Kultur aus. Und doch wird selbst hier das überbordende Leben, wird die Kraft der Menschen in den Slums im brasilianischen Recife, im mosambikanischen Maputo und in Luanda vorstellbar. Ebenso der verzweifelte Versuch der Mittelschichten, sich in Gated Communities von den Unterschichten abzugrenzen. Der hohe Stacheldrahtzaun auf der Wand im Ausstellungssaal signalisiert: Das, was Freiheit, Wohlstand und Sicherheit zu garantieren scheint, ist auch eine Gefängnismauer. Immer wieder schaut man durch die kleinen Fenster und schmalen Pforten auf Beispiele neuer portugiesischer Architektur - meist schlichte Entwürfe, ganz auf die Wirkung von Licht und Schatten, Material und Ökonomie vertrauend.Nicht alles ist wirklich systematisch in dieser Ausstellung: Die Präsentation etwa des Fabrikviertels der Firma Novartis an der schweizerisch-deutschen Grenze als eines Quartiers außerhalb der Welten erscheint reichlich konstruiert. Die Architekturprojekte aus Basel sind auch eher gehobener Bürobaustandard als wirklich vorbildlich. Und die breite Darstellung nordischer Projekte erklärt sich vor allem aus der tiefen Bewunderung, die das Land Portugal seit der unblutigen Nelken-Revolution von 1974 den nordischen Staaten entgegen bringt.Die sozialistische Architekturbewegung SAAL, die nach der Revolution versuchte, die Baukunst in den Dienst des Volkes zu stellen orientierte sich eben nicht nur am englischen Mittelstandswohn-Ideal, sondern auch an der nordischen Idee einer Gesellschaft, in der sich Egalität und Ordnung mit Wohlstand und individueller Freiheit verbinden. Die Oper von Oslo, die neue Universitätsbibliothek von Helsinki, ein kleines, nur aus einigen Brettern bestehendes Ateliergebäude oder ein Gemeinschaftszentrum in Kopenhagen, all dies sind Träume, die Portugal für uns alle als Ideal begreift. Wer will sagen, dass dies ein unsinniger Traum ist?-----------------------Lissabon. Bis 16. 1. 2011.Infos im Internet unter: www.trienaldelisboa.com------------------------------Fast alle Exponate vereint der Wunsch, nicht mit dem großen Schlag alle Probleme zu lösen, sondern vorsichtig vorzugehen.Foto: Englische Architekturvisonen aus den Sechzigerjahren als Zukunftsideal - ausgebreitet in einem der Säle des Kulturzentrums von Belem.
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