Wem die zeitgenössische deutsche Literatur zu blutleer, schreibgeschult oder zu nabelschauerisch ist, greift inzwischen zu Romanen aus jenen Ländern, in denen die Wirklichkeit selbst den Stoff für „farbige und pralle“ Erzählungen bietet. Die Berliner Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat sich durch gut Hundert von Büchern gelesen, die von Migranten stammen, und dabei eine ganz „neue Weltliteratur “ entdeckt. In ihrem Buch über die neuen Erzähler nennt sie die Erfahrung der Fremdheit, das „Rätsel der Ankunft“, die transnationalen Wanderungen, die hybriden Identitäten und das Schreiben in einer Nicht-Muttersprache als Erfahrungen, die die „ästhetische Energie“ antreibt.
Im Jahr 1948, als das britische Empire sich auflöste, landeten die ersten 493 arbeitsuchenden Jamaikaner in London. Die Einwanderer aus den Kolonien kreolisierten alsbald das Territorium und schrieben in einer reichen Sprache über ihre Erfahrungen. Schön waren die nicht. In Löfflers erfrischend subjektiver Auslese bleiben sowohl die türkische Gastarbeiterliteratur als auch die zahlreichen osteuropäischen Chamisso-Preisträger unberücksichtigt. Ihr Fokus ist angelsächsisch.
Den entwurzelten „Lonely Londoners“ von Sam Selvon (1956) folgten die gut ausgebildeten Mittelschichtler Naipaul, Coetzee, Kureishi und Rushdie. Ihre postkolonialen Romane beschwören den barocken Synkretismus der ethnischen Vielfalt. Löffler folgt den Veränderungen des Selbstbildes der Autoren vom armen Immigranten zum selbstbewusst globalisierten Literaten. Teju Cole, Aleksandar Hemon, Chimamanda Adiche, Helon Habila, Mohammed Hanif oder Jeet Thayil beziehen ihre Kraft als Chronisten des Niedergangs des Alten, des Scheiterns im Neuen. Die Heimatlosigkeit – wohin soll ein Jugoslawe zurück? – grundiert bei diesen urbanen Kosmopoliten nur noch eine tiefe Melancholie, in der man Mahlers „Lied von der Erde“ hört.
Die neue Klasse der smarten, coolen Weltbürger
Zu den „Afropoliten“, wie die Schriftstellerin Taiye Selasi die neue Klasse der smarten, coolen Weltbürger mit afrikanischer Hautfarbe nennt, gehört auch die in London aufgewachsene 33-jährige Somalierin Nadifa Mohamed. Ihr Roman mit dem irreführend romantisierenden Titel „Der Garten der verlorenen Seelen“ ist in der Tat eine realistisch erzählte, grausame Geschichte vom Zerfall des Herkunftslandes ihrer Eltern.
Ein Waisenmädchen aus einem Flüchtlingslager schlägt sich als Straßenkind durch, eine alte Frau, deren Tochter als Schülerin von Polizisten vergewaltigt wurde, wird von einer machtgeilen Soldatin fast totgeschlagen, diese zerbricht an der Männergesellschaft aus dubioser Armee, Rebellen und schwerbewaffneten Gangs. Dass Mohameds Opfer wie Täter allesamt Frauen sind, macht die Lektüre besonders hart. Und doch gibt es eine Flucht nach vorne.
Sigrid Löffler: Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler Beck, München 2013, 304 S., 19,95 Euro.
Nadifa Mohamed: Der Garten der verlorenen Seelen Aus dem Englischen von Susanne Urban. Beck, München 2014, 270 S., 19,95 Euro.
Am 13. Februar um 20 Uhr stellen Sigrid Löffler und Nadifa Mohamed im Literarischen Colloquium am Wannsee ihre Bücher vor.
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