Als Alexander Litwinenko am Abend des 1. November 2006 in sein kleines Reihenhaus im Londoner Norden zurückkehrte, klagte er über starke Schmerzen im Unterleib. Zuvor hatte der frühere Oberstleutnant des russischen Geheimdienstes, der seit Jahren im Londoner Exil lebte, in einem Sushi-Restaurant mit Andrej Lugowoi, einem alten Kollegen aus Moskau, gegessen. Drei Wochen später starb der 44-Jährige nach unsäglichen Leiden im Krankenhaus.
Fast vier Monate brauchte Scotland Yard, um die Vorgänge an jenem Abend in dem Moskauer Restaurant zu rekonstruieren. Kam bei Arafat nur mutmaßlich Polonium 210 zum Einsatz, geschah das im Fall Litwinenko mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Die Ermittler hielten es für erwiesen, dass Litwinenko an einer Dosis Polonium starb, welche ihm offenbar von Lugowoi ins Essen oder in ein Getränk getan worden war. Die Menge des radioaktiven Isotops, hätte ausgereicht, um mehr als hundert Menschen zu töten.
Es folgte eine Flut von Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen zwischen London und Moskau. Im Mittelpunkt stand der Verdacht, dieser Mord sei vom Kreml, vielleicht sogar von Präsident Wladimir Putin persönlich in Auftrag gegeben worden, um einen Kritiker auszuschalten.
Litwinenko hatte im Geheimdienst rasch Karriere gemacht. Doch dann wurde er nach Ansicht seiner Dienstherren zum Verräter. Litwinenko beschuldigte die Führung des Geheimdienstes FSB der Anstiftung zum Mord. Er habe den Auftrag erhalten, so der Agent, den Oligarchen und Putin-Gegner Boris Beresowski zu töten. Den Repressalien, die auf diese Anschuldung folgten, entzog sich Litwinenko durch eine illegale Ausreise aus Russland.
In London erhielt er politisches Asyl. Litwinenko beschuldigte den russischen Geheimdienst, Anschläge auf Wohnhäuser in Moskau und anderen Städten verübt zu haben, um Vorwände für einen weiteren Krieg in Tschetschenien zu schaffen. Er enthüllte, dass Agenten auch bei der Geiselnahme in einem Moskauer Theater 2002 ihre Hände im Spiel gehabt hätten. Und er beschäftigte sich mit dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja.
Keine Folgen für Putin
Der Tod Litwinenkos vermochte die Welt nur kurze Zeit zu fesseln. Politisch blieb er folgenlos, sieht man von einer vorübergehenden diplomatischen Krise in den russisch-britischen Beziehungen ab. Die Abschiedsworte des Ermordeten erwiesen sich als tragisches Fehlurteil. „Der weltweite Aufschrei des Protestes wird Ihr ganzes restliches Leben in Ihren Ohren widerhallen“, hatte Litwinenko Putin prophezeit. So kam es nicht.
Recht behalten sollte vielmehr Andrej Nekrassow, ein enger Freund des Ex-Spions. Die Sache könnte Putins Reputation im Westen geschadet haben, hatte er im November 2006 dieser Zeitung gesagt, doch hinzugefügt: „Ich weiß aber nicht, ob er sich darum noch schert.“
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