NEUENHAGEN Es war klar, dass etwas passieren würde, sagte die ältere Dame gestern. Sie ahnte es in dem Moment, als der Laster rückwärts fuhr, zurück auf die Gleise, und sich die Schranken schlossen. "Kurz darauf kam die S-Bahn. Dann gab es einen höllischen Knall", sagte die Frau.Der Unfall ereignet sich um 9.17 Uhr am Bahnübergang an der Hauptstraße, etwa 200 Meter vom S-Bahnhof Neuenhagen (Märkisch-Oderland) entfernt. Vier Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Ein Sattelschlepper hatte Betonteile für das Neuenhagener Bürgerhaus geladen, das bis Juni 2011 in der unmittelbar an den Gleisen liegenden Ziegelstraße gebaut wird.Der Laster überquerte die Gleise und wollte direkt hinter den Bahnanlagen die enge Kurve nach rechts auf die Baustelle nehmen. "Dabei hat er rangiert", sagte Meik Gauer, der Sprecher der Bundespolizei. Dass sich die Halbschranken schlossen, bemerkte der Fahrer offenbar nicht. Als die S-Bahn der Linie S 5 aus Fredersdorf nahte, stand der Laster direkt an den Schienen. Die Betonteile ragten noch etwa 1,50 Meter auf die Gleise.Geschlossene HalbschrankeDer 48-jährige S-Bahn-Fahrer konnte noch eine Schnellbremsung einleiten. "Er hat das Hindernis auf den Gleisen aber erst spät sehen können, weil der Bahnübergang in einer Kurve liegt", sagte S-Bahnsprecher Ingo Priegnitz noch am Unglücksort. Der Zug fuhr somit noch immer mit einem Tempo von etwa 50 Kilometer pro Stunde, als er gegen den Sattelauflieger stieß. Die Ladung, 450 bis 700 Kilogramm schwere Brüstungselemente, wurden dabei von dem Auflieger herunter gerissen. Sie zerstörten die geschlossene Halbschranke und schlitzten den Führerstand der 1997 in Dienst gestellten S-Bahn auf der rechten Seite auf. Er wurde völlig zerstört. Der Sechs-Wagen-Zug kam 100 Meter weiter zum Stehen."Der Triebfahrzeugführer ist offenbar noch geistesgegenwärtig nach links gesprungen", sagte S-Bahnsprecher Priegnitz. Der Fahrer wurde nach Informationen der Berliner Zeitung mit schweren Verletzungen an den Beinen ins Unfallkrankenhaus Marzahn geflogen. Dort sollte er noch am Abend operiert werden. Sein Zustand sei stabil, hieß es in der Spezialklinik.Auch zwei Fahrgäste des Zuges, der von Strausberg nach Westkreuz unterwegs war, wurden verletzt in Krankenhäuser eingeliefert. 90 weitere Passagiere konnten kurz nach dem Zusammenstoß unverletzt aus dem Zug geholt werden. Notfallmanager der Bahn halfen ihnen dabei.Mit Schock in die KlinikDer 33-jährige Fahrer des Sattelzuges erlitt einen schweren Schock, er musste ebenfalls in einem Krankenhaus behandelt werden. Er war für die Spedition Gress und Zapp aus Dessau unterwegs. Das sachsen-anhaltinische Unternehmen wollte sich gestern wegen der laufenden Ermittlungen nicht äußern.Für Maik Prinz, dem Polier auf der Baustelle des Bürgerhauses, ist der Unfall nicht nachvollziehbar. Die Lkw-Fahrer hätten Anweisung, sich von der anderen Seite der Gleise - über Marzahn - der Baustelle zu nähern. Dabei müssten sie den Bahnübergang nicht überqueren. "Der Fahrer hier hat sich auf die Informationen seines Navigationsgeräts verlassen", sagte Prinz.Der S-Bahnverkehr war bis zum Nachmittag zwischen Hoppegarten und Fredersdorf unterbrochen. Es fuhren Busse. Die benachbarte Eisenbahnstrecke, auf der die Regionalzüge der Oderlandbahn verkehren, war zwischen Lichtenberg und Strausberg gesperrt. Dort rollten schon am Mittag wieder Züge.------------------------------Karte: S-Bahn Unglück in Neuenhagen: Mit Tempo 50 fuhr die S-Bahn, als sie auf die Betonteile des Lkw prallte.Foto: Die S-Bahn riss am Bahnübergang die Betonpfeiler vom Auflieger. Trotz Schnellbremsung fuhr die S-Bahn noch so weit, dass erst das Ende des Zuges, der fast unversehrt blieb, am Aufprallort zum Stehen kam.Foto: Der Führerstand der S-Bahn wurde komplett zerstört.
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