„Locus Solus“ in der Volksbühne: Wirklichkeit ist nichts, Imagination alles

Das Leben einmal nicht nur aus der alles beherrschenden Optimierungsperspektive zu denken, sondern im Gegenteil, durch die radikal unproduktive Brille des Sterbens zu betrachten, ist der sinnreiche Ansatz, den die Volksbühne seit Anfang März verfolgt. „Schwarze Serie“ heißt die im wahrsten Sinne umwälzende Premierenreihe, die nicht mehr nur an der Gesellschaftsoberfläche kratzen, sondern Tiefenbohrungen, ja Quantensprünge suchen will, über bloß Soziologisches hinaus. Viel Mut gehört dazu und wilde Fantasie. Und natürlich auch das Scheitern, vor dem hier niemand Angst haben darf, denn ohne den Sprung ins Unbekannte hat dieser Ansatz keinen Sinn. Scheitern kann deshalb auch keine Kategorie sein, mit der man das schwarze Denken dieser Nachwuchsprojekte belegen sollte – allenfalls die Entdeckung fehlender Entschiedenheit und ...

BLZ
4 Min

Das Leben einmal nicht nur aus der alles beherrschenden Optimierungsperspektive zu denken, sondern im Gegenteil, durch die radikal unproduktive Brille des Sterbens zu betrachten, ist der sinnreiche Ansatz, den die Volksbühne seit Anfang März verfolgt. „Schwarze Serie“ heißt die im wahrsten Sinne umwälzende Premierenreihe, die nicht mehr nur an der Gesellschaftsoberfläche kratzen, sondern Tiefenbohrungen, ja Quantensprünge suchen will, über bloß Soziologisches hinaus. Viel Mut gehört dazu und wilde Fantasie. Und natürlich auch das Scheitern, vor dem hier niemand Angst haben darf, denn ohne den Sprung ins Unbekannte hat dieser Ansatz keinen Sinn. Scheitern kann deshalb auch keine Kategorie sein, mit der man das schwarze Denken dieser Nachwuchsprojekte belegen sollte – allenfalls die Entdeckung fehlender Entschiedenheit und Überladung.

Das gilt auch für das Theaterlabor „Locus Solus“, das der junge polnische Regisseur Krzysztof Garbaczewski am Mittwoch in diese Reihe stellte. Wobei „Labor“ etwas viel verspricht, denn tatsächlich hat Garbaczewski die Drehbühne, auf der Schauspieler wie die Zuschauer platziert sind, nur mit Greenscreens und wandernden Lichtspots ausgestattet und sie so in ein konventionelles Filmstudio verwandelt. Natürlich ist so ein Studio die Illusionsmaschine unserer Zeit. Und um Illusionsmaschinen, die die wahreren Wirklichkeitsräume sein wollen sowie die besseren Zukunftsgeneratoren, dreht sich die literarische Vorlage „Locus Solus“ von Raymond Roussel durchaus.

Allein die Wiederentdeckung dieses bizarren Romans von 1914 muss man dem Projekt danken. Der vermögende Künstler und Privatforscher Raymond Roussel hat darin ein fantastisch-irres Welt- und Schreiblabor entworfen. Man tut dem Autor kein Unrecht, wenn man ihn mit seiner Romanfigur Martial Canterel vergleicht, denn Wirklichkeit war für Roussel wie Canterel nichts, Imagination alles. Seine Unruhe galt die Suche nach einer anderen Welt. Und so ist denn auch der Ausstellungspark „Locus Solus“, in dem Canterel seine Visionen in sieben Maschinenwundern nachgebaut hat, die Gedankenwirklichkeit Roussels. Es sind Kunstgebilde aus Materie und Fantasie, in denen Gestern und Morgen, Mythologie und Wissenschaft zusammenfließen und dank der Säfte „Vitalium“ und „Resurectin“ sogar die Grenzen zwischen Tod und Leben verschiebbar sind.

Man könnte Raymond Roussels zombiehaften Zukunftspark als Gedankensprungbrett für vieles nehmen, Garbaczewski destilliert aus ihm das sehr gegenwärtige Machtimperium eines Medien-Masters. Canterels „Befreiung des Denkens“ aus allen Konventionen schließt sich hier mit der beängstigenden Kontrolle über Bildwelten zusammen. Der Schauspieler Tim Fletcher gibt Canterel als einen Bill-Gates’schen Big Brother in Videogestalt, dem eine naive Interviewerin stellvertretend für uns huldigt. Ein paar mythische Figuren des Romans tanzen noch faserig vor den Bildern, was kryptisch bleibt, ziellos. Hier flieht man vor dem alten Weltwahnsinn in einen neuen.

Wieder 9.4.2016, 19 Uhr, Tel: 24065777

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de