Natürlich kann man sehen, wie jung Lorde ist. Selbstvergessen, ein wenig linkisch schüttelt sie die hüftlangen Haare beim Tanzen, zuckt mit dem Kopf zu den Knien, wirft die Haare wieder auf den Rücken – und wirkt dabei genau wie eine 17-Jährige auf einer Teenager-Party. Nur steht die Neuseeländerin bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert allein vor knapp dreitausend Leuten in der Columbiahalle und singt im schlichten schwarzen T-Shirt und in einer hochgeschnittenen Marlene-Dietrich-Hose vor einem schwarzen Vorhang das trotzige „Glory and Gore“. Zum zweiten Titel erscheinen hinter dem Vorhang und vor drei goldschnörkligen Bilderrahmen ein langhaariger Keyboarder und ein Drummer. Aber: Ein enorm wirksames, auch mutiges Entree, das muss man schon sagen.
„Erwachsenwerden ist verdammt beängstigend“, wird Lorde dem Publikum später in einer langen Ansprache erklären, bevor sie in „Ribs“ von der ersten Party in der sturmfreien Bude ihrer Eltern erzählt, vom Rumräubern auf der Straße und dem Gefühl totaler Einsamkeit im Angesicht der schon vergangenen Kindheit und des Irrsinns der unvermeidlichen Zukunft. Es waren auch solche treffsicher formulierten Einsichten, die ihre ersten Singles und das Debüt-Album „Pure Heroine“ im letzten Jahr in wenigen Sekunden von null auf hundert schießen ließen. Dass man ihr ständig Frühreife attestierte, schmälert dabei das eigentlich Tolle: Sie singt nicht aus einer bereits abgeklärten Perspektive, sondern einfach genau aus der Mitte und auf der Höhe ihrer Erfahrung. Sie erzählt, wie sehr sie das Gequatsche im Tennisclub langweilt, wie fremd ihr die Kids mit den weiß blitzenden Zähnen sind, und sie weist in „Royals“ – dem Hit, der das klassische White-Teeth-Kid Miley Cyrus von den Charts-Spitzen schubste – schlicht darauf hin, dass ihre Wohnadresse niemanden neidisch mache und dass die HipHop-Welt aus Champagner, Maybachs und Luxusinseln nichts mit ihrer Welt zu tun habe: „Wir werden nie Royals sein, der Luxus ist nichts für uns, uns kicken andere Sachen.“
Umstandslose Geschmackssicherheit
Unter anderem nämlich gute Musik. Frühreif könnte man vielleicht die Eleganz nennen, mit der Lorde und ihr zuvor recht unbeschriebener musikalischer Co-Autor Joel Little ein abwechslungsreiches Album lang HipHop-Beats und brummende Bässe aus der Club-Haute-Couture, räumlichen Dubstep-Minimalismus und Kinderhymnen-Pop verbinden – das ist lässig, eingängig, auch knirschend abstrakt, mit einer umstandslosen Geschmackssicherheit, die Avant-Clubber wie Grimes ebenso begeistert wie David Bowie und Kleinkinder ebenso mitnimmt wie abgehangene Kritikernasen wie mich.
Vom Himmel gefallen ist Ella Yelich-O’Connor aber nicht. Sie stammt aus einem Vorort von Auckland, Vater Ingenieur, Mutter Lehrerin und mehrfach ausgezeichnete Dichterin. Nach einer Schulveranstaltung wird sie schon mit zwölf von der neuseeländischen Universal unter Vertrag genommen. Man habe sie völlig in Ruhe gelassen, meint Lorde dazu in Interviews – einigermaßen glaubhaft, wenn man bedenkt, dass ihre US-Umsätze 2013 höher waren als der Gesamtumsatz der neuseeländischen Musikbranche. Man erkennt die entspannte Karriereplanung auch in branchenunüblicher Kritik am diskutierbaren Realitätssinn von „lebenslang bei Disney institutionalisierten“ Teen-Kollegen und dem fragwürdigen Frauenbild im High-End-Pop sowie in fröhlichen Rempeleien gegen irre Christen, die vor einem Auftritt in Kansas gegen „ihre jugendverderblich rebellische“ Aufführung protestierten.
Weniger kontrovers als locker-selbstbewusst fiel dagegen ihr Auftritt aus. Natürlich spielte sie in den siebzig Minuten fast ihr ganzes Album durch, wobei die Beats gelegentlich noch ein bisschen schärfer zugespitzt waren. Außer einer Lightshow, die ihre Bewegungen im Stroboskop zerhackte oder farblich hübsch umhüllte, verzichtete Lorde auf jedes Showelement – abgesehen von einer Goldrobe, die sie für den Schlusstitel anzog. Und während man noch dachte, dass Lorde ihre merkwürdig coole Bodenständigkeit – nur Facts, keine Faxen – vollenden könnte, wenn sie das alberne Zugabenritual ausließe, ging schon die Auslassmusik an. Es war also ein sehr, sehr schönes Konzert, und wäre ich ein 17-jähriges Mädchen – ich wollte sein wie sie.
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